Buchcover: "Die großen Brände - Ein Roman von 25 Autoren"

"Die großen Brände" - Ein Roman von 25 Autoren

Stand: 08.12.2022, 12:00 Uhr

Jeden Tag brennt ein anderes Haus in Slatogorsk? Aber wer oder was steckt hinter der Brandserie? Und werden die 25 Autoren, die sich diese frühsowjetische Kriminalkomödie ausgedacht haben, das Rätsel lösen können?
Eine Rezension von Uli Hufen.

Die großen Brände. Ein Roman von 25 Autoren
Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze.
Die Andere Bibliothek, 2022.
334 Seiten, 44 Euro.

"Die großen Brände - Ein Roman von 25 Autoren"

Lesestoff – neue Bücher 08.12.2022 06:06 Min. Verfügbar bis 08.12.2023 WDR Online Von Ulrich Hufen


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In Sorge um den Brandschutz

Alles beginnt ganz harmlos, mit einer Szene, die aus irgendeiner Erzählung der klassischen russischen Literatur stammen könnte. Ein Mann mit dem seltsamen Namen Warwi Migunow, von Beruf Archivar am Gouvernementsgericht, kommt erschöpft vom Dienst nach Hause und schaut bei seiner Hausangestellten in der Küche vorbei. Es ist allerdings nicht die Vorfreude auf Paprika in Kapernsoße, die Warwi in die Küche lockt. Es ist die Sorge um den Brandschutz:

"'Wie ist das eigentlich mit ... äh ... mit dem Herd?' sagte Migunow schüchtern. 'Wie wird er gefeuert? Fallen keine Kohlen auf den Boden? Ich wollte mir das mal anschauen.'
'Kohlen?' fragte die Alte und ließ mißbilligend ihre ausdrucksstarken Schulterblätter hüpfen. 'Was gehn Sie die Kohlen an?'"

Eine Brandserie in Slatogorsk

Und wirklich: die Kohlen gehen Warwi Migunow gar nichts an. Es ist nur so: Seit Tagen brennt es jede Nacht in der vollkommen ausgedachten, typisch russischen Stadt Slatogorsk. Erst vergangene Nacht verbrannten ein dreistöckiges Wohnhaus, acht Warenlager und das Spartakus-Theater am Mond-Boulevard.

Mit Zufall lässt sich das nicht mehr erklären. Der Reporter Berloga, der plötzlich auch in Jefrossinjas Küche steht, sieht das genauso. Ein dürrer, rothaariger, nervöser Mann mit Aktentasche, an dessen Bewegungen, wie es heißt, rein gar nichts Positives war:

"Ich mag nichts essen«, erwiderte Berloga. 'Wir von der Zeitungs-Chronik speisen nur, wenn Tugend die Gesellschaft beherrscht. Mord, Veruntreuung oder grober Unfug reißen uns augenblicklich den Löffel aus der Hand. Seit Kains Zeiten haben wir noch nie einen Teller leergegessen! Und nun diese Brände oder, wie sie genauer zu bezeichnen wären, diese Brandstiftungen. Warwi, gib mir Material …'"

Ein aufregendes Experiment

Das Material, das Berloga vom Archivar Warwi erbittet, betrifft Vorfälle aus den finsteren Zeiten des Zarismus. Damals gab es schon einmal eine ähnliche Serie von Bränden in Slatogorsk und genau das will Berloga nun seinen werktätigen Lesern enthüllen. Die in ihrer Mehrzahl gewiss nicht minder werktätigen Leserinnen von heute wissen spätestens an dieser Stelle: Diese Geschichte, die spielt nicht nur kurz nach der Oktoberrevolution 1917, sie wurde auch zu dieser Zeit geschrieben.

Und wie diese Geschichte geschrieben wurde, das ist mindestens genauso aufregend, wie die Jagd nach den Brandstiftern. Im Herbst 1926 kündigte die Satirezeitschrift "Ogonjok" ihren Lesern für das neue Jahr ein aufregendes Experiment an: Ein Kriminalroman geschrieben von 25 Autoren.

"Auf diese Weise wird «Ogonyok» ein einzigartiges künstlerisches Dokument seiner Art schaffen, das die Merkmale des Stils und Charakters des Schaffens aller gegenwärtig existierenden literarischen Gruppen in der Person ihrer prominentesten Vertreter verbindet."

Ein grandioses Portrait der Epoche

Unter den Autoren, 1925 fast alle noch sehr jung, waren viele künftige Klassiker der sowjetischen Literatur: Isaak Babel, Michail Soschtschenko, Leonid Leonow oder Alexej Tolstoj. Und "die Merkmale ihres Stils und der Charakter ihres Schaffens", die unterschieden sich tatsächlich sehr stark.

Das macht "Die Großen Brände" durchaus zu einem unebenen Werk, es verleiht dem Buch aber auch einen ganz eigenen Zauber. Ein nervenzerreißender Thriller ist es nicht, ein vor Lebenslust und Experimentierfreude überbordendes Stück Literatur aber umso mehr. Und vor allem: ein grandioses Portrait der Epoche.

Die eigentlichen Helden

Die herrliche Elita Struck kurvt mit einem Rolls Royce durch Slatogorsk, es wimmelt nur so von "Besitzern von Luftschlössern", geheimnisvollen Reisenden, Doppelgängern, Mittelstürmern und schattigen Prostituierten. Es wird geboxt, geschossen, intrigiert und gekitzelt. Und es mangelt auch nicht an Verdächtigen. Aber die eigentlichen Helden des Romans sind die Herren Schriftsteller. Und es sind tatsächlich alles Herren.

Ganz zum Schluss werden sie vom Chefredakteur des "Ogonjok" zur Verantwortung gezogen für das, was sie in Slatogorsk angerichtet haben. Ob die 25 Herren allerdings, wie es auf dem Cover des Buches heißt, russische Autoren waren, darüber würde heute sicher ganz anders geurteilt, als 1926. Russisch geschrieben haben sie alle, aber geboren wurde etwa die Hälfte von ihnen in der Ukraine.