Géraldine Schwarz - Die Gedächtnislosen. Erinnerungen einer Europäerin.

Géraldine Schwarz - Die Gedächtnislosen. Erinnerungen einer Europäerin.

Géraldine Schwarz - Die Gedächtnislosen. Erinnerungen einer Europäerin.

Von Dirk Hohnsträter

Erinnerungsarbeit für Europa: Géraldine Schwarz rekonstruiert die blinden Flecken ihrer Familiengeschichte.

Géraldine Schwarz
Die Gedächtnislosen. Erinnerungen einer Europäerin.

Aus dem Französischen übersetzt von Christian Ruzicska
Secession Verlag für Literatur, Zürich 2018
445 Seiten
28 Euro

Die Manipulatoren der Erinnerung

"Verworren ist das Labyrinth des Gedächtnisses, leicht verliert man sich in seinen Versäumnissen und Lügen, in seinen toten Winkeln und in der überwältigenden Fülle seiner Irrungen.
Schwer zu bezwingen sind die Manipulatoren der Erinnerung, die Verfälscher der Geschichte, die Konstrukteure falscher Identitäten, die Schürer von Hass und die Züchter nazistischer Fantasien."

So setzt es ein, das Buch der Stunde. Die 44jährige Journalistin und Dokumentarfilmerin Géraldine Schwarz hat es geschrieben, für die Gestaltung zeichnet Typografie-Legende Erik Spiekermann verantwortlich, und in der Jury des Europäischen Buchpreises hat Schwarz sich gegen gestandene Mitnominierte wie den Europa-Enthusiasten Robert Menasse und die Nobelpreisträgerin Herta Müller durchgesetzt. Worin liegt das Momentum von "Die Gedächtnislosen"?

"Ich muss meinen Weg im Dickicht der Vergangenheit finden, die Fäden aufgreifen, die meine Familiengeschichte bietet: die Erinnerungen einer gewöhnlichen deutschen und einer gewöhnlichen französischen Familie, ein Mitläufer der Nazis hier, ein Gendarm im Dienste von Vichy dort."

Die Verstrickungsgeschichte der Familie

In 14 Kapiteln macht sich die ehemalige Deutschlandkorrespondentin der Agence France Press auf, die Verstrickungsgeschichte ihrer Familie zu ergründen. In Straßburg geboren, bei Paris aufgewachsen, in Berlin lebend, kennt Schwarz sowohl deren französische wie deren deutsche Seite. Zugleich ist sie ein Kind der Nachkriegszeit, hineingeboren in das, was eine Generation zuvor noch unvorstellbar erschien: Frieden und Demokratie. Es ist die Sorge um dieses zerbrechliche Gut, das Schwarz umtreibt und zum Schreiben motiviert:

Géraldine Schwarz - Die Gedächtnislosen. Erinnerungen einer Europäerin.

Géraldine Schwarz

"Ich will verstehen, was war, um zu wissen, was ist, Europa seine Wurzeln zurückgeben, die die Gedächtnislosen versuchen, ihm zu entreißen."

Die exemplarische Recherche beginnt in Mannheim. Im Keller des Familienhauses findet Schwarz Briefe, Aufzeichnungen und Aktenordner, die den deutschen Großvater als Mittäter und Profiteur des Nationalsozialismus zeigen.

Denn Karl Schwarz erwarb im Zuge der sogenannten Arisierung die Mineralölfirma Siegmund Löbmann & Co. von ihren jüdischen Eigentümern:

"Die Firma Siegmund Löbmann & Co. lag in der Gegend des Industriehafens von Mannheim nahe am Neckar gelegen, in der Helmholtzstraße 7a. Es ist aber vor allem das Datum, das von Interesse ist: August 1938, für die deutschen Juden das Jahr des endgültigen Absturzes in die Hölle, denn nun nahm der Druck durch Verfolgung und Diskriminierung in geradezu schwindelerregender Weise zu und zwang sie, ihr Eigentum zu Niedrigstpreisen aufzugeben."

Sorgfalt und Genauigkeit

Es zählt zu den Stärken dieses Buches, dass es sich um Sorgfalt und Genauigkeit bemüht. So fördert Schwarz Nuancen zutage, die die Vergangenheit real erscheinen lassen und ihre Widersprüchlichkeit vor Augen führen. Beispielsweise unternahm Julius Löbmann nach dem Verkauf seiner Firma mehrere Geschäftsreisen mit Karl Schwarz, um den neuen Eigentümer bei den alten Kunden bekannt zu machen, obwohl dies für Juden verboten war. Schwarz deckte Löbmann. Zur ganzen Wahrheit zählt aber auch, dass er sich nach dem Krieg weigerte, Verantwortung zu übernehmen und dem einzigen Überlebenden der ehemaligen Eigentümerfamilie Reparationen zu zahlen:

"Viele, die Betriebe arisiert hatten, reagierten wie Karl Schwarz, als man sie aufforderte, Juden zurückzugeben, was ihnen zustand: Sie verwiesen auf ihr eigenes Unglück, ihren miserablen Gesundheitszustand, ihre Schwierigkeiten, den Kopf über Wasser zu halten. [...] Anstatt Mitgefühl für die Opfer des Nationalsozialismus zu bezeugen, bemitleideten sie sich unerlässlich selbst ob ihres eigenen Schicksals."

Ein Verblassen des kollektiven Gedenkens

Empathielosigkeit, Schuldumkehr und Verdrängung sind Leitmotive dieses Buches. Schwarz spürt sie nicht nur auf der deutschen Seite ihrer Familie auf, sondern auch auf der französischen. Denn ihr Großvater mütterlicherseits diente unter dem Vichy Regime als Gendarm, jener Regierung, die den deutschen Besatzern zehntausende von Juden zur Deportation auslieferte. Dass der Rechtsnationalismus in Frankreich heute wieder erstarkt ist, führt Schwarz auf die späte und eher von oben verordnete Auseinandersetzung der Franzosen mit ihrer Vergangenheit zurück. Und sie befürchtet, dass ein Verblassen des kollektiven Gedenkens Europa den demokratischen Boden unter den Füßen wegzieht:

"Es ist, als läge die Vorahnung eines Gewitters in der Luft, als gäbe der sichere Boden, auf dem ich aufgewachsen bin, plötzlich nach, als stürben die Träume meiner Eltern langsam vor meinen Augen dahin, als wäre der Gedächtnisschwund im Begriff, ganz Europa anzustecken."

Eindringliche Erinnerungsarbeit

Géraldine Schwarz hat ein klares, zugleich subtil komponiertes und nuanciert argumentierendes Buch geschrieben. Es führt selber vor, was es einklagt: eindringliche Erinnerungsarbeit. Seine Botschaft ist alles andere als neu, aber beklemmend aktuell. Zu befürchten ist jedoch, dass es seine eigentlichen Adressaten, die Verdränger und Leugner, nicht erreicht.

Géraldine Schwarz - Die Gedächtnislosen

WDR 3 Buchrezension 05.12.2018 05:28 Min. Verfügbar bis 05.12.2019 WDR 3

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Stand: 02.12.2018, 22:09