Pierre Lemaitre - Die Farben des Feuers

Pierre Lemaitre - Die Farben des Feuers

Pierre Lemaitre - Die Farben des Feuers

Von Dina Netz

Die Bankiers-Erbin Madeleine Péricourt zieht in einen Rachefeldzug gegen die Männer, die sie betrogen haben. Ein großer, greller Gesellschaftsroman in Balzacscher Manier über das Frankreich der frühen 1930er Jahre. Eine Rezension von Dina Netz.

Pierre Lemaitre
Die Farben des Feuers

Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Klett-Cotta, Stuttgart 2019
479 Seiten
25 Euro

Pierre Lemaitre: "Die Farben des Feuers"

WDR 3 Buchrezension 29.05.2019 06:09 Min. WDR 3

Download

1927: Der Bankier Marcel Péricourt stirbt.

Er hinterlässt eine Tochter, Madeleine, und einen Enkel, Paul, sieben Jahre alt. Die Bankgeschäfte gehen in die Hände eines Prokuristen über, Péricourts Tod markiert das Ende einer Ära, in der der Patriarch mit seinem ehrwürdigen Familiennamen für das Wohl der Bank einstand. Marcel Péricourts Beerdigung wird noch durch ein anderes dramatisches Ereignis zum Fanal:

"Mitten im Hof erfasste die Menge der Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens plötzlich ein Schwanken. Fast tat sich in ihr ein Graben auf, sie schien kurz davor auseinanderzuweichen.
Sarg und Leichenwagen standen nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Blicke hatten sich der Hausfassade zugewandt. Einmütig erstickte ein Schrei. Madeleine hob ihrerseits den Blick und riss den Mund auf: Dort oben, im zweiten Stock, stand der kleine, siebenjährige Paul mit weit ausgebreiteten Armen auf der Fensterbank. Vor dem Abgrund.
Er trug seinen schwarzen Festtagsanzug, aber mit herausgerissener Krawatte, das weiße Hemd war weit geöffnet. Alle sahen in die Luft, als beobachtete man den Start eines Luftschiffs. Paul beugte leicht die Knie.
Bevor noch Zeit war, etwas zu rufen oder zu ihm zu rennen, ließ er die Fensterflügel los und sprang, während Madeleine aufschrie."

Das Ausmaß des Verrats

Paul landet auf dem Sarg seines Großvaters, überlebt, bleibt aber gelähmt. Seine Mutter Madeleine, die sich um das Erbe ihres Vaters kümmern müsste, ist dazu nicht imstande. Der Schock über den Fenstersturz ihres Sohnes sitzt tief. Die Schwäche der Erbin wissen andere zu nutzen: Der Bruder des Bankiers, Charles Péricourt, und der Prokurist Gustave Joubert schmieden ein finsteres Komplott, mit dem sie Madeleine und Paul um ihr Erbe bringen und es in ihre eigenen Taschen umleiten. Sie bleiben nicht die einzigen, die Madeleine hintergehen.

Pierre Lemaitre

Pierre Lemaitre

Als diese das Ausmaß des Verrats begreift, erwachen ihre Lebensgeister wieder – und dazu ein immenses Rachebedürfnis, das sich auf Pauls Hauslehrer André ausweitet - denn zur selben Zeit, als sie gesellschaftlich absteigt, erfährt Madeleine, dass André Paul missbraucht hat. Deshalb stürzte Paul sich aus dem Fenster.
Lemaitres Roman macht dann einen Sprung ins Jahr 1933. André hat Karriere als Journalist gemacht, Gustave erfolgreich eine Luftfahrt-Firma gegründet, Charles ist eine halbwegs große Nummer in der Politik geworden. Zeit für Madeleines Rachefeldzug, als dessen ausführendes Organ sie Monsieur Dupré engagiert:

"Wem wollen Sie schaden, Madame Péricourt?
Alles war einfach geworden. Sie brauchte nicht mehr zu lügen.
Einem früheren Bankier, einem Abgeordneten der Demokratischen Allianz und einem Journalisten des Soir de Paris.“ Sie lächelte breit.
Wie Sie sehen, allesamt achtbare Leute. Ah, es gibt auch eine ehemalige Angest ... na ja, eine ehemalige Freundin, na ja ...
Setzen Sie sich, Madame Péricourt. Sie zögerte, nahm wieder Platz. Wieviel zahlen Sie für diese Arbeit? Das müsste man besprechen ... Ich habe da keine Erfahrung ... Mein Lohn beträgt eintausendvierundzwanzig Francs im Monat.“

Erschreckend aktuell

Eine für die nun bürgerliche Madeleine Péricourt hohe Summe, die sie aber aufbringen wird, Monat für Monat. Und nicht nur das – sie verfolgt ihren ausgeklügelten Racheplan mit einer Intelligenz, Umsicht und Kaltherzigkeit, die man der leichtlebigen Bankierstochter vom Anfang des Romans nicht zugetraut hätte. Dieser Wandel ist ein wenig unwahrscheinlich, aber ansonsten sind die gigantischen Intrigen präzise und schlüssig erzählt. Man merkt, dass Pierre Lemaitre ein versierter Krimi-Autor ist.

Lemaitre erzählt aus ganz verschiedenen Perspektiven, so dass ein Panorama der Pariser Gesellschaft entsteht, vor allem ihrer oberen Ebenen. Und die sind nicht schön anzusehen: Die Reichen und Mächtigen halten sich skrupellos mit Lug, Trug und Verrat in ihren Positionen. Die Quittung lässt nicht auf sich warten: Nationalistische Strömungen, die mit dem aufziehenden Faschismus in Deutschland liebäugeln, machen sich breit. Empörte Bürger sehen es nicht mehr ein, sich schröpfen zu lassen, und gehen zu Tausenden auf die Straßen. Pierre Lemaitre hat einen historischen Roman über die frühen 1930er Jahre geschrieben, gewiss. Dennoch muss man beim Lesen an die heutigen "Gelbwesten" denken. "Die Farben des Feuers" ist erschreckend aktuell und kann durchaus als Mahnung an "die Oberen" gelesen werden.

Ein großer, greller Gesellschaftsroman

Der Roman ist bei allem politischen Gehalt aber auch eine amüsante Lektüre, denn Lemaitre lässt in geradezu Balzacscher Manier ein wahres personelles Panoptikum aufmarschieren und weidet sich sichtlich an Macken und Charakterschwächen seiner Figuren. Besonders übel spielt Lemaitre den hässlichen Töchtern des Bankier-Bruders Charles Péricourt mit:

"Die Erste hatte ihren Haarknoten turbanartig umwickelt, er verschwand unter den Voluten eines suppenlöffelbreiten Bandes, was ihr das Aussehen einer Putzfrau in einer psychiatrischen Klinik verlieh. Jacinthe hatte sich von ihrer Schwester abgesetzt, indem sie ihre Frisur in Form einer mehrstöckigen Torte mit mehreren Nadeln gespickt hatte, die Stücke von Kräuselband halten sollten. Damit stand ihr das Haar zu Berge, als wäre sie beständig entsetzt."

Pierre Lemaitres großer, greller Gesellschaftsroman wechselt zwischen beißender und sanfter Ironie, und Tobias Scheffel hat diesen Tonfall mit der nötigen Genauigkeit, aber auch Beherztheit ins Deutsche übertragen. Torben Kessler lässt in dem hier zitierten Hörbuch das Skurrile, Schäbige und Gemeine, das Lemaitre zu faszinieren scheint, in allen Farben blühen.

Stand: 29.05.2019, 09:12