Buchcover: "Die drei Hochzeiten von Manolita" von Almudena Grandes

"Die drei Hochzeiten von Manolita" von Almudena Grandes

Stand: 23.09.2022, 12:00 Uhr

Manolita heiratet Manita nicht aus Liebe, sondern aus politischen Gründen – und wird damit gegen ihren Willen in die Wirren des spanischen Bürgerkriegs hineingezogen. Doch das bedeutet nicht das Ende aller Hoffnung. Eine Rezension von Jutta Duhm-Heitzmann.

Almudena Grandes: Die drei Hochzeiten von Manolita
Aus dem Spanischen von Roberto de Hollanda.
Hanser Verlag, 2022.
340 Seiten, 30 Euro.

Scheinehe mit einem politischen Häftling

Wenn eine Frau dreimal heiratet, riecht das entweder nach Unglück. Oder nach Berechnung. Oder nach unverbrüchlicher Liebe, falls es jedes Mal um denselben Mann geht.  Doch Manolita Perales hatte noch einen anderen Grund

"Ich heiratete in der schlimmsten aller Zeiten wegen zwei Vervielfältigungsmaschinen, die kein Mensch bedienen konnte."

Manolita ist achtzehn Jahre alt, ziemlich klein geraten und nicht sonderlich hübsch. Doch sie besitzt einen klaren Verstand, und der rät ihr, sich nicht in die sozialistischen Machenschaften ihres Bruders Antonio hineinziehen zu lassen. Doch der überredet sie zu etwas, das ihr Leben für immer verändert: eine Scheinehe mit Manita, der als politischer Häftling im Gefängnis sitzt.

"Die drei Hochzeiten von Manolita" von Almudena Grandes

Lesestoff – neue Bücher 23.09.2022 05:28 Min. Verfügbar bis 23.09.2023 WDR Online Von Jutta Duhm-Heitzmann


Download

Zeit zu zweit

Ein geschmierter Priester verheiratet dort Paare, die anschließend eine intime Stunde miteinander verbringen dürfen. Sie und Manita heiraten sogar zweimal; denn es geht ihnen nicht um Sex, sondern um Zeit, damit sie von ihrem Pseudo-Ehemann die Bedienung von Druckmaschinen für den Widerstand lernen kann.

"Meine Hochzeit mit Manita hatte eine raue, stachlige Oberfläche, einen bitteren Geschmack, der den Mund eines Menschen austrocknet, der gerade aus einem Alptraum aufgewacht ist. Und trotzdem war dieser Alptraum real. Jener Alptraum war mein Leben, und kein Mensch konnte mich davon erlösen."

Leidtragende des Bürgerkriegs

Nicht nur Manolitas Leben hatte sich in einen Alptraum verwandelt. Almudena Grandes Roman spielt in den 1930er/40er Jahren in einem Spanien, das zerrissen ist vom blutigen Bürgerkrieg zwischen Republikanern und Anhängern des späteren Militärdiktators General Franco.

Leidtragende waren wie immer bei solchen Kämpfen vor allem die Zivilisten. Kaum eine Familie, die nicht Opfer zu beklagen hatte – eine traumatische Erfahrung, die das Land bis heute noch prägt. Die Idee zu ihrem neuen Roman kam der Autorin denn auch 2004 bei einer ersten offiziellen Ehrung alter republikanischer Kämpfer:

"Wir waren ihnen für ihren Mut und ihr Vorbild dankbar, für ihren entschlossenen Kampf, für die Spanier von gestern eine Zukunft zu erstreiten, die zur Gegenwart der Spanier von heute geworden ist. (...) In Spanien begann sich etwas zu verändern."

Von Kämpfern, Opfern und Verrätern

"Die drei Hochzeiten von Manolita" erzählt von diesen Kriegs- und Krisenzeiten, von Kämpfern, Opfern, Verrätern und denen, die einfach nur versuchen zu überleben. Wie die Ich-Erzählerin Manolita, eine junge Frau, die erst unter den fast unmenschlichen Bedingungen ihre eigene Stärke entdeckt.

Neben ihr andere Personen, stellvertretend für die wichtigsten Problemfelder der Zeit: Palmera, bedroht durch seine verbotene Homosexualität; der Aristokrat Hoyos, der sein riesiges Vermögen für Flüchtlingshilfe ausgibt; die schöne Flamencotänzerin Eladia, hasserfülltes Opfer patriarchalisch institutionalisierter Männergewalt; Orejas, erst Mitläufer, dann Verräter und Folterknecht; Manolitas Schwester Isabel, in einem katholischen Kloster als Strafe für ihre "roten" Eltern misshandelt.

"Sie hatte gerötete Hände, als hätte sich die alte Haut abgelöst und das Fleisch bloßgelegt (..) Und sie war nicht nur mager, sie sah auch schlecht aus mit den eingefallenen Wangen und einer gelblichen Hautfarbe, als hätte sie keinen Tropfen Blut mehr im Körper."

Die Vergangenheit fühlbar machen

Die vielen Rückblenden und Zeitsprünge, das Gewirr fremder Namen und die für nichtspanische Leser unbekannten politischen Bezüge machen die Lektüre zwar etwas mühsam, doch spürt man in jede Zeile, wie wichtig es der Autorin war, diese Vergangenheit lebendig und fühlbar zu machen - und damit vielleicht auch zur Gesundung ihres Landes beizutragen.

Man kann "Die drei Hochzeiten von Manolita" als eine Art literarisches Vermächtnis der Autorin lesen und als Mutmacher. Denn Almudena Grandes erzählt auch von Hoffnung - und von Manolitas späterem Glück: Nach über dreißig Jahren - sie und Manita haben schon Kinder und Enkel – zum dritten Mal die Frage:

"Willst du mich heiraten, Manolita? – Bist du sicher? fragte ich (...). – Vollkommen sicher. - Dann ja."