Joan Didion - Woher ich kam

Joan Didion - Woher ich kam

Joan Didion - Woher ich kam

Von Ulrich Rüdenauer

Noch in banalsten Popsongs hallen die Urmythen des kalifornischen Way of Life nach. In großen Essays hat Joan Didion immer wieder über dieses Kalifornien geschrieben. Jetzt rechnet sie damit ab.

Joan Didion
Woher ich kam

Aus dem Amerikanischen von Antje Rávic Strubel
Ullstein, Berlin 2019
272 Seiten
20 Euro

Wie eine Korrektur bisheriger Einsichten

Joan Didion, 1934 geboren, stammt aus Sacramento. Und ihr jüngst auf Deutsch erschienenes Buch „Woher ich kam“ beschäftigt sich nicht nur ein weiteres Mal mit diesem hell leuchtenden amerikanischen Bundesstaat Kalifornien. Es wirkt viel mehr wie eine Korrektur bisheriger Einsichten – als ob jemand seine rosarote Brille abnimmt, um endlich vorbehaltlos zu sehen. Ein zweiter Blick auf ein Bild, dessen Konturen vorgegeben waren, dessen Farben immerzu hell erstrahlten und in der Erinnerung immer nur leuchtender wurden. Nun sind sie verblasst. Und die Autorin hat die Vermutung, immer schon einem Trugbild aufgesessen zu sein. Die Mythen über Kalifornien, so vermutet sie, haben sich in ihren frühen Roman „Menschen am Fluss“ ebenso geschlichen wie in ihre berühmt gewordenen Essays aus den sechziger Jahren. In „Woher ich kam“ versucht sie sich an einer Entzauberung. Ihr Buch sieht sie als Erkundung ihrer Herkunft und des eigenen Verwirrtseins.

"[…] ein Verwirrtsein, das Amerika ebenso betrifft wie Kalifornien, Irrtümer und Missverständnisse, die so sehr ein Teil derjenigen sind, die ich wurde, dass ich mich ihnen bis zum heutigen Tag nur indirekt stellen kann."

Eine Überprüfung des kalifornischen Traums

Joan Didion

Joan Didion

Die Irrtümer und Missverständnisse sind Teil der Überlieferung. Deshalb beginnt Joan Didions Überprüfung des kalifornischen Traums mit ihrer Ur-ur-ur-ur-urgroßmutter Elizabeth Scott, die 1766 im Grenzland zwischen Virginia und Carolina geboren wurde. Die Grenzen wurden schließlich von den Ahnen immer weiter nach Westen verschoben, und die Geschichten dieses permanenten Expansionsdrangs sind ins Erbgut der Nachfahren eingedrungen. Sie gehören zur DNA des Kaliforniers. Didion erinnert sich an eine Rede, die sie zum Abschluss der achten Klasse auf der Arden-Schule in der Gegend von Sacramento hielt.

"Diejenigen, die nach Kalifornien kamen, waren nicht die selbstgefälligen, glücklichen und zufriedenen, sondern die abenteuerlustigen, rastlosen und wagemutigen Menschen. Sie unterschieden sich sogar von denen, die sich in anderen westlichen Bundesstaaten niederließen. Sie waren nicht nach Westen gekommen, um Sicherheit und ein Zuhause zu finden, sondern Abenteuer und Geld."

Alles andere als ein Friedensmarsch

Man hatte es nicht leicht und durfte es sich nicht leicht machen – das gehörte zur Grundausstattung. Doch Was sich die Siedler zugutehielten, war von Anfang an eine Selbsttäuschung. Das Gold fand sich nämlich nicht in den Minen, die man auszubeuten hoffte, sondern in Washington. Die Gelder, die von dort flossen, machten das sumpfige Land überhaupt erst urbar. Man war angewiesen auf billige Arbeiter aus den noch weiter südlich gelegenen Regionen, blickte aber zugleich mit dem Stolz einer sich überlegen fühlenden weißen Mittelschicht auf alle Fremden herab. Und der Weg nach Westen, währenddessen die New Frontier immer weiter Richtung Pazifik verschoben wurde, war zudem alles andere als ein Friedensmarsch: Erkauft wurde die Landeroberung mit Brutalität gegenüber den Native Americans, aber auch gegen die schwächeren eigenen Leute, die den Treck hätten aufhalten können. Sehr detailreich taucht Didion in den ersten Kapiteln ihres Buches in diese von Paradoxien und Selbstblendungen durchzogene Vergangenheit, manchmal allzu ausführlich: Endlos erscheinen einem die Beschreibungen der kalifornischen Wasserversorgung; viele Passagen häufen Statistiken und Materialien an, aber Didion gelingen keine pointierten Schlussfolgerungen. Interessanter wird es wieder, wenn sie identitätsstiftende Bücher einer Re-Lektüre unterzieht – darunter auch den eigenen Roman "Menschen am Fluss". Ganze Passagen schaut sie sich wie eine Analytikerin durchs Mikroskop an und entdeckt jene ansteckende Krankheit namens Selbstbetrug. Zu dem im Übrigen auch der Hochmut gehört, mit dem über die so genannten "neuen Leuten" geredet wird.

"Das Problem mit diesen neuen Leuten, erinnere ich mich, als Kind in Sacramento wieder und wieder gehört zu haben, ist, dass sie denken, es wäre einfach. Die Formulierung 'diese neuen Leute' meinte Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Kalifornien gekommen waren, wurde aber stillschweigend auch auf die Migration der 1930er Jahren aus der Dust Bowl ausgedehnt, und reichte oft noch weiter zurück."

Ein geliebtes Mysterium

Joan Didion hat "Woher ich kam" bereits vor mehr als 15 Jahren geschrieben, fast 70 war die Autorin damals. Jetzt liegt es zum ersten Mal übersetzt vor. Manches, was sich damals in Ansätzen schon zeigte, spielt darin keine Rolle: etwa der Aufstieg des Silicon Valley, das den Hauptarbeitgeber in der Luft- und Raumfahrtindustrie ablöste. Gleichwohl liefert dieses Buch, wenn auch weniger prägnant und weniger konzentriert als andere Essays dieser großen Vertreterin des "New Journalism", eine Lesart dafür, wie sich Gesellschaften konstituieren – wie sie an bestimmten Selbstbildern festhalten, sie verinnerlichen und an sie glauben, obwohl eigentlich überall Risse und unschöne Verfärbungen zu sehen sind. Ein Mysterium bleibt Kalifornien für Didion allerdings nach diesem Buch weiterhin – und durchaus ein geliebtes, sonst würde sie sich kaum ein halbes Leben lang daran abarbeiten.

Joan Didion: "Woher ich kam"

WDR 3 Buchrezension 28.05.2019 05:19 Min. Verfügbar bis 27.05.2020 WDR 3

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Stand: 27.05.2019, 14:33