Elisa Diallo - Französisch verlernen. Mein Weg nach Deutschland

Buchcover: Elisa Diallo - Französisch verlernen. Mein Weg nach Deutschland

Elisa Diallo - Französisch verlernen. Mein Weg nach Deutschland

Von Dina Netz

Elisa Diallo, Tochter eines aus Guinea stammenden Vaters, wurde in Paris geboren, fühlte sich aber nie als "vollwertige Französin". In ihrem Essay erläutert sie, warum sie Deutschland bessere Chancen im Kampf gegen Rassismus gibt.

Elisa Diallo: Französisch verlernen. Mein Weg nach Deutschland
Aus dem Französischen von Isabel Kupski.
Berenberg Verlag, Berlin 2021.
160 Seiten, 14 Euro.

Elisa Diallo: "Französisch verlernen"

WDR 3 Buchkritik 07.04.2021 05:32 Min. Verfügbar bis 07.04.2022 WDR 3


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Rassismus in Deutschland und Frankreich

In diesem Frühjahr sind einige Romane erschienen, die Deutschland den Rassismus-Spiegel vorhalten. Das Bild, das dieser Spiegel zurückwirft, ist in der Regel nicht schön. Während Mithu Sanyal in "Identitti" anarchisch witzig mit postmigrantischen Identitätsfragen spielt, prangert die streitbare und umstrittene Publizistin Hengameh Yaghoobifarah in ihrem Debüt "Ministerium der Träume" rechten Terror an und erzählt von radikaler Verunsicherung. Einig sind sich beide Bücher in der Beobachtung, dass nicht-weiße Deutsche dann doch nicht ganz so deutsch sind.

Elisa Diallo dagegen geht in ihrem Essay hart mit ihrer Heimat Frankreich ins Gericht. Deutschland schneidet in der Rassismus-Frage bei ihr durchaus gut ab:

"Vergleiche ich Frankreich, Deutschland und die Niederlande, Länder, die ich kenne, weil ich dort gelebt habe und zum Teil noch lebe, scheint mir Deutschland das Land zu sein, das noch am ehesten den antirassistischen Kampf gewinnen kann. Rassismus ist kein marginales Phänomen, das nur eine Minderheit betrifft. Auch in Deutschland wächst der Gegendruck. Aber im Gegensatz zu Frankreich und den Niederlanden werden in Deutschland antirassistische Stimmen zumindest gehört und werden sogar mit jedem Tag lauter."

Französin auf Bewährung

Elisa Diallo lässt keinen Zweifel daran, dass ihre Eindrücke subjektiv sind, dass sie als nicht hier Aufgewachsene ein distanzierteres Verhältnis zu Deutschland pflegen kann als andere. Und dennoch: Es tut gut, im aktuellen Konzert der schrillen Stimmen Elisa Diallos ermutigende Analyse zu lesen.

Frankreich kommt bei ihr deutlich weniger gut weg. Dass sie bezüglich ihrer Zugehörigkeit zu Frankreich eigentlich immer schon Zweifel hegte, sei ihr erst nach einigen Jahren im Ausland klar geworden, als sie Abstand gewonnen habe, schreibt Elisa Diallo. Dann kamen Anstöße in der französischen Politik hinzu: Das Gesetz zur Verwirkung der Staatsbürgerschaft von Dezember 2015, mit dem die Möglichkeit geschaffen wurde, auch Menschen mit Migrationshintergrund aus Frankreich auszuweisen, die schon seit ihrer Geburt in Frankreich leben:

"In meinen Augen war das ein unverzeihlicher Verrat der damaligen sozialistischen Regierung unter François Hollande (in dieser Zeit schwor ich mir wütend, nie wieder die Sozialistische Partei zu wählen). All jene, so dachte ich, die wie ich seit jeher ahnten, dass ihre Zugehörigkeit zu Frankreich jederzeit in Frage gestellt werden könnte, mussten diesen symbolischen Schritt (dass er symbolisch zu verstehen war, darin waren sich alle einig) als Bestätigung ihrer Zweifel interpretieren. Es gibt eben die wahren Franzosen, und es gibt die anderen, die auf Bewährung da sind und vom guten Willen des Staates abhängen, der sich wiederum dem 'Volk' mit seinen Launen und Befindlichkeiten beugt. Nach dem Erlass dieses Gesetzes schien mir plötzlich alles möglich."

In Deutschland ohne Angst leben

Dann kam der französische Präsidentschaftswahlkampf 2017, bei dem die extreme Rechte Chancen hatte, an die Macht zu kommen. Und plötzlich sah sich Elisa Diallo in einer Situation, die sie selbst "Ironie der Geschichte" nennt: Deutschland erschien ihr 70 Jahre nach den rassistischen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg als das einzige Land in Europa, in dem sie als, Zitat, "schwarze Tochter eines Immigranten" ohne Angst leben konnte.

"Je öfter ich Deutschen begegnete, und je öfter ich mit ihnen die europäische Politik diskutierte, desto klarer wurde mir die Besonderheit Deutschlands. Die Deutschen waren so sehr von ihrer Nazi-Vergangenheit traumatisiert, dass sie nicht Gefahr liefen, dem je wieder auf den Leim zu gehen."

Man kann Elisa Diallo und uns Deutschen nur von Herzen wünschen, dass sie mit ihrer Beobachtung Recht behält.

Eine Mischung aus persönlich Erlebtem und politischer Analyse

Den Charme von Elisa Diallos Essay macht aus, dass sie immer wieder zwischen politischen Analysen und persönlichen Erlebnissen wechselt. Oft erzählt sie von Angst und Wut, von demütigenden Erlebnissen und auch von dem zähen Ringen mit der Bürokratie auf dem Weg zur deutschen Staatsbürgerschaft. Elisa Diallo nennt diese eine "Back-up-Identität".

Dass Elisa Diallos Essay heraussticht aus den vielen autobiografischen Texten über Identität, hat mit ihrer Haltung zu tun. Einerseits schreibt sie kühl analysierend über politische Vorgänge, dann wieder sehr emotional über ihre eigenen Erfahrungen. Dabei setzt sie sich auch mit sich selbst, ihrem eigenen Auftreten in bestimmten Situationen und ihren Erwartungen kritisch auseinander.

Zermürbende Fragen und alltägliche Demütigungen

Die bewegendsten Passagen in "Französisch verlernen" sind die persönlichen. Zum Beispiel die, in denen Elisa Diallo von den Recherchen zur Herkunft ihres Vaters erzählt. Als er geboren wurde, war Guinea französische Kolonie, aber er hatte keinen Pass. War ihr Vater also Franzose, ist Elisa Diallo wirklich Tochter französischer Eltern? Nicht nur bürokratisch, sondern auch persönlich zermürbende Fragen.

Berührend sind auch die Stellen im Buch, wenn Elisa Diallo, zum Teil en passant, von den alltäglichen Demütigungen erzählt, denen sie aufgrund ihrer Hautfarbe ausgesetzt ist. Oft sind dies nur eigentlich nett gemeinte gedankenlose Bemerkungen ihr gegenüber. Auch in Deutschland ist es noch ein weiter Weg, das macht Elisa Diallos Buch klar, bis Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht mehr gefragt werden, wo sie "eigentlich" herkommen. 

Stand: 04.04.2021, 17:32