Patrick Deville - Amazonia

Buchcover: Patrick Deville - Amazonia

Patrick Deville - Amazonia

Von Dirk Fuhrig

Mit der literarischen Machete durch den Regenwald - Patrick Devilles faszinierender "Amazonia"- Roman.

Patrick Deville: Amazonia
Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller.
bilgerverlag, Zürich 2021.
328 Seiten, 26 Euro.

Patrick Deville: "Amazonia"

WDR 3 Buchkritik 16.06.2021 05:37 Min. Verfügbar bis 16.06.2022 WDR 3


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Patrick Deville reist mit seinem Sohn Pierre den Amazonas entlang. In Manaus besuchen sie eine Aufführung in dem berühmten Opernhaus:

"Wir besserten bei der Lektüre des Librettos, das auf einem hellen Bildschirm unterhalb der Bühne vorbeigeflimmert war, unsere Portugiesischkenntnisse auf, und als der Vorhang nach dem letzten Akt gefallen war, lächelten wir uns auf unseren roten Samtsitzen mit den goldenen Bordüren zu: Der Sohn vergiftet den Vater. Sogleich entdeckt er seine Liebe zu ihm."

Der Roman schildert die Beziehung zwischen einem Vater und seinem Sohn, die sich beim gemeinsamen Unterwegssein näher kommen. Diese private Konstellation ist der Rahmen, in den Patrick Deville eine schier unerschöpfliche Menge von Eindrücken und Anekdoten packt, voller Bezüge zur Geschichte, Literatur und anderen Künsten.

Die Oper in Manaus, einst finanziert von Kautschuk-Baronen, war Vorbild für den verrückten "Fitzcarraldo"-Film:

"Als sie die Szene in den Stromschnellen drehen, wird das lange eiserne Schiff gegen die Felswände getrieben und kracht auf eine Klippe. Der Aufprall wirft alles an Bord durcheinander, und Thomas Mauch, der den verwirrt an Deck stürzenden Kinski filmte, wird von seiner Kamera niedergeschmettert.
Ein Sanitäter verarztet die Hand provisorisch, aber er muss an Land operiert werden. Der Arzt der Crew hat seine Betäubungsmittelvorräte aufgebraucht. Alle umringen den heulenden Verletzten."

Deville begibt sich momentelang auf die Spuren von Klaus Kinski und Werner Herzog, die mit einem Schiff den Amazonas flussaufwärts bis nach Iquitos in Peru vorstoßen wollen, um dort für den Sänger Caruso eine Oper zu bauen.

Doch "Fitzcarraldo" ist nur eine Episode in dieser ausufernden  Sammlung von Erzählungen und Berichten. Der französische Schriftsteller zitiert in Dutzenden kurzer Kapitel die verschiedensten Personen, historischen Ereignisse und Berichte, die sich um Brasiliens großen Fluss, aber auch um die Geschichte Südamerikas ranken.

Die Naturforscher Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland, die  um 1800 den damals noch kaum bekannten Kontinent erkundeten, tauchen in dieser Amazonas-Fantasie ebenso auf wie Blaise Cendrars oder Henri Michaux - zwei der bekanntesten Reiseschriftsteller französischer Sprache. Oder Stefan Zweig, der im Exil das Werk "Brasilien. Ein Land der Zukunft" veröffentlichte.

Aber auch mit dem Ingenieur Cândido Rondon macht uns der Autor bekannt, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts die erste Telegrafenleitung durch den Urwald verlegte. Oder mit José Mariano Melgarejo, einem autokratischen Präsidenten Boliviens und offenkundig von ähnlich besessenem Charakter wie der Filmheld Fitzcarraldo:

"Der Diktator ist zwar Analphabet, Alkoholiker und blutrünstig, aber frankophil: Als er im Juli 1870 von der preußischen Invasion erfährt, will er Paris retten, die Stadt der Eleganz und der guten Manieren, findet sie aber nicht auf der Landkarte. Sein Stab warnt ihn. Paris ist weit weg. Er antwortetet: »¡Tomaremos un atajo!« – »Dann nehmen wir eine Abkürzung!« Dreitausend Männer dringen im brasilianischen Amazonas-Dschungel Richtung Atlantik vor. Er will nicht an die Kapitulation von Sedan glauben – das ist nicht die feine Art –, befiehlt erst im November die Umkehr, als er mitbekommt, dass das nach Kautschuk gierige England in seinem Rücken den Aufstand schürt und nicht einmal mehr die Existenz Boliviens anerkennt."

Ohne sich um eine Chronologie zu kümmern, springt Patrick Deville von einer Anekdote zur nächsten Reflexion, von einer Kuriosität  zur nächsten Assoziation. Charles Darwin, der auf der HMS "Beagle" die Südspitze des Kontinents umrundet hatte, darf in diesem halb poetischen, halb dokumentarischen Roman nicht fehlen.

"Doch in Darwins Theorie hat die Evolution der Arten kein Ziel, ist der Mensch keine Krone der Schöpfung, gibt es keine Stufenleiter, auf deren höchster Stufe wir stünden, und das Aussterben ist die Zukunft aller Arten, hervorgerufen meist durch Klimaumschwünge und die Konkurrenz seitens besser angepasster Lebensformen."

Vom Evolutions-Theoretiker führt Patrick Deville kurzerhand in die unmittelbare Gegenwart, nach Berlin zu dem deutschen Reise-Schriftsteller Hans Christoph Buch oder zu einer Klima-Demo mit Greta Thunberg in Paris - denn "Amazonia" lenkt nicht zuletzt den Blick auf bedrohte Landschaften und Tierarten.

Man mag dieses  bildungsgesättigte Sammelsurium für verwirrend und wahllos halten. Die Lektüre dieses Bandes ist anfangs tatsächlich anstrengend. Doch hat man sich erstmal an Devilles impressionistische Erzählweise gewöhnt, findet man sich in einem üppigen Textgeflecht wieder, das rundherum neue und aufregende Erkenntnisse bietet. Der Schriftsteller schlägt wie mit der Machete Schneisen in die Natur-, Forschungs- und Literaturgeschichte zu Brasilien und der Amazonas-Region. Lässt man sich auf die kluge  und brillant in einem literarischen Plauderton verfasste Dschungel-Fahrt ein, möchte man aus dieser Bootstour auf diesem geheimnisvollsten Fluss der Welt gar nicht mehr aussteigen.

Stand: 14.06.2021, 16:23