Jörg Handstein - Tschaikowsky - Der Wille zum Glück

Jörg Handstein - Tschaikowsky - Der Wille zum Glück

Jörg Handstein - Tschaikowsky - Der Wille zum Glück

Von Christoph Vratz

Er war geplagt von Depressionen und Ängsten, er durchlebte große Stimmungsschwankungen und schrieb große Musik – der russische Komponist Peter Tschaikowsky. Nun schildert Autor Jörg Handstein sein Leben als Hörbuch-Biographie.

Jörg Handstein
Tschaikowsky - Der Wille zum Glück
Eine Hörbiographie
Sinfonie Nr. 6 h-moll op. 74 (Pathétique)
Die Nachtigall
Udo Wachtveitl, Sprecher
Stefan Wilkening, Sprecher
Viola von der Burg, Sprecherin
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Leitung: Mariss Jansons
BR Klassik
4 CDs
ISBN 4035719009156
LC 20232

Sein Leben war fast wie ein Roman, voller Liebe und Leid, mit vielen Triumphen und Niederlagen. Posthum ist sogar eine medizinische Dissertation über ihn erschienen, die ihn als Neurotiker darstellt: "Die Psychose Tschaikowskys" lautete der Titel.
Bis heute gibt es noch einige ungelöste Rätsel in Peter Tschaikowskys Lebenslauf, was jedoch der Beliebtheit seiner Werke nichts anhaben konnte. Nach wie vor zählen Ballette wie der "Nussknacker" und "Dornröschen" oder seine "Pathétique"-Sinfonie zu den echten Hits des Klassik-Repertoires. Nun hat der Autor Jörg Handstein seine Reihe mit Komponisten-Hörbüchern auch um eine Biographie zu Peter Tschaikowsky erweitert.

Tschaikowsky in Amerika

1891 war Peter Tschaikowsky Gast in Amerika. Unter anderem hatte man ihn zur Einweihung der berühmten Carnegie Hall in New York eingeladen.

"Tschaikowsky steht auf dem Deck eines Ozeandampfers, hinter ihm liegt New York und eine triumphale Amerika-Tournee. Wie hat man ihn gefeiert! Aber wie gehetzt, wie bedrängt, wie einsam war er unter all den Menschen!"

Porträt: Tschaikowsky, Gemälde von N.D. Kurnezow

Jörg Handsteins Hörbiographie über Peter Tschaikowsky beginnt nicht mit Geburt oder Herkunft des großen russischen Komponisten, sondern mit dem Plan zu einem neuen Projekt des mittlerweile über-50-Jährigen.

"Hier auf dem Schiff hat er endlich Ruhe für einen schon länger gehegten Plan: „Ich habe riesige Lust, eine grandiose Sinfonie zu schreiben, die gewissermaßen der Schlussstein meines Lebens sein soll. Ich hoffe, ich werde nicht sterben, ohne meinen Plan verwirklicht zu haben.“ Der Titel soll lauten: „Das Leben“…mit 51 Jahren glaubt Tschaikowsky genug davon zu kennen."

Die Wurzeln des Komponisten

Ob Tschaikowsky wirklich, mit New York im Rücken, auf diesem hochmodernen Schnelldampfer "made in Germany" zurück auf seine Kindheit geblickt hat, sei dahingestellt. Jedenfalls gelingt Autor Jörg Handstein auf diese Weise der elegante Brückenschlag zu den Wurzeln des Komponisten:

"Tschaikowsky denkt zurück an seine Geburtsstadt Wotkinsk. Da wurden auch Schiffsteile gefertigt, ja der Ort war beherrscht von Eisenindustrie. Allerdings nicht vergleichbar. Tief in der Provinz, ein eher trostloses Nest. Und doch, wie glücklich war dort seine Kindheit."

Im Hause Tschaikowsky wird Musik gemacht

Todestag Pjotr Iljitsch Tschaikowsky

Peter Tschaikowsky

Die Familie wohnt wie der russische Landadel, in einem stattlichen Anwesen mit ausreichend Dienstpersonal. Im Hause Tschaikowsky wird Musik gemacht, nicht beruflich, sondern aus Spaß. Die französische Gouvernante erkennt schon früh das hochsensible Wesen des kleinen Peter:

"Seine Empfänglichkeit war geradezu grenzenlos, und man musste ihn daher sehr vorsichtig behandeln. Jede Kleinigkeit konnte ihn bestürzen oder verletzen. Das war ein Kind aus Porzellan."

Für dieses Porzellankind wünschen die Eltern im fortgeschrittenen Alter eine Anstellung im Staatsdienst. Tatsächlich arbeitet Tschaikowsky eine Zeitlang im Justizministerium, doch dann wird ihm die Funktionärsluft zu dünn, und er entscheidet sich für ein Musikstudium in Sankt Petersburg. Er besteht letztlich mit Auszeichnung. Doch vier Monate später muss er in einer Zeitung eine vernichtende Kritik über seine Examens-Kantate lesen. Tschaikowsky ist am Boden zerstört:

"Als ich das las, wurde mir schwarz vor Augen. Alles begann sich zu drehen und ich rannte wie ein Irrer aus dem Café. Den ganzen Tag lief ich ziellos durch die Stadt und sagte mir vor: Ich bin nutzlos, ich bin eine Null, ich habe kein Talent."

Komponistenporträt

Doch Tschaikowsky gibt nicht auf. Hartnäckig bahnt er sich seinen Weg an die Spitze und wird einer der bedeutendsten Musiker in Russland und schließlich in ganz Europa.

Der Komponist Peter Tschaikowsky

Jörg Handstein hat für sein Komponistenporträt zahlreiche Briefe und andere Quellen sorgsam ausgewertet und sie klug zu einer Erzählung zusammengefügt, immer sehr anschaulich und auch ohne Vor-Kenntnisse gut verständlich, vor allem subtil verzahnt mit der ausgewählten Musik. So wirkt Tschaikowskys Leben und Werk auf den Hörer sehr unmittelbar, vor allem im "Schicksalsjahr" 1877, als sich Tschaikowsky erst in einen Geiger verliebt und dann eine Ehe mit einer Frau eingeht, die er nicht liebt. Nach nur wenigen Wochen ist die Beziehung ein Scherbenhaufen.

Offiziell geschieden wird diese Verbindung jedoch nie. Außerdem lernt Tschaikowsky in diesem Jahr Nadeshda von Meck kennen, die seine große (nicht zuletzt finanzielle) Förderin wird.

"Frau von Meck meint sogar, Tschaikowsky solle seine Geld-Sorgen ein für allemal los sein. Eine jährliche Zuwendung von 6000 Rubeln dürfte genügen.
So begann für ihn ein neues Leben, ein Leben wie es für ihn bis dahin als unerreichbarer Traum vorgeschwebt hatte, ein Leben voller Freiheit, die ihm für seine schöpferische Tätigkeit so unentbehrlich war."

Tschaikowsky lebt auf

Er fühlt sich wie neu geboren. "Tschaikowsky ist wie verwandelt, es geht ihm bestens. Frau von Meck schreibt er lange Briefe über seine Gedanken, seine Gefühle, seine Musik. Besonders aber interessiert Nadeshda: Pjotr Iljitsch, haben Sie jemals geliebt? Ich glaube nicht. Sie lieben die Musik zu sehr, als dass Sie eine Frau lieben könnten. Doch ich meine, dass die sogenannte platonische Liebe nur eine halbe Liebe ist. Sie fragen mich, ob ich die irdische Liebe kenne. Ja und nein."

Mit Viola von der Burg in der Rolle der Nadeshda von Meck, mit Stefan Wilkening als Tschaikowsky und mit Udo Wachtveitl als Erzähler sind die Hauptrollen dieses Hörspiels exzellent besetzt – mit prägnanten und erfreulich unpathetischen Stimmen. So reiht sich dieses Hörbuch nahtlos ein in die Reihe der hochrangigen Komponisten-Hörbücher, die bereits zu Händel, Verdi, Mahler und anderen vorliegen. Auch bei dieser neuen Edition enthält die vierte CD ausschließlich Musik, in diesem Fall „Nachtigall“ und "Pathétique" mit dem Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks unter Mariss Jansons.

Stand: 08.01.2018, 11:27