Clemens J. Setz - Der Trost runder Dinge

Clemens J. Setz - Der Trost runder Dinge

Clemens J. Setz - Der Trost runder Dinge

Von Nicole Strecker

In 20 Geschichten erzählt Clemens J. Setz von so bizarren wie gruseligen Trost-Strategien versehrter Figuren. Neue, sprachlich brillante Erzählungen des Grazer Autors.

Clemens J. Setz
Der Trost runder Dinge

Suhrkamp, Berlin 2019
320 Seiten
24 Euro

Auf der Suche nach Trost

Keiner ist hier so richtig stabil ins Leben gebaut. Alle Figuren in Clemens J. Setz neuem Erzählband suchen nach Trost und entwickeln dafür die bizarrsten und gruseligsten Strategien. Da ist zum Beispiel die einsame Mutter Annamaria. Ihrer Meinung nach wirken im Winter die meisten Dinge irgendwie weicher und runder, was ihr den „Trost runder Dinge“ verschafft - und dem Erzählband seinen Titel. Annamarias Sohn befindet sich seit sechs Jahren im Koma. Die Augen geöffnet, der Schädel durch einen Unfall mit einem Autoreifen ein wenig eingedellt, so liegt er in seinem Zimmer. Dorthin bittet Annamaria regelmäßig Männer von einem Escort-Service und fordert sie auf, vor den Augen des Sohnes Sex mit ihr zu haben. Wie den höflichen Jürgen, der Annamaria mit Handkuss begrüßt und für sie der perfekte Kandidat ist.

"Jürgen wich zurück. [...] „Vor ihm?“ „Wäre das ein Problem für dich?“ Es folgte die Kernschmelze, überraschend früh, aber nicht wirklich unerwartet. „Was, was soll das? Ist das Ihr Ernst?""

Clemens J. Setz - Der Trost runder Dinge

WDR 3 Mosaik 01.04.2019 05:35 Min. WDR 3

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Die Regie des Lebens

Nein, es ist nicht wirklich Annamarias Ernst. Ihre Aufforderung ist vielmehr eine perfide Inszenierung. Denn was sie wirklich will, ist exakt diese Empörung der Männer, die zeigt: Alle glauben, dass ihr bewusstloser Sohn etwas mitbekommt, dass er noch irgendwie am Leben teilnimmt. Das muss diese verzweifelte Mutter immer wieder gesagt bekommen, dafür instrumentalisiert sie kühlen Verstandes die Männer.

Clemens J. Setz

Clemens J. Setz

Wie Menschen andere Menschen immerzu manipulieren. Wie sie psychologisch taktieren, versuchen, Regisseur ihres Lebens zu sein und dabei naturgemäß oft scheitern - das führen die Texte von Clemens J. Setz virtuos vor.

Er ist ein ausgefuchster Menschenkenner und grandios darin, von unseren Übersprungshandlungen, Selbstbetrügereien und psychopathologischen Abgründen zu erzählen. Mit durchtriebenen Seelenspiegelungen verblüffte Setz schon in seinem ersten Erzählband: Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes.

Aus der Kombination von Harmlosigkeit und Heimtücke beziehen nun auch einige seiner aktuellen Geschichten ihre verstörende Kraft. Eine liebevolle Schulkrankenschwester entpuppt sich als psychotische Kinder-Kidnapperin. Und in der Erzählung „Otter Otter Otter“ verliebt sich ein Kellner in eine blinde Frau. Als er das erste Mal ihre Wohnung betritt, ist er schockiert: Die Wände ihrer Wohnung sind überall beschmiert. Alles ist vollgeschrieben mit hässlichen Schimpfworten.

"Ich saß da und las die Wände durch. Du liebe Zeit. Ein grotesk elongiertes „SLUT“ stand direkt neben mir auf der Wand, der Abstand zwischen den einzelnen Buchstaben so lang wie ein Unterarm. [...] „Wollen wir ins Wohnzimmer?“ Ich folgte ihr. Ja, auch hier ging es weiter mit den geisteskranken Wörtern, einige waren sogar in roter Farbe geschrieben. Und da, auch in Blau. „DU GSTUNKENE SCHEISS“."

Intertextuelle Camouflage

Vermutlich sind die Kritzeleien die Hasstat eines früheren Liebhabers der blinden Frau. So genau erfährt man das nicht, denn Clemens J. Setz lässt seine Leser gern im Zustand unbehaglichen Halbwissens. Kafka könnte der Spiritus Rector einiger seiner Plot-Konstruktionen sein. Überhaupt stellt sich immer wieder das Gefühl ein, hier dichtet einer die Literaturgeschichte um, betreibt intertextuelle Camouflage, und zwar quer durch die Genres und Zeiten. Die sadistische Kinderkrankenschwester lässt an Stephen Kings „Misery“ denken, und eine der längsten Erzählungen „Die Katze wohnt im Lalande'schen Himmel“ liest sich wie eine Hommage an Georg Büchners berühmte Wahnsinnsstudie „Lenz“. In dieser Geschichte beschäftigt sich der Ich-Erzähler mit den Fantasien eines geisteskranken Künstlers. Doch der Versuch, die Welt mit dessen Augen zu sehen, verändert ihn. So offenbart der bislang wohlgeordnete Sternenhimmel sich von nun als Höllengrimasse. Auch von solchen Epiphanien handeln die 20 Geschichten dieses so beunruhigenden wie bizarr-komischen Erzählbandes. Nicht jede dieser Episoden von Exzentrikern und Trostsuchern gelingt. Manchmal ermüdet die schrullige Geheimniskrämerei des Autors. Bis dann wieder einer dieser wunderbaren Setz-Sätze einem ins Hirn fährt wie ein Stachel.

"Wie alle Menschen begegnete Zweigl jedes Jahr seinem zukünftigen Todesdatum, ohne es zu wissen."

Heißt es etwa beiläufig. Kinderschaukeln zucken so wild wie die Erhängten auf mittelalterlichen Märkten. Und ein Drucker arbeitet so langsam,

"Zeile für Zeile, manchmal für mehrere Minuten über einem einzelnen Wort sinnend, wie Ernest Hemingway."

Von Poetisierungen und Rückseiten

Da wird eine Poetisierung der Welt betrieben, wird die Logik der Verhältnisse auf den Kopf gestellt und jedes Objekt eines Eigenlebens verdächtigt. Allein wegen der verbalen Verrückungen unseres Alltags lohnt sich die Lektüre der meisten dieser Erzählungen, um vielleicht, wie eine Figur von Clemens J. Setz erläutert, eines Tages von ein paar Dingen auch ihre Rückseiten zu entdecken.

"Das Album fiel mir aus der Hand, einige Fotografien lösten sich. Es stellte sich heraus, dass diese Aufnahmen Rückseiten besaßen. Auch dies ist nicht selbstverständlich. Die meisten Gegenstände, so glaubt man, haben Rückseiten, aber in Wahrheit trifft dies nur auf einen kleinen Ausschnitt der sichtbaren Welt zu."

Stand: 01.04.2019, 08:42