Josef Winkler - Der Stadtschreiber von Kalkutta

Josef Winkler - Der Stadtschreiber von Kalkutta

Josef Winkler - Der Stadtschreiber von Kalkutta

Von Günter Kaindlstorfer

Der Dichter Josef Winkler streift durch die Gassen und Straßen Kalkuttas und betritt eine Welt, die dem vollkaskoversicherten Westeuropäer als schmutzig, bunt, exotisch, abgründig und zugleich faszinierend erscheinen muss.

Josef Winkler
Der Stadtschreiber von Kalkutta

Suhrkamp, Berlin 2019
108 Seiten
14 Euro

Indien lässt ihn nicht los

Zwölf Mal hat Josef Winkler den Subkontinent zwischen Himalaya, Arabischer See und Indischem Ozean schon besucht, mit wachem Blick und offenem Herzen hat er sich den verstörenden Eindrücken aus greller kultureller Vielfalt und bedrückendem Elend ausgesetzt. Im Jahr 2006 verbrachte der Dichter auf Einladung des Goethe-Instituts mehrere Wochen in Kalkutta. Mit Pelikan-Füller und Notizbuch ausgestattet streifte der Beobachter durch die Straßen und Gassen der Megalopole, immer auf der Suche nach Bildern und Geschichten:

"Ich bin einen Monat lang Tag für Tag meistens zu Fuß durch die Stadt gegangen, ich habe die Einäscherungsrituale am Ufer des heiligen Hooghli beobachtet, ich war häufig auf dem Markt und habe mir das Treiben dort angeschaut, ich war bei den wöchentlichen Zickleinopfern, jeden Samstag werden für die Göttin Kali 20 bis 30 Zicklein geopfert werden, diese Rituale habe ich mir angeschaut.

Zwei Kleinkinder, ein Mädchen und ein Junge, verabschieden sich in Begleitung ihrer Eltern und eines zahnlosen Priesters von ihrem Zicklein."

Josef Winkler: "Der Stadtschreiber von Kalkutta"

WDR 3 Buchkritik 27.05.2020 03:38 Min. Verfügbar bis 27.05.2021 WDR 3

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Die beiden Kinder falten die Hände zum Gebet

Josef Winkler,

Josef Winkler

Josef Winklers Beschreibungen der blutigen Opferrituale für die Todesgöttin Kali sind nichts für empfindsame Seelen:

"Während die […] Kinder langsam hinter dem Zicklein hergehen, das in den Opferungsbereich geführt wird, reißt der Henker dem Tier grob den weinroten Hibiskuskranz vom Hals, packt das Zicklein an den Vorderbeinen und legt es aufs Schafott. Die beiden Kinder falten die Hände zum Gebet, schließen ihre Augen und beißen die Zähne zusammen. Der Schlag des Henkers ist so heftig, daß das Blut des Zickleins ringsum spritzt, auf mein Gesicht, auf meine Hände und auf mein Notizbuch."

Tod und Sterben

Wer eine Schwäche für Chakren-Kitsch und esoterische Indien-Verklärung hat, wird bei der Lektüre von Josef Winklers bengalischen "Natura-Morta"-Notaten nicht auf seine Kosten kommen. Winklers Schreiben kreist auch in diesem, knapp 100 Seiten schmalen Band in detailverliebter Obsessivität um das Thema Tod und Sterben. Es ist nicht zuletzt auch der Einäscherungsort am Ufer des Flusses Hooghli, der den Dichter fasziniert.

"Auf dem Einäscherungsplatz des Nimtala Ghat brennen vier Scheiterhaufen. Ein junger Mann von der Berufsgruppe der Dom legt mehrere dünne Holzprügel auf den Kopf eines brennenden Toten. Er reißt mit einer angekohlten Baumbusstange den Scheiterhaufen auseinander, der brennende Tote rutscht tiefer in die Glut hinein. Im Nu ist der ganze Körper angekohlt, man sieht brutzelndes Fleisch und kochendes Blut."

Ein wohlformulierter Höllentrip

Josef Winklers Kalkutta-Buch ist ein wohlformulierter Höllentrip in eine Welt, die dem vollkaskoversicherten Westeuropäer als schmutzig, bunt, exotisch, abgründig, gruselig und zugleich faszinierend erscheinen muss. Kalkutta, der Stadtmoloch: eine überwältigende Erfahrung, die sich Josef Winkler vorwiegend erwandert hat:

"Jemand hat gesagt, ich glaube, es war Nietzsche, man schreibt auch mit den Füßen. Und mit den Füßen schreiben heißt gehen, schauen, zeichnen, aufschreiben."

"Der Stadtschreiber von Kalkutta": ein beunruhigend intensives und zugleich qualvoll schönes Buch.

Stand: 24.05.2020, 16:12