Zsófia Bán - Der Sommer unseres Missvergnügens

Zsófia Bán - Der Sommer unseres Missvergnügens

Zsófia Bán - Der Sommer unseres Missvergnügens

Von Oliver Pfohlmann

Archäologie der Gegenwart: Zsófia Bán spürt in ihren Essays überraschenden Untergründen und Querverbindungen nach.

Zsófia Bán
Der Sommer unseres Missvergnügens

Aus dem Ungarischen von Terézia Mora
Mit einem Nachwort von Daniela Strigl
Matthes & Seitz, Berlin 2019
256 Seiten
22 Euro

Zsófia Bán - Der Sommer unseres Missvergnügens

WDR 3 Mosaik 13.08.2019 05:04 Min. Verfügbar bis 12.08.2020 WDR 3

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Ein jüdischer Friedhof, irgendwo in Budapest.

Viele Menschen gehen täglich an ihm vorbei, doch nur wenige wissen von seiner Existenz. Kein Wunder, schließlich ist er von einer hohen, unauffälligen Mauer umgeben. Zudem ist das Eisentor am Eingang stets verschlossen. Auf einem Schild finden sich zwar Öffnungszeiten. Doch egal, wie oft sie auch geklingelt habe, nie habe ihr jemand aufgemacht, berichtet Zsófia Bán in einem ihrer jetzt auf Deutsch erschienenen Essays. Allein ihr Wunsch, einmal auf diesen Friedhof zu gelangen, habe sich für die ungarische Schriftstellerin und Kritikerin nach und nach zu einer Art fixen Idee ausgewachsen. Der unzugängliche Friedhof und das kafkaesk-vergebliche Warten auf Einlass: Für Zsófia Bán spiegelt sich darin zeichenhaft unser allzu oft dysfunktionaler Umgang mit der Vergangenheit wider.

"Es ist einfacher, solche Orte geschlossen zu halten. Es ist besser, nicht einmal die hineinzulassen, die mit besten Absichten kommen. So geht es uns irgendwie auch mit der historischen Erinnerung. Man rührt besser nicht an die schmerzhaften, neuralgischen Punkten, deckt sie liebte nicht auf."

Die deprimierende gesamteuropäische Gegenwart

Der gesellschaftliche Hintergrund der Essays in diesem Band sind natürlich zunächst die Verhältnisse in Báns Heimatland. Dort wurde nicht nur über die Beihilfe bei der Ermordung der 600.000 ungarischen Juden durch die Nazis viel zu lange geschwiegen.

Inzwischen sucht man unter der Regierung Orbán sogar ganz offen das Heil wieder in der Volksgemeinschaft. Zsófia Bán ist eine genaue Beobachterin. Als solche analysiert sie, warum im Budapester Alltag nationale Symbole wie der mythologische Turul-Vogel genauso selbstverständlich geworden sind wie Autoaufkleber, die von einem "Großungarn" träumen. Doch auch wenn die Autorin über die Verführungskraft rechter Ersatzmythen bei der ungarischen Jugend schreibt: Letztlich geht es Zsófia Bán immer um die deprimierende gesamteuropäische Gegenwart.

"Wir könnten uns den nicht aufgearbeiteten, nicht aufzuarbeitenden Verlusten hingeben, der von der unüberblickbaren Wissenslücke verursachten Melancholie. Ich bin jedoch der Meinung, dass wir richtiger handeln, wenn wir die „negative Befähigung“ anrufen, von der John Keats spricht, die uns in die Lage versetzt oder zumindest versetzen könnte, ‚in einem Zustand voller Unsicherheiten, Geheimnisse und Zweifel‘ dennoch funktionsfähig zu bleiben – trotz aller Widrigkeiten oder sogar gerade von ihnen inspiriert."

Mit der Lust am Widerstand

Zsófia Bán versteht die von dem englischen Romantiker John Keats beschriebene Haltung als eine Art intellektuelles Werkzeug.

Zsófia Bán

Zsófia Bán

Mit ihm sollen sich das Heute und die Schrecken des Gestern bewältigen lassen. Denn "negative Befähigung", das bedeutet für die Essayistin, sich nicht in vereinfachende Ideologien zu flüchten, sondern der Kontingenz in der Welt mutig und mit der Lust am Widerstand zu begegnen – eine Thematik, die für Zsófia Bán auch und gerade im Zentrum postmoderner Kunst steht. Imre Kertészʼ "Roman eines Schicksallosen" wird von ihr ebenso einer luziden Lektüre unterzogen wie Péter Nádasʼ melancholischer Jahrhundertroman "Parallelgeschichten" oder die Prosalabyrinthe des deutschen Erinnerungsspezialisten W.G. Sebald.

Dabei steht die Erhellung gesellschaftlicher Dunkelkammern oft neben visuellen Aspekten, wie die Darstellbarkeit des Schreckens oder das Verhältnis von Fotografie und Realität.
So versucht Bán, in Terezín, dem ehemaligen KZ Theresienstadt, ein Stück tabuisierter Familiengeschichte zu rekonstruieren. Ihre Mutter hatte dort zwar überlebt, später aber über ihre Erlebnisse „ihr ganzes Leben lang tief und demonstrativ geschwiegen“, wie sich die Tochter erinnert. Als sie dann im Museum vor einer Fotowand stand, sei sie in einen emotionalen Abgrund aus Angst und Scham gestürzt:

"Ich fürchtete mich, auf ein Foto von ihr zu stoßen, weil ich hier, im Gegensatz zu anderen Familienbildern, die zum Bild gehörende Geschichte nicht kennen würde; das Bild führte ein Eigenleben, es wäre ausgebrochen, ich würde mich seiner nicht bemächtigen können: das Bild hätte mich in meiner Unwissenheit beschämt – ich hätte ohnmächtig davor gestanden."

Archäologin der Gegenwart

Zsófia Báns Essays sind unbedingt lesenswert – allein schon wegen der Mühelosigkeit, mit der hier persönlich Erlebtes mit Literatur und theoretischem Wissen (von Walter Benjamin bis Michel Foucault) verbunden wird. Nicht zu vergessen ihre überraschenden Vergleiche, mit denen die Autorin ihre subtilen Reflexionen vermittelt. Die vorzüglich lesbare Übersetzung stammt von Terézia Mora, das instruktive Nachwort von der Kritikerin Daniela Strigl. Letztere bezeichnet Zsófia Bán treffend als "Archäologin der Gegenwart": So beeindruckend sind für den Leser all die überraschenden Untergründe und Querverbindungen, die Báns essayistische Ausgrabungen zutage fördern.

Stand: 11.08.2019, 22:42