Mario Vargas Llosa - Der Ruf der Horde – Eine intellektuelle Autobiographie

Mario Vargas Llosa - Der Ruf der Horde – Eine intellektuelle Autobiographie

Mario Vargas Llosa - Der Ruf der Horde – Eine intellektuelle Autobiographie

Von Thomas Brovot

Lob des Liberalismus – Mario Vargas Llosa wendet sich in seiner „intellektuellen Autobiographie“ gegen eindimensionales Denken von Rechts und Links.

Mario Vargas Llosa
Der Ruf der Horde – Eine intellektuelle Autobiographie

Aus dem Spanischen von Thomas Brovot
Suhrkamp, Berlin 2019
315 Seiten
24 Euro

Mario Vargas Llosa: "Der Ruf der Horde"

WDR 3 Buchrezension 27.05.2019 05:13 Min. Verfügbar bis 26.05.2020 WDR 3

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Der Kern der liberalen Tradition

Liberalismus - der Begriff ist in der öffentlichen Debatte der letzten Jahrzehnte teilweise in Verruf geraten. Viele denken dabei sofort an den "Neo-Liberalismus", der mit schrankenloser Gier multinationaler Konzerne assoziiert wird. Vargas Llosa will mit seinem Essayband den eigentlichen Kern der liberalen Tradition hervorheben:

"Wenn ich die drei modernen Denker nennen müsste, denen ich in politischer Hinsicht am meisten verdanke, würde ich nicht eine Sekunde zögern: Karl Popper, Friedrich August von Hayek und Isaiah Berlin."

Diese liberalen Ökonomen und Philosophen haben seine Weltsicht grundlegend beeinflusst. Vargas Llosa ist schon immer auch ein politischer Autor gewesen.

"Alle drei begann ich in den Siebziger- und Achtzigerjahren zu lesen, als ich mich von den Illusionen und Trugschlüssen des Sozialismus verabschiedete."

Eine der größten Gefahren für die Freiheit

Der junge Mario Vargas Llosa war ein Bewunderer der kubanischen Revolution. Als Fidel Castro einen regimekritischen Schriftsteller verhaften ließ, protestierte Llosa gemeinsam mit anderen Autoren, darunter Hans Magnus Enzensberger. Die harsche Reaktion auf diesen Brief, verbunden mit einem Einreiseverbot auf die Insel "auf unbestimmte und unbegrenzte Zeit", so erinnert sich Llosa im Vorwort zu dem neuen Band, war der Grund für seinen Bruch mit Castro –und dem Sozialismus. Für den Literatur-Nobelpreisträger von 2010 liegt im Dogmatismus eine der größten Gefahren für die Freiheit. Ideologisch geschlossene Systeme wie der Kommunismus sind ihm suspekt. Ebenso wie der Wunsch, sich einer Führergestalt, einer vorherrschenden Meinung, einer Masse unterzuordnen oder in einem Volk aufzugehen.

"Der „Stammesgeist, Quell des Nationalismus, hat neben dem religiösen Fanatismus die schlimmsten Gräuel in der Geschichte der Menschheit hervorgebracht."

geistige, politische und wirtschaftliche Freiheit

Mit dem "Ruf der Horde" meint Vargas Llosa den Hang vieler Menschen, sich Gruppen unterzuordnen und sich freiwillig als Teil eines Kollektivs zu sehen.

Mario Vargas Llosa

Mario Vargas Llosa

In manchen Ländern, und das nicht nur in der Dritten Welt, war dieser "Ruf", von dem uns die demokratische und liberale Kultur - letztlich die Vernunft - befreit hatte, immer wieder von neuem ertönt, und dahinter standen ebenjene unsäglichen charismatischen Führer, die es immer wieder schaffen, dass die Bürger zur belehnten Masse eines Diktators werden.“

Karl Poppers berühmtes Buch "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" ist ein Schlüsseltext des Liberalismus und für Vargas Llosa das wichtigste philosophische Werk des 20. Jahrhunderts.

Neben dem hierzulande weniger bekannten spanischen Denker José Ortega y Gasset und dem aus Riga stammenden Isaiah Berlin widmet Vargas Llosa den beiden Franzosen Raymond Aron und Jean-François Revel jeweils ein Kapitel. Alle acht Porträts hat er eigens für den "Ruf der Horde" geschrieben. Besonders treffend ist die Würdigung des analytisch klaren und immer so unaufgeregt argumentierenden Raymond Aron, der gegenüber seinem international populären - und stramm marxistisch argumentierenden - Landsmann Jean-Paul Sartre weniger öffentlichkeitswirksam auftrat.

Landsmann Jean-Paul Sartre weniger öffentlichkeitswirksam auftrat. Mario Vargas Llosa umkreist in dieser "intellektuellen Autobiographie" die Wurzeln und gegenwärtigen Ausprägungen des Liberalismus. Für ihn gehören geistige, politische und wirtschaftliche Freiheit zusammen. Das bringt ihn zu mitunter überraschenden Urteilen:

"In ökonomischen und politischen Fragen waren Ronald Reagan und Margaret Thatcher eindeutig liberal eingestellt, in vielen gesellschaftlichen und moralischen Fragen aber vertraten sie konservative, gar reaktionäre Positionen - niemals hätten sie die gleichgeschlechtliche Ehe, die Abtreibung, die Legalisierung von Drogen oder die Sterbehilfe akzeptiert […] und in diesen Punkten war ich selbstverständlich anderer Meinung als sie. Aber unterm Strich bin ich fest davon überzeugt, dass beide der Kultur der Freiheit einen großen Dienst erwiesen haben. Mir jedenfalls halfen sie, zu einem Liberalen zu werden."

Gegensätze aushalten

Es fällt schwer, die Begeisterung des in Peru geborenen und überwiegend in Madrid lebenden Schriftstellers für solche konservativen Hardliner zu teilen. Man muss aber auch nicht allem zustimmen, was Vargas Llosa schreibt. Denn genau darum geht es ihm: Gegensätze aushalten. Absolute, ewige Wahrheiten sind etwas für Ideologen - den Liberalen zeichnet der Zweifel aus. Vargas Llosas jetzt auf Deutsch vorliegende "intellektuelle Autobiographie", die bis in die Aktualität mit Phänomenen wie Brexit, Populismus, Shitstorm hineinreicht, ist ein Aufruf, die eigenen Überzeugungen immer wieder in Frage zu stellen. - Eine enorm anregende, kraftvolle, streitbare Lektüre.

Stand: 26.05.2019, 18:50