José María Arguedas - Der Fuchs von oben und der Fuchs von unten

José María Arguedas - Der Fuchs von oben und der Fuchs von unten

José María Arguedas - Der Fuchs von oben und der Fuchs von unten

Von Tobias Wenzel

Die Fischmehlproduktion hat einer peruanischen Küstenstadt Prostitution, mafiöse Strukturen und stinkenden Morast gebracht. Nun ist José Maria Arguedas' letzter Roman, dessen Vollendung sein Selbstmord verhinderte, zum ersten Mal auf Deutsch erschienen.

José María Arguedas
Der Fuchs von oben und der Fuchs von unten

Aus dem peruanischen Spanisch von Matthias Strobel
Wagenbach, Berlin 2019
320 Seiten
25 Euro

Zu groß sind die Selbstzweifel

"[…] nun stehe ich wieder kurz vor dem Selbstmord. […] Ein Revolver ist schnell und sicher, aber nicht so einfach zu besorgen."

… notiert José María Arguedas am 10. Mai 1968 in sein Tagebuch. Das führt er immer dann fort, wenn er zu depressiv ist, um an seinem Roman "Der Fuchs von oben und der Fuchs von unten" zu arbeiten. Aber er ahnt, dass er das Buch nicht beenden wird. Zu groß sind die Selbstzweifel, vor allem, seit ihn sein Kollege Julio Cortázar in einem Interview als Provinzautor bezeichnet hat, weil er in seinem Werk die indigene Kultur thematisiert. Zu groß ist der Wunsch zu sterben. Und so hat Arguedas schon für die Veröffentlichung die Mischform aus Roman und Tagebucheinträgen im Sinn.

Was für ein Buch! Chimbote, eine Stadt an der peruanischen Pazifikküste, ist zum weltweiten Zentrum der Fischmehlindustrie geworden. Sie hat Geld, Bordelle und Umweltzerstörung hervorgebracht. Und Moncada verrückt werden lassen. Er zieht mit einem großen Kreuz durch die Hafenstadt, um krude, religiöse Reden zu halten:

"Ich bin Stierkämpfer Gottes, ich bin Bettler seiner Zuneigung, nicht der falschen Zuneigung der Behörden, auch der Menschheit. Seht her! Laut schrie er es und tänzelte wie ein Torero um das Kreuz herum."

Der Fuchs

Bald steigt Moncada mit seinem Kreuz hinauf zu den armen Indios, die auf dem Berg in Barackensiedlungen hausen. In diesem streckenweise atemberaubend gut geschriebenen, von Matthias Strobel gelungen übersetzen Roman steht das Oben für die indigene Kultur und das Unten für die westliche Lebens- und Denkweise, auch den Kapitalismus.

José María Arguedas

José María Arguedas

Arguedas gehörte zwar selbst nicht zur indigenen Bevölkerung, wuchs aber mit ihr auf, lernte ihre Sprache Quechua. Auch in "Der Fuchs von oben und der Fuchs von unten" hat er indigene Motive verarbeitet. So wird mit dem Wort "Fuchs" im Buch die Fruchtbarkeit bezeichnet: das weibliche Geschlechtsorgan wie auch die fischreiche Bucht, die die Menschen ernährt. Hinzu kommt die mythische Gestalt des Fuchses. Als Fuchs von unten und der Unterwelt entpuppt sich nämlich der junge, westlich gekleidete Diego. Der stattet Ángel, dem Leiter einer Fischmehlfabrik, dort einen Besuch ab und beäugt währenddessen ein Insekt:

"Diesem gehrocktragenden Hippie kann man vertrauen, diesem halb entwurzelten Aufsteiger [...]?, dachte Don Ángel, und während er noch stolz war auf das, was er dachte, stand der Besucher auf; hob einen Fuß, drehte sich einmal unter der Lampe im Kreis und fischte das fliegende Tierchen aus der Luft, das weiterhin das Licht attackiert hatte; er fischte es weg wie ein Blitz auf dem kalten Mond, biss in es hinein und legte den Kadaver auf Don Ángels Schreibtisch.
[…] das ist der Beruf, den ich gerne hätte, nicht wahr? Zum Tod verhelfen und dann stärker sein als der Tod. Ui, ui, ui ...!"

Ein Hauch von Revolution

Diego, eine Art Mafioso in fuchsartiger Menschengestalt, wurde wohl vom Fischmehl-Milliardär Braschi geschickt, von dem viel geredet wird, der aber nie selbst in Erscheinung tritt, was ihn noch mächtiger wirken lässt. Die Fischer verprassen ihr Geld in den Bordellen, die Braschi gehören, und verschulden sich, indem sie mit von ihm finanzierten Krediten Häuser kaufen. Aber sowohl sie als auch die armen Indios aus den Barackensiedlungen wollen sich nicht mehr einschüchtern lassen. Es liegt ein Hauch von Revolution in der Luft, aber auch Angst macht sich breit: Wem kann man noch trauen?

Arguedas übt Kapitalismuskritik. Der von den Fabriken erzeugte Morast ist eben auch moralisch zu deuten. Und auch die Liebe des Autors für die indigene Kultur ist im Roman zu spüren. Der Vorwurf, Arguedas idealisiere die indigenen Menschen und verteufele die westliche Moderne und deshalb tauge seine Literatur nichts, ist aber unberechtigt. Einerseits, weil auch in „Der Fuchs von oben und der Fuchs von unten“ diese zwei Welten und ihre Menschen längst auf viel zu komplexe Weise miteinander verwoben und oft Gut und Böse nicht klar zuzuordnen sind. Andererseits, weil wir es hier einfach mit großer Literatur zu tun haben. Die ist mal ganz nah an der Gesellschaft dran, dann wieder phantastisch, mythisch oder archaisch entrückt. Wie die arme Bevölkerung die Kreuze ihrer Toten von einem Friedhof da unten zu einem neuen da oben bringt und sich durch diese Prozession politisiert, ist nur eine von mehreren bildmächtigen Szenen, die den Leser geradezu überwältigen.

Man möge mir verzeihen

Eine "verkrüppelte, unausgewogene Geschichte", wie Arguedas seinen letzten Roman nannte, ist er, obwohl unvollendet und obwohl einige Passagen kürzer noch stärker gewirkt hätten, ganz sicher nicht. Insofern empfindet man es als Leser dieser Mischform von Buch als besonders tragisch, dass auf Romanpassagen, die die Könnerschaft des Autors belegen, Tagebucheinträge folgen, in denen Arguedas mit dem Schreiben und mit dem Leben hadert. Der letzte Eintrag, gut einen Monat vor seinem Selbstmord, stammt vom 22. Oktober 1969:

"Man möge mir verzeihen, was bittstellerisch und aufgeplustert ist an diesem letzten Tagebuch, wenn der Schuss fällt und trifft. Ich bin mir sicher, dass es nunmehr der einzige Funke ist, den ich entzünden kann. Und doch muss ich noch wer weiß wie viele Tage warten, um es zu tun."

Stand: 19.12.2019, 15:26