Friedrich Christian Delius - Die Birnen von Ribbeck

Friedrich Christian Delius - Die Birnen von Ribbeck

Friedrich Christian Delius - Die Birnen von Ribbeck

Von Christoph Vratz

Fontanes berühmte Ballade hat das Dorf Ribbeck bekannt gemacht. Friedrich Christian Delius erzählt, wie nach der Öffnung der Mauer einige Westberliner in Ribbeck einfallen und ungefragt einen neuen Birnbaum pflanzen.

Friedrich Christian Delius
Die Birnen von Ribbeck

Sprecher: Christian Brückner
Regie: Waltraut Brückner Parlando
2 CDs
ISBN 978-3-8398-7121-8

Friedrich Christian Delius "Die Birnen von Ribbeck"

WDR 3 Mosaik 05.09.2019 05:48 Min. Verfügbar bis 04.09.2020 WDR 3

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Günter Grass schrieb mit "Ein weites Feld" 1995 einen heftig umstrittenen Roman zur deutschen Wende. Darin zeichnete er die Hauptfigur als glühenden Verehrer des Schriftstellers Theodor Fontane. Weniger umfangreich und weniger umstritten ist eine Erzählung von Friedrich Christian Delius aus dem Jahr 1991, worin ebenfalls die deutsche Wende thematisiert wird – und ebenfalls Theodor Fontane eine bedeutende Rolle spielt. „Die Birnen von Ribbeck“ heißt diese Erzählung, die nun als Hörbuch mit Christian Brückner auf einer Doppel-CD vorliegt.

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Es sind nur ein paar Zeilen, doch sie zählen zum berühmtesten, was Theodor Fontane hinterlassen hat: Die Ballade von "Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland" aus dem Jahr 1889. Freigiebig verschenkt der Herr von Ribbeck jahrelang von seinem Baum Birnen an Kinder. Doch er wird älter:

"Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck:
»Ich scheide nun ab. Legt mir eine Birne mit ins Grab.«"

Ein neuer Birnbaum

Portrait von Schriftsteller Friedrich Christian Delius

Friedrich Christian Delius

So geschieht’s. Der Alte stirbt. Während der junge Herr von Ribbeck sich als Geizhals erweist, beginnt aus dem Grab heraus ein neuer Birnbaum zu wachsen.

Diese Ballade hat Ribbeck, diese 350-Seelen-Gemeinde 40 km vor Berlin, unweit an der B5 in Richtung Hamburg gelegen, berühmt gemacht; inzwischen gibt es dort Birnenmarmelade, Birnenlikör, Birnenessig, Birnenbalsam und anderes „Birniges“ mehr. Die Bekanntheit dieses wohl berühmtesten Birnbaums der deutschen Literaturgeschichte, dessen historisches Vorbild 1911 einem Unwetter zum Opfer fiel, steht auch im Fokus der Erzählung "Die Birnen von Ribbeck" von Friedrich Christian Delius aus dem Jahr 1991.

Die Westler fallen ein

"Als sie anrückten von Osten aus dem westlichen Berlin mit drei Omnibussen und rot und weiß und blau lackierten Autos, aus denen Musik hämmerte, lauter als die starken Motoren, und mit den breitachsigen herrischen Wagen das Dorf besetzten, wie es seit den russischen Panzern, dem Luftwaffengebell und dem Ribbeckschen Jagdfesten nicht mehr besetzt war, […] und ausstiegen wie Millionäre mit „Hallo“ und Fotoapparaten und Sonnenschirmen –[…] und Bier und Fassbrause, Birnenschnaps, Würstchen und Luftschlangen, Kugelschreiber und Erbsensuppe verschenkten" –

- von diesem Moment an ist in Ribbeck nichts mehr, wie es vorher war. Noch dominiert der alte DDR-Charme, doch die Westler fallen ein, weil sie einen jungen Birnbaum – Symbol für alles Neue - mitgebracht haben, den sie

"nach einer kurzen Rede, die der Bürgermeister wie gewohnt mit schafsäugigem Nicken begleitet hatte, in den Vorgarten des alten Pflegeheims, das früher das Schloss war, einpflanzten und dabei mehr auf die Videokameras als auf den Baum schielten und sich selber Beifall klatschten und uns auf die Schultern hieben, als hätten sie ein großes Spiel gewonnen oder ihre Fahne in erobertes Gebiet gesteckt und lauter wurden, Bierbecher herumreichten und uns Birnengeist probieren ließen und schnell „Ihr“ sagten und „Du“ – haben wir auf die Frage gewartet, was wir zu dem neuen Birnbaum zu sagen hätten…"

80 Seiten lang – ein einziger Satz

Das Besondere an Delius‘ Text ist, dass er – knapp 80 Seiten lang – nur aus einem einzigen Satz besteht. Erzähler ist ein Einheimischer, ein Ribbecker Bauer, der auf seine Weise die Schattenseiten der deutschen Wieder-Vereinigung darstellt. Er zeigt seine Ratlosigkeit und nennt die Sorgen der Menschen:

"Ein neuer Kampf, Tier gegen Pflanze, die einen mit Schulden, die anderen mit Gewinn, und gleichzeitig soll alles halb so billig werden, das drückt mehr als das „Soll“ vor vierzig Jahren, weg mit den Büroleuten und Genossen, der ganze Wasserkopf, weg mit Maurern und Schlossern und Köchen und Kindergärtnerinnen und allen – und wer nimmt welche Maschinen wohin? – alle sind bereit mehr zu schaffen, wenn sie wissen, sie haben was davon…"

Es ist ein Ein-Mann-Text

Christian Brückner

Christian Brückner

Die Struktur des Riesen-Monologs soll andeuten, wie nach dem Fall der Mauer viele Menschen erst langsam ihre Sprache wiedergewinnen. Es ist ein Ein-Mann-Text, den Delius geschrieben hat und der gleichzeitig auch als Theaterstück taugt und so auch mehrfach schon aufgeführt worden ist.

Nach der Lesung mit Uwe Friedrichsen aus dem Jahr 2001 hat nun Christian Brückner "Die Birnen von Ribbeck" neu als Hörbuch aufgenommen. Er strukturiert das Prosaexperiment eines Endlos-Satzes sehr behutsam, gleichzeitig aber auch mit Mut zu flottem Tempo.

"und da im Bildschirm sitzen die, die über unseren Köpfen alles aufteilen, ohne uns zu fragen, dem Markt, die Preise, die Gesundheit, die Rente, den Boden, alles neu auf einen Streich – und stehen Eure Beamten, die Eure Vorschriften mitbringen und unser Land nach den Regeln, die nicht für uns gemacht sind, durchkämmen und ordnen wie eine Kolonie – was soll denn mit uns – bis wir noch kleiner, dümmer, verkauft aussehen…"

Wie klingt er denn nun, der Schluss?

In Abschnitten wie diesen kommt die ganze Wucht zum Ausdruck. Christian Brückner ist ein Meister, der lange Sätze und Spannungsbögen ebenso souverän beherrscht wie die Kunst des plötzlichen Abbruchs und des Wieder-Neu-Ansetzens – genauso wie der Text von Delius es verlangt. Das klingt beeindruckend eindringlich. So stellt sich am Ende dieser Lesung nur noch eine Frage: Wie klingt er denn nun, der Schluss, wenn nach rund zwei Stunden endlich zum ersten Mal ein Punkt den Mammut-Monolog beschließt?

"und einer kämpfte, als alle anderen abgerückt weggetorkelt oder fortgeschlichen waren in die verschiedenen Lichtungen der Nacht, aus dem Gras sich hoch, mühsam aufrecht und lallte im Takt seiner wackligen Schritte: "Noch immer die Hand, noch immer die Finger, noch immer fing alles, noch immer fängt an, im Land, im Land, im Havelland."

Stand: 02.09.2019, 19:12