Pauline Delabroy-Allard - Es ist Sarah

Pauline Delabroy-Allard - Es ist Sarah

Pauline Delabroy-Allard - Es ist Sarah

Von Astrid Roth

Das rasant erzählte Debüt der jungen französischen Autorin Pauline Delabroy-Allard "Es ist Sarah" ist die Geschichte einer Amour fou, die ein Leben für immer verändert.

Pauline Delabroy-Allard
Es ist Sarah

Aus dem Französischen von Sina de Malafosse
Frankfurter Verlagsanstalt, Franktfurt a.M. 2019
180 Seiten
22 Euro

Eine überraschende Liebe

Die Erzählerin, deren Namen wir nicht erfahren, liebt. Es ist eine überraschende Liebe, eine, die einen ereilt. Die Erzählerin lebt im heutigen Paris, sie ist jung, gerade von dem Vater ihres vierjährigen Kindes verlassen worden, sie hat eine feste Stelle als Lehrerin und bereits wieder einen neuen Freund. Trotzdem, sie schlage sich so durch, sagt sie, sie führe ein Leben, dass sie nie so führen wollte, das aber gleichzeitig noch lange so weitergehen könnte. Dann taucht bei einer Silvesterfeier mit Freunden Sarah auf.

"Sie kommt zu spät, lacht, ist ganz außer Atem. Wie ein plötzlicher Wirbelsturm. Sie spricht laut, schnell. Sie drückt sich vulgär aus, benutzt Worte, die noch lange in der Luft zu hängen scheinen, nachdem sie sie ausgesprochen hat. Sie macht zu viel Lärm. Vorher war da nichts, Schweigen, affektiertes Lachen, feierliche Mienen, und auf einmal ist da nur noch sie. Sie beugt sich zu mir, riecht nach prickelnd kalter Dezemberluft. Sie ist zu stark geschminkt. Sie ist lebhaft, exaltiert, leidenschaftlich."

Pauline Delabroy-Allard - Es ist Sarah

WDR 3 Mosaik 01.10.2019 05:20 Min. Verfügbar bis 30.09.2020 WDR 3

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Das Leben ist ein einziger Rausch

Die Erzählerin und Sarah verlieben sich ineinander. Sarah mit ihrer überbordenden Lebensfreude, ihrer Direktheit trifft die Erzählerin mitten ins Herz, sie verliert den Kopf.
Das Leben der beiden Liebenden ist ein einziger Rausch, die äußeren Koordinaten sind allein die Jahreszeiten, der Schuldienst der Erzählerin, die Betreuung des Kindes und die vielen Tourneen von Sarah. Sarah ist eine erfolgreiche Violinistin eines international gefragten Streichquartetts und mindestens zehn Jahre älter als die Erzählerin. Sarah ist Vexierbild, Sinnbild eines Ausbruchs und Aufbruchs.

"Es geht um Sarah, ihre rätselhafte Schönheit, ihre steile Nase, die einem sanften Raubvogel zu gehören scheint, ihre Kieselaugen, grün, nein, nicht grün, die außergewöhnliche Farbe ihrer Augen, ihre Schlangenaugen mit den hängenden Lidern. Es geht um Sarah die Unbändige, Sarah die Leidenschaft…"

Und wir sind mittendrin

Zeit und Raum scheinen in diesem Debüt aufgehoben, und wir sind mittendrin:
Wir wirbeln mit den beiden Frauen durch ein pittoreskes Paris, durch Cafés, Restaurants, Kinos, schauen uns französische Filme an, besuchen Konzerte, lachen in der Comédie Française und hören die klassische Musik, die Sarah spielt. Sarah liebt das Klaviertrio Nummer eins von Johannes Brahms, die Erzählerin Jeanne Moreaus "India Song".

Pauline Delabroy-Allard

Pauline Delabroy-Allard

Und natürlich geht es um Alain Resnais, um Marguerite Duras, Niki de Saint Phalle und François Truffaut, um nur einige Namen zu nennen. Man könnte der Autorin Pauline Delabroy-Allard vorwerfen, sie betreibe Namedropping. Aber man muss sich gar nicht in der französischen Kulturszene auskennen, um zu erfassen, worum es der Erzählerin dabei wirklich geht. Es geht darum, ein Gefühl zu beschwören. Liebende kenn en das, es ist dieses "Weißt du noch?" Dabei bleibt diese Amour fou inhaltlich unbestimmt, wie alle Protagonisten der Erzählung, selbst die betörende Sarah, seltsam schemenhaft bleiben. Das beschworene Gefühl wird vor allem über die faszinierende Sprache des Textes fassbar. Sie ist haltlos, wie die Erzählerin:

In meist kurzen Sätzen wird con fuoco, mit Feuer, wie die Musikerin Sarah das ausdrückt, von der Liebe der beiden Frauen zueinander erzählt. Eine Art Klangteppich entsteht dabei. Darum geht es, um das leuchtende Leben in allen Lebenslagen, schreibt die Erzählerin an einer Stelle, und genau das erzählt sie so rasant, dass man sich kaum entziehen kann.

Der Fixpunkt bleibt

Eines Tages ist es vorbei, und hier beginnt der zweite Teil dieser Geschichte. Die Trauer treibt die zurückgelassene Liebende über Umwege nach Triest, in die Stadt von James Joyce und Stendhal, wie wir erfahren, und auch hier bleibt Sarah der Fixpunkt, der Motor des Denkens und Fühlens und Handelns der Erzählerin. Doch hat sich das Tempo deutlich verlangsamt. Hier sind wir der Erzählerin viel näher, und auch scheint sie Sarah viel näher. Ihre Sprache ist poetischer. Vielleicht lässt sich die Erinnerung an Sarah noch besser erzählen als das Leben mit ihr.

"Daran erinnere ich mich, ich weiß, wie es ist. Am frühen Morgen an sie geschmiegt zu sein. ich will mich erneut in den zerbrochenen und bereits verlorenen Schlaf flüchten, in diesen ein wenig laufwarmen Schlaf, der auf leidenschaftliche Nächte folgt, Nächte ausgehungerter, verzehrender, unersättlicher Liebe, diese Liebesnächte, in denen ich den Eindruck habe, dass wir sie nicht überleben werden, dass wir genau hier sterben werden, einfach so, diese Liebesnächte, in denen wir unsere Herzen verzehren, voilà, das ist es, wir verzehren unsere in der Handfläche der anderen zu kleinen Krümeln zermahlenen Herzen."

Vielleicht ist die Hingabe an Sarah die Hingabe an das Leben selbst. Man mag sofort wieder von vorne anfangen, um den Liebesrausch der beiden noch einmal zu erleben.

Stand: 01.10.2019, 09:00