Donatien Alphonse Francois de Sade, Erotische Italienreise

Donatien Alphonse - Francois de Sade, Erotische Italienreise

Donatien Alphonse Francois de Sade, Erotische Italienreise

Von Jörg Aufenanger

Et in Arcadia ego: auch den Freigeist und Pornografen Donatien Alphonse Francois de Sade zog es nach Italien auf Bildungsreise.

Donatien Alphonse Francois de Sade
Erotische Italienreise

Aus dem Französischen von Stefan Zweifel und Michael Pfister
Matthes&Seitz Verlag, Berlin 2020
365 Seiten
32 Euro

Donatien Alphonse Francois de Sade: Erotische Italienreise

WDR 3 Buchkritik 04.06.2020 05:15 Min. Verfügbar bis 05.06.2021 WDR 3

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Fluchtziel Italien

Als Goethe 1786 nach langem Zögern erstmals nach Italien reiste, war de Sade schon dreimal dort gewesen. Für beide war die Reise eine Flucht, für Goethe, um der Enge von Weimar und dem verkorksten Verhältnis zu der verheirateten Frau Stein zu entkommen. De Sade indes musste jedes Mal vor der Polizei, der Justiz fliehen und gar vor einem Todesurteil, das gegen ihn wegen Unzucht verhängt worden war.

Italien war für sie Ziel einer Bildungs- und einer Lustreise, für den erotischen Libertin de Sade vor allem eine der Lust. Doch selbst der gehemmte Goethe wurde in Venedig, Neapel und Rom zu einem Fast-Libertin. Beide folgten nahezu denselben Pfaden, die de Sade in seinem Reiseführer schilderte, während Goethe seine „Italienische Reise“ erst Jahrzehnte später veröffentlichte und darin einiges verschwieg.
De Sade verschwieg nichts, das entsprach nicht seinem exhibitionistischen Naturell. Er berauschte sich an seinen Erlebnissen und den sexuellen Phantasien, die er jenen hinzufügte. Italien nennt er das schönste Land der Welt, die Italiener indes einen stumpfsinnigen Menschenschlag: „faul“, „zwiezüngig“, „betrügerisch“, „von Natur aus faul“, lässt er in seinem französischen Dünkel kein Vorurteil aus.
Die „glückseligen“ Landschaften zwischen Venedig und Neapel nutzt er indes als Kulisse für seine orgiastischen Ausschweifungen, die er noch mit Aufputschmitteln, Aphrodisiaka und Alkohol anfeuert:

"Um mein Gemüt vollends in Brand und Brunst zu setzen, war ich langsam aber sicher auf den Beistand von Wein und gebranntem Wasser angewiesen und sobald mein Kopf richtig benebelt war, gab es keine Ausschweifung mehr, zu der ich mich nicht hätte hinreißen lassen. Auch verwandte ich Opium, denn auf die Kunst war noch mehr Verlass als auf die Natur. Die einzige Misshelligkeit ist jedoch der Zwang, ein Leben lang damit fortfahren zu müssen."

Anne-Prospère und der Reiseführer für „ehrenwerte. Menschen“

Als de Sade 1772 im Alter von 32 Jahren erstmals nach Italien aufbrach, nahm er Anne-Prospère, die bildhübsche Schwester seiner Frau als Geliebte mit, was an sich schon ein Skandal war. Ihr venezianisches Liebesnest verließen sie nur, um die Lagunenstadt zu besichtigen, vor allem die Kirchen. Als kunstbeflissener Tourist listet er sie in seinen Reisenotizen penibel auf, 34 an der Zahl. Doch die eine Frau an seiner Seite genügt ihm nicht und so nimmt er eine weitere Geliebte, woraufhin Anne-Prospère ihn verläßt, was ihn in eine Krise einschließlich Selbstmordversuch stürzt. Als auch er nach Frankreich zurückkehrt, wird er verhaftet.

Die zweite und dritte Italienreise zwischen 1774 und 1776 dauern immerhin achtzehn Monate, in denen Sade den vorliegenden Reiseführer für „ehrenwerte. Menschen“ verfasst. In ihm schildert er ausführlich und anschaulich die Kunstschätze der Uffizien von Florenz, der Villa Borghese in Rom, der vatikanischen Sammlungen wie auch den Petersdom selbst auf etwa achtzig Seiten. Dabei lässt er seinem furiosen Antiklerikalismus freien Lauf, zählt die Schandtaten der „halbsteifen Libertins“ auf, wie er die Kardinäle und die Päpste benennt, denen er gar die Einrichtung der Bordelle andichtet, die er indes selbst in ganz Italien eifrig aufsucht. Dabei spielt er in einer Doppelmoral den Apologeten der guten Sitten gegen die von ihm sogenannten "Kuttenlumpen".

Neben dem Kunstgenuss frönt Sade vor allem der Liebeslust.

Unzählige Orgien sowohl mit Mädchen, Knaben, aber auch mit Damen und Herren vor allem des Adels schildert er bis ins kleinste Detail und macht damit den Leser zum unfreiwilligen Voyeur, der aber wie es bei Pornographie zumeist ist, irgendwann ermattet.
Würde man daneben nicht auch die Beschreibungen der Städte und Landschaften, der Gebräuche und Sitten lesen können, würde man das Buch kaum zu Ende lesen wollen. Doch auch die eingestreuten philosophischen Erörterungen lohnen die Lektüre. Wendet sich doch da einer im Licht der Aufklärung gegen seinen eigenen adligen Stand, kündigt dessen Untergang an.

Juliette

Todestag Donatien Alphonse Francois Marquis de Sade

Donatien Alphonse Francois Marquis de Sade

Sowohl die Reisenotizen als auch der Reiseführer werden der Fundus für de Sades im Gefängnis verfassten Roman "Juliette". Ihn ihm lässt er an seiner statt ein weibliches Alter Ego auf den begangenen Pfaden durch Italien reisen.

Seine erotischen Erlebnisse mit Frauen und Männern schreibt er nun ihr zu und ergänzt sie mit den Exzessen seiner Phantasie, deren Höhepunkt eine schwarze Messe ist, die Juliette mit dem Papst in den Darkrooms des Vatikans feiert. Das von dem de Sade-Forscher Stefan Zweifel herausgegebene und mit erhellenden Kommentaren zu Leben und Werk des Marquis versehene Buch ist ein wertvolles Dokument zur französischen Libertinage kurz vor der Revolution von 1789. Auch wenn man nicht alles bis ins kleinste Detail lesen möchte.

Stand: 03.06.2020, 14:16