Guy de Maupassant - Der Horla

Guy de Maupassant - Der Horla

Guy de Maupassant - Der Horla

Von Christoph Vratz

"Der Horla" von Guy de Maupassant zählt zu den berühmten Schauernovellen der Weltliteratur. Jetzt hat Jens Wawrczek sie gelesen und musikalisch unterfüttert.

Guy de Maupassant
Der Horla

Jens Wawrczek, Sprecher
Goldbeck Records Hamburg
1 mp3-CD
ISBN 9783948210168; LC 24188

Guy de Maupassant "Der Horla" (Hörbuch)

WDR 3 Buchkritik 02.07.2020 05:52 Min. Verfügbar bis 02.07.2021 WDR 3

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Nein, ist der Tag schön!

Guy de Maupassant war einer der großen französischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, bekannt vor allem durch Romane wie "Bel ami" und durch Novellen wie "Das Haus Tellier", "Mademoiselle Fifi" oder die 1886 entstandene Erzählung "Der Horla".

"8. Mai. – Nein, ist der Tag schön! Den ganzen Morgen habe ich im Grase lang ausgestreckt vor meinem Hause gelegen unter der riesigen Platane, die es vollkommen beschattet, bedeckt und überragt. Ich liebe diese Gegend und lebe dort gern, weil dort meine Wurzeln sind, die tiefen, zarten Wurzeln, die einen Menschen an die Scholle knüpfen, wo seine Väter geboren und gestorben sind, die ihn mit dem verbinden, was man denkt, was man isst, was man liebt."

Am Anfang ist die Welt noch in Ordnung – fast ein Idyll.

"Von meinem Fenster aus sehe ich die Seine längs meines Gartens hinter der Straße, beinahe bei mir, die breite, große Seine, die von Rouen nach Havre fließt mit Schiffen bedeckt, die vorübergleiten."

Doch dann wird die Stimmung mehr und mehr getrübt, anfangs durch eine harmlose Grippe?

"12. Mai. – Seit einigen Tagen habe ich etwas Fieber, ich fühle mich elend oder vielmehr traurig. Woher stammen diese wunderlichen Eindrücke, die unser Glücksgefühl oft in Entmutigung, unser Vertrauen in Angst verwandeln? Es ist, als ob die Luft, die unsichtbare Luft voller Kräfte wäre, die wir nicht kennen, die uns nur manchmal nachbarlich streifen."

Als ob jemand hinter mir herginge

Im Stil eines Tagebuchs berichtet der Ich-Erzähler genau und präzise über seine Befindlichkeiten und über eine aufkeimende tiefe Angst, die immer heftiger in ihm hochsteigt und die er zunächst durch tiefen Schlaf ausblenden kann. Am 2. Juni, also rund vier Wochen nach dem ersten Eintrag, halluziniert der Erzähler über ein unsichtbares Wesen:

"Plötzlich war mir, als ob mir jemand folgte, als ob jemand hinter mir herginge, ganz nahe, ganz nahe und mich beinahe berührte.
Ich drehte mich schnell um. Ich war allein. Hinter mir sah ich nur die gerade und breite Allee, öde, hoch, grausig leer. Und vor mir dehnte sie sich eben aus, soweit das Auge reicht. Furchtbar."

Autobiographische Bezüge

Porträt des französischen Schriftstellers Guy de Maupassant (1850-1893)

Guy de Maupassant

Die Erzählung "Der Horla", benannt nach diesem unsichtbaren Verfolger, enthält autobiographische Bezüge. Auch Guy de Maupassant leidet in seinen späten Lebensjahren zunehmend an Angstzuständen, ausgelöst durch seine Syphilis-Erkrankung. Am Neujahrstag 1892 unternimmt er einen Selbstmordversuch, kommt in eine psychiatrische Klinik, und stirbt anderthalb Jahre später – mit nicht einmal 43 Jahren. Die psychische Verfassung des Erzählers ist auch Thema in "Der Horla", geschildert mit einer Direktheit und Unmittelbarkeit, die einen Ausweg aus der düsteren Situation immer unwahrscheinlicher macht.

"12. Juli. – Ich bin nach Paris gereist. Ich habe also diese letzten Tage völlig den Kopf verloren. Ich muss der Spielball meiner nervös überreizten Einbildungskraft gewesen sein, oder ich müsste wirklich Nachtwandler sein oder einer jener, übrigens wissenschaftlich durchaus festgestellten, Einwirkungen unterlegen sein, die man bisher nicht hat erklären können und die man Suggestion nennt. Jedenfalls näherte sich meine verrückte Stimmung dem Wahnsinn."

Jemand hat von meiner Seele Besitz ergriffen

Der Schauspieler Jens Wawrczek ist bekannt vor allem als zweiter Detektiv Peter Shaw in der Hörspielreihe "Die drei ???". Maupassants "Horla" hat er im November 2018 im Berliner Glaspalast Theater vorgetragen, und der Mitschnitt dieser Veranstaltung liegt nun auf CD vor. Das Nervös-Fiebrige dieser Geschichte bildet Wawrczek auf eindringliche Weise ab – bis hin zur leisen Resignation.

"14. August. – Ich bin verloren. Jemand hat von meiner Seele Besitz ergriffen und beherrscht sie, jemand befiehlt alles, was ich thue, alle meine Bewegungen, alle meine Gedanken, ich bin nichts als »Ich«, ich bin nur ein gefesselter Zuschauer und sehe alles entsetzt mit an, was ich tue. Ich möchte ausgehen, ich kann nicht. Er will es nicht. Und ich bleibe zitternd in dem Stuhl sitzen, in dem er befiehlt, dass ich sitzen soll."

Jens Wawrczek durchlebt das Schicksal des Ich-Erzählers in Maupassants "Horla" zitternd, hoffend, bebend. So entsteht ein subtiles Psychogramm. Ergänzt um musikalische Elemente seiner Mitstreiter an Harfe, Cello und Keyboard, und umrahmt durch Lieder von Claude Debussy und Robert Schumann ergibt sich eine Art Kino für die Ohren – unmittelbar, schillernd, packend.

Stand: 30.06.2020, 13:47