Dave Eggers - Die Parade

Dave Eggers - Die Parade

Dave Eggers - Die Parade

Von Peter Henning

Unsere brüchige Infrastruktur: Dave Eggers neuer Roman spiegelt den Wiederaufbau in einem Bürgerkriegsland in einer wüsten Parabel.

Dave Eggers
Die Parade

Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020
192 Seiten
20 Euro

Literarische Versuchsanordnungen

Man könnte seine letzten Romane als literarische Versuchsanordnungen bezeichnen. Und wahrscheinlich würde Dave Eggers dem nicht einmal widersprechen. Denn Eggers, 1970 in Boston geboren und seit Erscheinen seines Silicon Valley Albtraums "The Circle" weltweit als eine Art "Orwell der Neuzeit" gefeiert, ist bei aller Vorliebe für spannende, gut erzählte Geschichten vor allem ein politischer Schriftsteller; ein Moralist, der seinen Büchern stets eine kritische Botschaft einschreibt – und seine Plots gekonnt als Vehikel nutzt.

Dave Eggers - Die Parade

WDR 3 Buchkritik 07.07.2020 04:00 Min. Verfügbar bis 07.07.2021 WDR 3

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Eine kühne Idee

Auch sein neuer, jetzt auf Deutsch vorliegender Roman "Die Parade" folgt dieser programmatischen Idee. Und wieder ist es ein Wüstenstaat, in dem er sein aktuelles Erzählabenteuer ablaufen lässt - wie in seinem Roman "Ein Hologramm für den König" von 2013, in welchem Eggers die ebenso abstruse wie amüsante Geschichte des amerikanischen, kurz vor dem Ruin stehenden Geschäftsmannes Alan Clay erzählte, der in der saudi-arabischen Wüste auf den seine Existenz rettenden großen deal hofft. Diesmal sind es zwei ausländische Straßenbauer, die in einem namentlich nicht näher bezeichneten, von heftigen Bürgerkriegshandlungen versehrten Staat in der Arabischen Welt den fortschrittlichen Südteil des Landes straßenverkehrstechnisch mit dem eher provinziellen Norden verknüpfen sollen.

Dave Eggers

Dave Eggers

In gerade mal zwölf ihnen dafür zugebilligten Arbeitstagen soll dies geschehen – hat der Präsident des noch jungen Staates doch die kühne Idee, die geglückte Einstellung der Kampfhandlungen mit einer großen friedlichen Parade zu feiern. So wird der Auftrag zum schwierigen Unterfangen, wie sich bald herausstellen soll. Denn die beiden Männer, die einander vom ersten Augenblick an nicht grün sind - und im Roman konsequent als "Vier" und "Neun" bezeichnet werden, gehen die Umsetzung des Auftrags höchst unterschiedlich an.

"Neun stellte seinen Teller ab und ließ seine Haare von der Stirn herabhängen wie eine Weide ihre Zweige. Er verzichtete auf das Blechbesteck und hob die angegammelten Knochen mit den Finger an den Mund, um das Fleisch abzunagen, das er mit sonnenfarbenem Saft runterspülte. Die Firma hatte davon abgeraten, einheimisches Obst ganz oder in flüssiger Form zu sich zu nehmen, und dringend davor gewarnt, dass Eier oder Fleisch Kolibakterien, Salmonellen oder Spulwürmer enthalten könnten. Doch neun verschlang alles völlig unbekümmert, während seine fettigen Haare fast im Essen hingen. Vier war schleierhaft, was die Firma in diesem Mann sah. Er war ein Risiko."

Himmelfahrtskommando und Wüstenkrimi

So wachsen mit jeder Stunde die Zweifel an Neun, der den Aufenthalt als eine Art Urlaub mit gelegentlichen Arbeitseinsätzen zu verstehen scheint. Und tatsächlich entwickelt sich das Ganze bald zu einer Art Himmelfahrtskommando, als Neun sich tatsächlich bei einer Mahlzeit in der Stadt lebensbedrohlich vergiftet – und das ganze Unternehmen damit in einen Wüstenkrimi von wahrhaft Beckett’schem Ausmaß verwandelt: Neun ringt bald mit dem Tod und ist transportunfähig, Vier sieht den Auftrag scheitern. Trotzdem bringt er es nicht übers Herz, Neun sich selbst überlassen.

"Seine Kehle war trocken, und er hatte nicht mehr geweint, seit er ein Junge war. Aber Neun´s Hilflosigkeit überwältigte ihn. Er konnte ihn nicht alleine lassen, aber wenn er blieb und Neun hier starb, was dann?"

Ein Lesebenteuer

Eggers lenkt seine Räuberpistole solange in immer neue Volten, bis er sie schließlich ebenso überraschend wie literarisch eindrucksvoll in ein Maschinengewehr-Finale abbiegen lässt. Der Roman schließt als nachdenklich machende Meditation: über Solidarität in Krisenzeiten - und die Brüchigkeit moralischer Grundsätze. Das macht "Die Parade" zwar noch zu keinem wirklich großen Buch - aufgrund seiner gedanklichen Schärfe aber zu einem schönen Leseabenteuer.

Stand: 07.07.2020, 12:32