Dietmar Dath - Gentzen oder: Betrunken aufräumen

Buchcover: Dietmar Dath - Gentzen oder: Betrunken aufräumen

Dietmar Dath - Gentzen oder: Betrunken aufräumen

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Gerhard Gentzen, ein Pionier der Informatik, hat Entwicklungen mit angestoßen, die unser Leben prägen. Der Roman erzählt vom Reiz und den Gefahren moderner Wissenschaft.

Dietmar Dath: Gentzen oder: Betrunken aufräumen.
Kalkülroman.
Matthes & Seitz Berlin, 2021.
608 Seiten, 18,99 Euro.

Dietmar Dath: "Gentzen oder: Betrunken aufräumen"

WDR 3 Buchkritik 24.09.2021 05:14 Min. Verfügbar bis 24.09.2022 WDR 3


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Die Halluzinationen eines Häftlings

Ein Mann stirbt. Man lässt ihn in einem Prager Gefängnis langsam verhungern, er hat Halluzinationen, vom Weltall, von Gasriesen und Planetenringen, von fremden Wesen:

"Sie sind nicht menschlich; das macht nichts. Der Gefangene ist gewohnt, dass das, was zu ihm spricht, nicht menschlich ist."

Denn zu ihm sprechen meistens Zahlen, mit ihrer Klarheit und ihrer Schönheit – sie sind seine eigentliche Welt.

Ein vergessenes Genie

Dieser Häftling, der deutsche Wissenschaftler Gerhard Gentzen, war einer der genialsten Mathematiker seiner Zeit und ein Pionier der Informatik – und wurde doch nach seinem qualvollen Tod 1945 mehr oder weniger vergessen. Einer der "Verschwundenen", wie die kleine Freundesgruppe sie nennt, die solche Experten zurückholen will aus dem Nirgend- oder Irgendwo: Jan, Laura – und Dietmar.

Ja, Dietmar Dath, Autor und zugleich Mitspieler in diesem literarisch und intellektuell herausfordernden Werk, das er als Roman bezeichnet. Ein Spiel mit dem Genre und anspielungsreich wie sein Titel:

"Gentzen oder: Betrunken aufräumen."

Die Erklärung, irgendwo später im Text:

"Denken heißt: Betrunken aufräumen"

Logische Beweisketten und Regelsysteme

Ein Buch über Denken also, seinen Suchtfaktor, seine Stringenz, seine oft unabsehbaren Folgen. Und ein "Kalkülroman": Anspielung auf die "Gentzentypkalküle", eine logische Beweiskette, die dieser Mathematiker entwickelt hat.

Doch im Grunde geht es im ganzen Roman um Kalküle, um wissenschaftliche Regelsysteme, die längst unser Leben bestimmen, ohne dass es uns – zumindest den meisten von uns – wirklich bewusst ist. Programmierer schreiben Programme und prüfen ihre logische Richtigkeit. Aber sie prüfen nicht,

"ob, das was geprüft wird, überhaupt ein wünschenswertes Programm ist. Menschen, die Programme schreiben, sind meistens abhängig Beschäftigte. Diejenigen, die sie beauftragen, sind das oft nicht. Wenn Letztere Unfug bestellen, rettet uns keine Logik vor dem Resultat."

Unabsehbare Auswirkungen

Dietmar Dath ist ein zorniger Autor. In fast allem, was er schreibt, kämpft er gegen die Lethargie an, die hochmütige Arroganz, mit der auch viele Intellektuelle die Anstrengung abtun, sich mit moderner Wissenschaft auseinanderzusetzen.

In den Forschungseinrichtungen, in den Laboren, in den Computerprogrammen ist und wird schon längst vieles in Gang gesetzt, dessen Wirkungen unabsehbar sind. Nicht nur manipulativ und gesellschaftsverändernd, sondern für das Leben selbst.

"Wir schmarotzen blind und taub an nackten Resultaten. Wie man zu denen kommt, ist uns, sind wir nur ehrlich, egal (...) Die Gipfel dessen, was der Kopf bauen kann, erschrecken uns. Im Schlamm ist es wärmer. Wir sind nicht so dumm, wie das klingt. Wir sind nur unfassbar verdorben."

Lady Gagas Begeisterung für Primzahlen

Doch Dietmar Dath ist auch ein kreativer und komödiantischer Autor. Er umspielt das Thema auf vielen Ebenen und mit den unterschiedlichsten literarischen Formen: springt von einer Zeit in die andere; diskutiert wissenschaftliche Erkenntnisse und erzählt Liebesgeschichten.

Er lässt historische Personen auftauchen wie den Aufklärer David Hume und verstorbene wie seinen Feuilletonchef Frank Schirrmacher; mythische wie die Notwendigkeitsgöttin Ananke und reale wie Kollegen, Künstler, Wissenschaftler; oder eben Gerhard Gentzen, der mit Lady Gaga in einem Café über Primzahlen und Widerspruchsbeweise diskutiert.

"Sie zeigt Bereitschaft zum Staunen. (...) Sie weiß, dass er weiß, was man überhaupt ausrechnen kann und was nicht. Auch das kann man nämlich irgendwie ausrechnen, was sie nicht gewusst hat, bevor sie ihn kennenlernte.  (...) Sie wusste nicht, dass es in der Mathematik Sachen gibt, die man nicht ausrechnen kann. Es gefällt ihr."

Eisige Wahrheiten

Das ist provozierend und vergnüglich zugleich, wenn auch verdammt anstrengend. Anfangs scheint es fast unmöglich, den Überblick zu behalten über Personen, Gedanken und Zeiten, die vielen unbekannten Namen einzuordnen und weit auseinanderliegende Ereignisse in Bezug zu bringen.

Natürlich erzählt der Roman immer wieder von Gerhard Gentzen. Doch auch bei den anderen Themen liest man sich ein - spätestens wenn es um Science Fiction geht. Nicht um irgendwelche Weltraummärchen, sondern um grausame Visionen, zerstörende Algorithmen und Experimente in Biolaboren, die ein Leben produzieren, das anderes Leben auslöscht. Oder sogar Leben, das sich selbst erschafft?

Und immer wieder und durchgängig der Zorn über alle, die sich diesem Wissenkönnen verweigern. Aus Trägheit - oder aus Angst?

"Es gibt Wahrheiten, die sind so eisig, dass der Verstand an ihnen zerreißt wie biologisches Gewebe, das einen allzu kühlen Stoff berührt: eine extrem schnelle Nekrose."

Stand: 19.09.2021, 12:23