Ariel Magnus - Das zweite Leben des Adolf Eichmann

Buchcover: "Das zweite Leben des Adolf Eichmann" von Ariel Magnus

Ariel Magnus - Das zweite Leben des Adolf Eichmann

Von Dirk Fuhrig

Unter dem Decknamen "Ricardo Klement" tauchte der Organisator des Massenmords an den europäischen Juden in Argentinien unter. Ariel Magnus rekonstruiert "Das zweite Leben des Adolf Eichmann".

Ariel Magnus: Das zweite Leben des Adolf Eichmann
Aus dem Spanischen von Silke Kleemann
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021
236 Seiten, 20 Euro

Ariel Magnus: "Das zweite Leben des Adolf Eichmann"

WDR 3 Buchkritik 10.09.2021 05:34 Min. Verfügbar bis 10.09.2022 WDR 3


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Den Geruch des Kackhaufens verschleiern

Ariel Magnus bringt den Charakter des Massenmörders und Chef-Organisators der Deportationen auf den Punkt:

"Ein mittelmäßiger Typ, der es weit gebracht hat. Ein ziemlich gerissener Trottel. Ein Rachsüchtiger mit Komplexen. Ein Antisemit, wie er im Buche steht, aber ohne Bedienungsanleitung. Ein Kackhaufen, der es gelernt hat, seinen Geruch zu verschleiern."

Der argentinische Schriftsteller spart nicht mit drastischen Begriffen. Dennoch ist dieser Roman das Gegenteil einer direkten Anklage oder Beschimpfung. Magnus stellt den Leiter des nach ihm benannten "Eichmannreferats" nicht als kaltes Monster, sondern als komplexe Person dar:

"Ein vom Egoismus überwältigter Fanatiker. Ein zynischer Sentimentalist. Ein Mutiger im Feigsein. Ein armer Typ, reich an Bosheit. Ein zurückhaltender Mörder. Ein Pechvogel, dem das Glück zu lange hold war."

Keine Blumen für Eichmanns Frau

Pechvogel - so ließe sich der Titel des spanischen Originals übersetzen: "El desafortunato". Eichmann hat Pech, weil er trotz einer unbestimmten Vorahnung in der Dunkelheit den einsamen Fußweg zu seinem Haus nimmt, in dessen Nähe die Mitarbeiter des Mossad auf ihn warten.

Aber Eichmann hatte schon vorher Pech, als er seiner Frau, die ihm auf einem Ozeandampfer nach Argentinien nachgereist war, einen Strauß Rosen überreichen wollte - doch ausgerechnet an jenem Tag waren in ganz Buenos Aires keine Blumen zu finden.

"Unsere Evita ist gestorben, und das Volk hat ihr zu Ehren alles weggekauft."

erklärt ihm der Florist.

"'Verflixte Schlampe', fluchte Klement auf Deutsch und trat wütend die Zigarette auf dem Boden aus."

Die Banalität des Bösen

"Pechvogel" klingt irgendwie niedlich und höchst unangemessen in Bezug auf einen tief in der Ideologie des Herrenmenschentums verstrickten Verbrecher, der wissentlich und aktiv verantwortlich war für die Ermordung so vieler Menschen.

Doch Ariel Magnus bringt mit seinem spöttischen Ton die viel beschworene Banalität des Bösen nur umso deutlicher zum Vorschein. Magnus ist ein knallharter Satiriker, der mit seinen humoristischen Szenen und sarkastischen Formulierungen die finsteren Abgründe des gewissenlosen Schreibtischtäters erst recht offen legt.

"Hatte er zu Beginn versichert, er habe den berühmten Satz (…) nie gesagt - dass er nämlich lachend in die Grube springen würde in dem Bewusstsein, das vor ihm schon fünf Millionen Juden reingesprungen waren, gab er später doch zu, dies gesagt zu haben, nicht jedoch in Bezug auf die Juden, sondern auf die Reichsfeinde insgesamt ((. Aber was waren die Juden schon anderes als Reichsfeinde, nicht wahr? Oder waren sie mit ihrer großen Schläue und Geschäftstüchtigkeit nicht die Ersten gewesen, die das deutsche Volk nach dem verheerenden Versailler Vertrag ausgenutzt hatten?))"

Die Ruinen der Vergangenheit

Der "arbeitslose Deportologe", wie der brillante Sprachartist Magnus ihn tituliert - in der wirklich kongenialen Übersetzung von Silke Kleemann - , verdingte sich nach seiner Ankunft in Südamerika zunächst in der schwer zugänglichen Einsamkeit Nordargentiniens bei einem Staudammprojekt, bevor er in der Hauptstadt ins Wäschereiwesen wechselte und später als Elektriker bei Daimler-Benz unterkam. Er baute sich ein bescheidenes Haus in der Vorstadt San Fernando - um das der Schriftsteller Ariel Magnus während der Recherchen herumschleicht:

"...um ein für alle Mal mit dieser schrecklichen Vergangenheit abzuschließen, indem ich ihre Ruinen besuchte."

Verpestete Luft

...so schildert er es im Nachwort. Umso gruseliger erscheint ihm die Vorstellung, dass Eichmann und andere nach Argentinien geflohene Nazi-Größen sich in genau jenen nördlichen Stadtvierteln von Buenos Aires aufhielten, in denen auch seine eigene Familie sowie andere jüdische Emigranten wohnen.

"Aber mal abgesehen von den Häusern beschlich mich, während ich durch diese Straßen lief, das Gefühl, die Anwesenheit von Eichmann und aller um dieselbe Zeit hergekommenen Nazis habe die Geografie in ihrem subtilsten Aspekt verändert: der Luft. Zu wissen, dass hier dieser Massenmörder gelebt hatte, hatte die Atmosphäre für immer verpestet, wie eine Giftwolke."

Ein Antisemit, wie er im Buche steht

Man kann den Roman als Ausräucherung der bösen Geister der Vergangenheit interpretieren. Ariel Magnus ist ein ebenso prägnanter wie tabuloser und gleichzeitig distanzierter Schreiber. In seinem sprachlich wie erzählerisch herausragenden Roman kommt er dem Mythos Eichmann nahe, ohne ihn zu dämonisieren, aber auch ohne ihn zu "menschlich" und damit entschuldbar darzustellen.

Sein Vater, dessen Mutter knapp der Ermordung in Auschwitz entronnen war, wollte kein Wort mehr mit ihm sprechen, sofern sein Sohn "ein gutes Wort" über Eichmann schriebe, schreibt Ariel Magnus. Er hat sich daran gehalten und einen kühlen, bitter-sarkastischen Roman geschrieben über einen "Antisemiten, wie er im Buche steht", einen "Kackhaufen" und finsteren "Pechvogel". So dass selbst sein Vater schließlich seine Meinung über das Eichmann-Buch änderte:

"Nachdem er gründlich darüber nachgedacht habe (…) sei er zu dem Schluss gekommen, dass es, so wie es Juden gewesen waren, die den seiner Meinung nach größten Kriminellen aller Zeiten aufgespürt und hingerichtet hatten, vielleicht nicht völlig paradox oder falsch wäre, wenn sich auch ein Jude darum kümmerte, ihn als Figur einzufangen und zur Fiktion zu verurteilen."

Stand: 08.09.2021, 16:55