Paul Auster - Das rote Notizbuch

Paul Auster - Das rote Notizbuch

Paul Auster - Das rote Notizbuch

Von Tobias Wenzel

Ein tödlicher Blitzschlag, ein rettender Besuch, ein mysteriöser Verkehrsunfall – Paul Auster hat für den Band "Das rote Notizbuch" wahre Geschichten über den Zufall gesammelt. Nun liegen sie zum ersten Mal vollständig auf Deutsch vor.

Paul Auster
Das rote Notizbuch

Aus dem Englischen von Werner Schmitz
Rowohlt, Reinbek 2018
112 Seiten
15 Euro

Paul Auster hält "Das rote Notizbuch" in der Hand, sein Werk über den Zufall:

"Dieses Buch habe ich immer als Ars poetica verstanden, aber losgelöst von jeglicher Theorie. Ich wollte die Wirklichkeit, so wie ich sie erlebe, wiedergeben, gewissermaßen als Erläuterung zu meinem Werk."

Leben in vier Variationen

Neben dem Spiel mit der Identität und den Verweisen auf eigene Bücher und Figuren ist der Zufall das auffälligste Motiv in Austers literarischem Werk. Die Hauptfigur in Austers Roman "Die Musik des Zufalls" beispielsweise gelangt zu einem unerwarteten Erbe, bis dann weitere Zufälle das Glück ins Unglück wenden. In seinem letzten Roman "4321" erzählt Auster das Leben eines Mannes in vier Variationen und wirft so einmal mehr die Frage auf, inwieweit unser Leben durch den Zufall oder durch uns selbst bestimmt wird. Ausschließlich um den Zufall, und zwar nicht fiktional, geht es in der nun zum ersten Mal vollständigen deutschsprachigen Ausgabe des „Roten Notizbuchs“. Darin ist auch die wahre Geschichte nachzulesen, in der Paul Auster als Kind mit anderen Jungen von einem Gewitter überrascht wurde. Der Blitz erschlug einen der Jungen:

"Ich fand, sein Körper fühlte sich kälter an, doch trotz der klaren Beweislage, kam es mir nie in den Sinn, dass er nicht mehr zu sich kommen würde. Schließlich war ich erst vierzehn Jahre alt; was wusste ich denn schon? Ich hatte ja noch nie einen Toten gesehen. […]
Seltsamerweise dachte ich nicht darüber nach, dass ich unmittelbar in seiner Nähe gewesen war, als es passierte. Ich dachte nicht: Ein, zwei Sekunden später, und es hätte mich erwischt."

Warum dieser Junge?

Damals dachte Paul Auster das noch nicht. Aber später fragte er sich immer wieder, warum es diesen Jungen und nicht ihn, Paul Auster, getroffen hatte.

Paul Auster

Paul Auster

Natürlich reiner Zufall. Und da Paul Auster diesem Zufall sein Leben verdankt, verwundert es nicht, dass er die in diesem Buch enthaltenen wahren Begebenheiten aus seinem eigenen Leben und aus dem von Bekannten gesammelt hat, in denen der Zufall eine wichtige Rolle spielt:

"Der Zufall ist ein Element der Welt, ein Element dessen, was ich die Mechanik der Wirklichkeit nenne. Aber der Zufall steht eben nicht allein. Wir können außerdem denken, Entscheidungen treffen und etwas planen. Allerdings werden unsere Pläne oft durch unvorhergesehene Ereignisse konterkariert:"

Mach dir keine Sorgen, sagte die Stimme

Im schmalen Band "Das rote Notizbuch", den man gerne liest, auch, weil er einfach gut geschrieben ist, erinnert sich Auster erst einmal an Selbsterlebtes: wie er 1973 in Südfrankreich durch einen Überraschungsbesuch vom Hunger befreit wurde. Oder auch dies: Als Junge bat Paul Auster einen berühmten Baseballspieler um ein Autogramm, bekam aber keines, weil er nichts zu schreiben dabei hatte. Seitdem trägt Auster immer einen Stift bei sich und meint, so letztlich zum Schriftsteller geworden zu sein. (Das Schreiben an sich ist für Auster auch eine Möglichkeit, am Zufall vorbei selbst zu bestimmen.) Allerdings erzählt Auster nicht nur eigene Episoden des Zufalls, sondern auch die Geschichten von Bekannten oder von Bekannten erzählte Geschichten dritter. Auch die von A., einer Frau, die in San Francisco ihren Job verlor, deren Freundin von Einbrechern ermordet wurde und deren kranke Katze nur durch eine Operation in Höhe von 327 Dollar vorm Tod hätte bewahrt werden können. Nur hatte A. dieses Geld nicht. Als A. mit ihrem Auto an einer Ampel hielt, hörte sie die Stimme ihrer toten Freundin:

"Mach dir keine Sorgen, sagte die Stimme. Keine Sorge. Bald wird alles besser. Die Ampel wurde grün, doch A. stand noch im Bann dieser akustischen Halluzination und blieb einfach stehen. Gleich darauf fuhr ihr von hinten ein anderes Auto in den Wagen und beschädigte eine Heckleuchte und die Stoßstange."

327 Dollar, Zufall und Schicksal

In einer Autowerkstatt ergibt der Kostenvoranschlag für die Reparatur auf den Dollar genau 327, also die Summe, die die Operation ihrer Katze kostete. Allerdings hat ein Freund Auster diese Geschichte erzählt. Hier und auch an anderer Stelle fragt man sich als Leser schon, ob die überlieferten Zufallsgeschichten wirklich so erstaunlich zufällig waren oder ob da die Wahrheit nicht doch ein bisschen schöngebogen wurde. Insgesamt macht es aber Spaß, "Das rote Notizbuch" zu lesen, das Werner Schmitz tadellos übersetzt hat. Einerseits hat es sprachlich eine hohe literarische Qualität. Andererseits sieht man schon während der Lektüre den Zufall mit anderen Augen. Wenn auch vielleicht nicht mit der Faszination von Paul Auster, der auch über das "Rote Notizbuch" hinaus immer eine Zufallsgeschichte parat hat:

"Was halten Sie von folgender Geschichte? Im Roman 'Nacht des Orakels' gebe ich eine Seite des Warschauer Telefonbuchs von 1937 oder 38 wieder. Die Hauptfigur meines Romans heißt Sidney Orr. Das ist aber die Kurzform für den Namen Orlowski. Als der Roman erschienen war, habe ich einem polnischen Journalisten ein Interview bei mir zu Hause gegeben. Regelrecht aufgewühlt hat er mir erzählt: "Diese Menschen aus der Telefonbuchseite, diese Orlowskis, sind meine Großeltern!" Das ist doch äußerst ungewöhnlich. Ich nenne das Zufall, nicht Schicksal."

Stand: 15.05.2018, 12:50