Susanne Gregor - Das letzte rote Jahr

Susanne Gregor - Das letzte rote Jahr

Susanne Gregor - Das letzte rote Jahr

Von Monika Buschey

1989: Drei Freundinnen in einer Provinzstadt der Slowakei erleben das Ende der Kindheit und den Untergang des sozialistischen Regimes. Viele Chancen, zugleich eine Zeit tiefer Verunsicherung.

Susanne Gregor
Das letzte rote Jahr

Gelesen von Gergana Muskalla
Der Diwan Hörbuchverlag
ISBN 978-3-941009-59-2
5 Audio CDs

Susanne Gregor: "Das letzte rote Jahr" (Hörbuch)

WDR 3 Buchkritik 30.01.2020 05:35 Min. Verfügbar bis 29.01.2021 WDR 3

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Eine Kindheit im Sozialismus

"An ein Leben vor Rita und Slawka kann ich mich nicht erinnern. Obwohl es eine Zeit ohne sie gegeben hat, wie mir erzählt wurde, in der ich bloß Misa war und Rita bloß Rita und Slawka bloß Slawka. Doch von dem Moment an, in dem wir die Vierzimmerwohnung im Bezirk Vlcince bezogen, wurden wir zu Misa, Rita und Slawka."

Drei Freundinnen in der kindlichen Gewissheit, dass nichts auf der Welt sie jemals auseinanderbringen wird. Eine Kindheit im Sozialismus, in einer kleinen Stadt in Slowenien.

"Das einzige was uns trennte war eine Treppe. Ein paar Stufen hinauf zu Rita, ein paar Stufen hinab zu Slawka."

Noch leben die drei Mädchen im Schutz ihrer Vertrautheit, und die Zukunft ist voller Hoffnung und Verheißung.

"Wenn es still war, erkannte ich die beiden an ihren Schritten. Rita nimmt die Stufen im Laufschritt, begleitet vom klackernden Geräusch ihrer Hausschuhe. …Slawkas Schritte waren langsamer. Mit ihren langen Beinen nahm sie zwei Stufen auf einmal, klopfte viel lauter und sobald sie mein Zimmer betrat, ließ sie sich auf den Teppichboden fallen."

Die Geschichte beginnt im Frühjahr 1989

Ihre Freundschaft ist für die Mädchen eine Verschwörung gegen die Welt der Erwachsenen und deren Erwartungen. Ein Freiraum, der im Begriff ist, sich allmählich aufzulösen.

"Ich hatte noch nie etwas enden sehen, keine Ehe, kein Menschenleben, noch nicht einmal die Lebensdauer eines Gerätes, eines Kassettenspielers oder Mixers. Alles, was ich kannte, waren Anfänge."

Die Geschichte einer doppelten Entwicklung

Susanne Gregor

Susanne Gregor

"Das letzte rote Jahr", so nennt die Autorin Susanne Gregor ihre Geschichte, erzählt von einer doppelten Entwicklung. Es geht zunächst um die drei Mädchen und ihre verschiedenen Interessen. Die eine begeistert sich für den Sport, die andere für den Dienst am Vaterland bei den jungen Pionieren. Die Ich-Erzählerin Misa für die Literatur.

Als alle drei sich für Männer zu interessieren beginnen, zeichnet sich allmählich das Ende ihrer Gemeinsamkeit ab. Parallel dazu entfaltet sich das politische Geschehen. Plötzlich öffnen sich die Grenzen und die sozialistischen Grundsätze verlieren jäh an Glaubwürdigkeit.

"Wir waren es so gewohnt, diese Ansprachen zu hören, dass uns ihr Inhalt meist gänzlich entging. Wir waren den Zweispalt gewohnt, der zwischen den zwei Versionen unserer Realität lag. Der einen voller Friede und Fortschritt, die bei offiziellen Anlässen beschworen wurde. Und der anderen Realität des Mangels, die man deutlich wahrnahm, wenn man westliches Fernsehen sah."

Jahre später

In den Wirren der Wende taucht zuerst Rita unter, die mit ihrem Freund, der schon volljährig ist, in den Westen abhaut.

"Ich fand sie erst, als ich aufhörte, sie zu suchen: Jahre später auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung meines Verlages in Wien - zu der ich mich übertrieben leger gekleidet hatte - als ich sie an einem der weißgedeckten Tische sitzen sah. In tiefschwarzem Abendkleid und mit eleganter Hochsteckfrisur. Sie sah mich im gleichen Augenblick, indem ich sie erkannte."

Alltäglichkeiten und Grundsätzliches

Nach dem kleinen Vorgriff auf die Zukunft ganz am Anfang taucht die Geschichte in die Vergangenheit ein und schildert das Leben der drei Freundinnen und ihrer Familien in kleinen Alltäglichkeiten und im Grundsätzlichen: Wer passt sich an, wer lehnt sich auf und welche Konflikte ergeben sich daraus. Für die Mädchen ist im Zweifel der erste Kuss und was daraus folgt zunächst wichtiger als die Unterschiede zwischen Ost und West. Misa, die Ich-Erzählerin, verliebt sich in einen Gleichaltrigen.

"Wenn ich abends Radek abholte, begann mein eigentlicher Tag. … Vielleicht ist es so, dass man keine Zeit verlieren sollte, wenn man jemanden wirklich gern hat, findest du nicht? Und er nickte und ich küsste ihn, irgendwie unvermittelt, ungeplant und er zog mich so schnell an sich, dass ich fast umgefallen wäre."

Die Welt wurde größer

Unterdessen öffnen sich zuerst die Grenzen in Ungarn, schließlich fällt die Mauer in Berlin.

"Meine Eltern rührten sich in dieser Zeit kaum noch vom Fernseher weg, folgten Berichten über die Gründung eines Bürgerforums in Prag, und danach überschlugen sich die Ereignisse. … Waren die Eltern schlafen gegangen, schaltete ich von einem Satelliten-Kanal zum nächsten, und die Welt erschien mir plötzlich surreal."

Es geht etwas zu Ende und was kommen wird, ist ungewiss

Mit großer Sorgfalt für alle Einzelheiten schildert die Autorin die Gespräche der Eltern, den Schulalltag der Mädchen, ihre allmählich sich anbahnende Entfremdung, der Einfluss der Familie, die Gefühle von Traurigkeit und Angst, wenn unübersehbar deutlich wird, es geht etwas zu Ende und was kommen wird, ist ungewiss. Die Stimme von Gergana Muskalla führt souverän durch die vier Jahreszeiten des letzten roten Jahres: Eine lange, windungsreiche Strecke, die sie mit Schwung der Jugend bewältigt. Auf alle Turbulenzen folgt aus der Distanz der Erzählerin ein lapidarer Schluss:

"Mein Vater verkündete zu Silvester, dass wir umziehen würden. Er habe über einen Bekannten eine gute Stelle im Ausland gefunden. Er stellte keine Frage. Es war beschlossen. Wir würden nach Abschluss meines Schulsemesters im Februar nach Österreich ziehen."

Und pünktlich zum Jahreswechsel bleibt auch noch die Küchenuhr stehen…

….Ohne dass es jemandem aufgefallen wäre.

Stand: 28.01.2020, 13:15