Desmond Morris - Das Leben der Surrealisten

Desmond Morris - Das Leben der Surrealisten

Desmond Morris - Das Leben der Surrealisten

Von Sven Ahnert

Toll trieben es die Künstler des Irrationalen. Mit einem Augenzwinkern wirft der englische Künstler und Verhaltensforscher Desmond Morris ein Blick auf das Leben der Surrealisten.

Desmond Morris
Das Leben der Surrealisten

Aus dem Englischen von Willi Winkler
Unionsverlag, Zürich, 2020
352 Seiten
26 Euro

Desmond Morris: "Das Leben der Surrealisten"

WDR 3 Buchkritik 12.06.2020 04:52 Min. Verfügbar bis 12.06.2021 WDR 3

Download

Desmond Morris ist das letzte überlebende Mitglied der ersten Surrealisten- Generation.

Mit einem milden Lächeln führt er seine Leserschaft durch das intime Leben vieler dem Surrealismus zugerechneter Persönlichkeiten. Jeder Künstler ist in seinem Buch mit einer Fotografie aus den frühen Jahren vertreten, dazu ist immer eines der weniger bekannten Bilder und Objekte abgebildet. Das Spektrum der Charaktere ist breitgefächert, es reicht von schillernden Ikonen wie Salvador Dalí, bis hin zu exzentrischen Persönlichkeiten wie Meret Oppenheim und dem tragischen Österreicher Wolfgang Paalen, der nach seinem Suizid in den Bergen von Wildschweinen angefressen wurde. André Bréton, der Säulenheilige und strenge Bewacher surrealer Ästhetik, ist so etwas wie der „bad guy“ des Buches. Er war zugleich Motor und Spielverderber der surrealistischen Bewegung. Seine Bedeutung erkennt Desmond Morris zähneknirschend an, war aber von dem Menschen Breton wenig begeistert:

"Er war auch ein aufgeblasener Langweiler, ein skrupelloser Diktator, ein überzeugter Sexist, ein extremer Schwulenhasser und ein verschlagener Pharisaer. Niemand möchte ihn besonders, nicht einmal seine Gefolgsleute."

Es als ausschweifend zu bezeichnen wäre noch stark untertrieben

Geburtstag Desmond Mo

Desmond Mo

Mit einem gerüttelt Maß an Ironie und dem listigen Blick für die kleinen und großen Schwächen der Kunstrebellen flaniert Morris in seinem Lexikon durch Galerien, Schlafzimmer und Künstlerateliers. Das Liebesleben der Surrealisten nimmt in seinen Porträts viel Platz ein. Getrost kann man festhalten: es als ausschweifend zu bezeichnen wäre noch stark untertrieben. Desmond Morris hat ein faible für die erotischen Eskapaden der Traumkünstler, und besonders für die dunklen Pfade zwischen Eros und Leinwand. So beschäftigt er sich ausgiebig mit Francis Bacon und seine masochistischen Leidenschaften. Fazit: Die geschundenen Körper seiner schrillen Bilder sind auch ein Abbild seiner erotischen Praxis.

"Die verrenkten, blutbespritzten männlichen Körper, die in stummer, wie erfrorener Qual seine riesigen Leinwände bevölkern, sind nicht Ausdruck der existenziellen Tragödie des modernen Menschen, sondern fantasieren Bacon oder seinen sexuellen Gefährten in erotischer Erwartung oder bei sexuellen Exzessen."

Ein Blick durchs Schlüsselloch, auch auf die Kunst

Desmond Morris gelingt es aber immer wieder, seinen Blick durchs Schlüsselloch, auf die Kunst umzulenken. So werden wir Zeuge, wie aus der Laune des Zufalls zentrale Werke des Surrealismus geboren wurden. Meret Oppenheims legendäre Pelztasse, zum Beispiel, ist wohl so einer günstigen Laune entsprungen:

"Sie trug ein selbst entworfenes Armband aus Metall, das mit Pelz gesäumt war. Diese ungewöhnliche Verbindung von Metall und Pelz faszinierte Picasso. Im Scherz meinte er, man könnte eigentlich alles mit Pelz überziehen. Oppenheim hob ihre Tasse mitsamt Untertasse und fragte: Das auch?."

Kunstwerke und Nebenschauplätze

Amüsant sind die vielen Nebenschauplätze rund um die epochalen Kunstwerke, die auch vom surrealen Kunstmarkt erzählen. So war René Magritte ein geschickter Imitator eigener und fremder Künstler. Sogar einen Picasso hat er einmal "nachempfunden". Auch wenn Picasso streng genommen kein Surrealist war, kommt er mit einer hübschen Anekdote ins Spiel. Längst weltberühmt, streift der alte Picasso um sein Pariser Atelier aus ärmlichen Zeiten und begegnet dort einem Bettler:

"Der Mann erzählte, dass er mehrmals Pech gehabt habe und es ihm schlecht gehe. Picasso ging zum nächsten Papierkorb, suchte und fand ein zusammengeknülltes Stück Papier, glättete es und warf eine wunderschöne Zeichnung auf das Blatt. Er signierte es, überreichte es dem Clochard und sagte: Da, kauf Dir ein Haus."

Eine herrlich anregende Skandalchronik

Mitreißend, etwas klatschsüchtig, frech im Ton, aber nie verächtlich, verneigt sich Desmond Morris vor der surrealistischen Bewegung und lädt ein, den eigensinnigen Träumern, Exzentrikern und Freigeistern über die Schulter zu blicken. Am Ende wissen wir zwar recht viel über die erotischen Eskapaden der genialen Künstler, und nicht so viel über das theoretische Fundament des Surrealismus. Aber das schadet dieser herrlich anregenden Skandalchronik nicht, und macht eher Lust, den gewaltigen Bilder-Fundus surrealer Parallelwelten neu zu entdecken.

Stand: 09.06.2020, 21:01