Marie Darrieussecq - Unser Leben in den Wäldern

Marie Darrieussecq - Unser Leben in den Wäldern

Marie Darrieussecq - Unser Leben in den Wäldern

Von Dina Netz

In die Körper der Menschen sind Chips implantiert, mit denen Roboter sie überwachen. Die Französin Marie Darrieussecq hat eine finstere Dystopie über unser Leben in einer gar nicht so fernen Zukunft entworfen.

Marie Darrieussecq
Unser Leben in den Wäldern

Aus dem Französischen von Frank Heibert
Secession Verlag, Zürich 2019
110 Seiten
18 Euro

Leben in großer Angst

Wenn man zur Zeit französische Romane zur Hand nimmt, bekommt man sehr häufig Dystopien zu lesen. Die aktuellen Bücher von Virginie Despentes, Michel Houellebecq oder Jérôme Leroy wären da zum Beispiel zu nennen. All diese Texte gehen vom Untergang unseres derzeitigen Abendlandes aus. Sie unterscheiden sich lediglich im Tonfall und im genauen Szenario. Marie Darrieussecq steuert nun eine besonders finstere Sichtweise auf unser drohendes Schicksal bei: Ihr Roman "Unser Leben in den Wäldern" spielt in einer gar nicht so fernen Zukunft; die Menschen leben in großer Angst vor Attentaten, sie verlassen ihre Wohnungen kaum noch, eigentlich nur, um zur Arbeit zu gehen.

Diese Wohnungen sind fensterlose Löcher, in denen die Menschen Lebensmittel horten. Alles, was sie tun und sagen, wird mittels in den Körper implantierter Chips von Robotern überwacht, die jede Äußerung speichern und verarbeiten. Der Mensch ist ohnehin ein Auslaufmodell, noch 50 Jahre, dann soll er durch den ersten "Menschenroboter" ersetzt werden. Solange muss die Menschheit aber noch durchhalten, und damit das gelingt, gibt es – je nach sozialem Status – verschiedene Arten der Organ-Ersatzteillager. Manche Menschen können bloß auf einzelne Ersatz-Organe zurückgreifen. Andere, zu denen die Erzählerin gehört, verfügen über geklonte "Hälften", die bei Bedarf ausgeweidet werden.

"Marie wurde sehr bald nach meiner Geburt durch eine Leihmutter zur Welt gebracht, mit exakt demselben genetischen Material wie ich, und wurde uns immer als Lebensversicherung verkauft: für mich, aber auch für meine Eltern, da wir alle vom selben Blut waren. Ein haltbarer Körper. Absolut verpflanzungskompatibel, falls wir mal ein neues Organ brauchten. Marie = Ersatzteillager. Hälfte = Sicherheit. So lautete jedenfalls die große Erzählung."

Das ganze "Konzept"

Wer hinter dieser großen Erzählung steckt, bleibt unklar. Marie, wie nicht nur der Klon, sondern auch die Erzählerin heißt, nennt sie bloß "die".

Schriftstellerin Darrieussecq in Neapel

Marie Darrieusse

Sie hat lange mitgemacht bei diesem großen Menschheitsexperiment, ist brav ihrer Arbeit als Psychotherapeutin nachgegangen. Aber dann verschwinden mehr und mehr Patienten von Marie, vor allem einer, der ihr nahegekommen war. Eine Augen-Operation missglückt - scheinbar, und plötzlich bekommt Marie eine Ahnung vom ganzen "Konzept", wie das gespenstische Gesellschaftssystem im Buch genannt wird. Darrieussecqs Erzählerin schließt sich einer Gruppe von Rebellen an, die sich in unterirdischen Tunneln im Wald verstecken – und damit offline gehen, was mit drei in den Körper implantierten Chips gar nicht so einfach ist. Die Psychotherapeutin Marie kann genau erklären, was das Ende der permanenten elektronischen Signale mit ihnen macht:

"Hirntomografien von Menschen, die dauerhaft offline gegangen sind, zeigen ein frischeres Gehirn, dessen Aktivität abnimmt und sich gleichmäßig verteilt: Das Bild ist einheitlicher blau als rot. Der mittlere präfrontale Kortex löst sich von der Amygdala, das heißt, das Zentrum des Ichs wird nicht mehr mit dem Alarmzentrum verwechselt. Er löst sich auch vom emotionalen Zentrum (ventromedialer präfrontaler Kortex = Grübeln, Sorgen). Diese beiden kortikalen Areale verarbeiten die Informationen bezüglich der Menschen, die wir als ähnlich ansehen (Handhabung des familiären Beziehungsnetzes/Depression), und der Menschen, die wir als anders ansehen (Frage der sozialen Beziehung/Angst). Unterm Strich nimmt man nicht mehr alles so persönlich."

Das Leben in den Wäldern

Vom Wald aus planen die Rebellen den Aufstand gegen die Online-Diktatoren. Sie haben ihre geklonten Hälften befreit und wollen ihnen ein eigenständiges Leben ermöglichen – was sich als gar nicht so leicht herausstellt, denn die Klone sind auf dem Entwicklungsstand von Kleinkindern. Und auch sonst erweist sich das "Leben in den Wäldern" als ganz und gar nicht wild und romantisch, sondern als nass, kalt und wenig harmonisch. Mit Marie selbst geht es ohnehin zu Ende. Ob aus gesundheitlichen Gründen oder weil das Scheitern der Revolte nah ist – oder aus beiden Gründen -, bleibt offen. Jedenfalls will sie unbedingt noch ihren Bericht über "Unser Leben in den Wäldern" niederschreiben.

"Als Erstes will ich Ihnen meine derzeitige Situation schildern, jetzt gleich: weil ich das Gefühl habe, ich muss schnell machen. Ich habe wenig Zeit. Das spüre ich in den Knochen, den Muskeln. In dem Auge, das mir geblieben ist. Ich bin schlecht beieinander. Ich werde keine Zeit haben, das noch mal durchzulesen. Oder einen Plan zu machen. Es kommt, wie’s kommt."

Eine Atmosphäre der Bedrohung und der Dringlichkeit

Maries Vermächtnis ist ein fiebriger, eilig zu Papier gebrachter Tagebuch-Bericht, ein assoziativer, sprunghafter Monolog. 110 Seiten braucht die Autorin Darrieussecq nur, um in kurzen Sequenzen das Leben ihrer Erzählerin und die Welt in der nahen Zukunft zu umreißen. Die stilistische Schludrigkeit ist bewusst gewählt – Darrieussecq hat in vielen anderen Romanen längst ihr literarisches Können bewiesen. Aber "Unser Leben in den Wäldern" soll offenbar ganz gezielt eine Atmosphäre der Bedrohung und der Dringlichkeit transportieren. Diese finstere Dystopie liest sich wie eine allerletzte Warnung davor, dass wir dem Totalausverkauf des Menschen schon viel näher sind, als wir es wahrhaben wollen.

Marie Darrieussecq: "Unser Leben in den Wäldern"

WDR 3 Buchrezension 17.04.2019 05:42 Min. WDR 3

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Stand: 15.04.2019, 14:56