Kamel Daoud - Meine Nacht im Picasso-Museum

Buchcover: Kamel Daoud: Meine Nacht im Picasso-Museum

Kamel Daoud - Meine Nacht im Picasso-Museum

Von Dirk Fuhrig

Eine Nacht mit Picasso - für den algerischen Schriftsteller Kamel Daoud zeigt sich an der erotischen Malerei die Kluft zwischen dem Westen und dem Islam.

Kamel Daoud: Meine Nacht im Picasso-Museum
Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020.
176 Seiten, 20 Euro.

Repräsentant der "abendländischen Kultur

"Ich, ein 'Araber', wurde eingeladen, eine Nacht im Pariser Picasso-Museum zu verbringen – im Oktober, unter einem schlechten Himmel für einen Mittelmeeranrainer wie mich. Eine Nacht ganz allein, als privilegiertes Kind, aber auch als Zeuge einer möglichen, ersehnten, ausgeheckten Auseinandersetzung. Doch ich fürchtete, mich zu langweilen oder ohnmächtig zu fühlen. Um Picasso zu verstehen, muss man ein Kind des Verses sein, nicht des Koranverses."

Pablo Picasso als künstlerischer Repräsentant der „abendländischen“ Kultur. Der Maler verkörpert für Daoud diese Auseinandersetzung zwischen den islamisch geprägten Kulturen und dem Westen. Nur wer das Abbild gestattet und das Begehren zulässt, der kann die irdischen Schönheiten, auch die der sprichwörtlichen Kapitale der Liebe und Lebenslust, unverkrampft wahrnehmen:

"Meine Sorge, als ich in Paris ankomme, ist mein Blick, ich weiß nicht, wohin damit. Kaum an die Welt der Bilder gewöhnt, schaue ich unwillkürlich alles an. Bilder, Küsse, Elend, Gerüche, Plakate und Reflexe."

Kamel Daoud: "Meine Nacht im Picasso-Museum"

WDR 3 Buchkritik 16.09.2020 05:38 Min. Verfügbar bis 16.09.2021 WDR 3

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Erotik im Jetzt und nicht im Jenseits

Kamel Daoud nimmt sich bei seinem nächtlichen Gang durch das berühmte Museum einen jungen arabischen Mann an seine Seite. Dieser „fiktive Abdellah“ steht für einen typischen Jugendlichen, der unter dem Sittengesetz des Islam aufgewachsen ist, der den Westen als unmoralisch ablehnt und bekämpft. Diesem Strenggläubigen, der die Sexualität nur in der Form der Verhüllung kennt, will er mit Picasso die Augen öffnen:

"Die Erotik ist ein Schlüssel in meiner Sicht auf die Welt und auf meine Kultur. Die Religionen sind Autodafés der Körper, und was ich an dieser dunklen Bewegung des erotischen Verschlingens liebe, ist der absolute Beweis, dass man auf Himmel, Bücher und Tempel verzichten kann. Die Erotik ist die Permanenz des Menschen, der Beweis, dass das Jenseits ein Körper ist, den man in der Hand und im Bauch hat, hier und nicht 'danach'."

Nicht also irgendwelche Jungfrauen im Jenseits, wie sie den Gotteskriegern versprochen werden - sondern eine Erotik im Hier und Jetzt. Das ist natürlich Gotteslästerung aus der Sicht eines Strenggläubigen. Und somit ist auch der augenöffnende Besuch eines Picasso-Museums schon ein Verstoß gegen die religiösen Vorschriften.

Mystische Überlenungen zu Liebe und Begehren

Daoud versenkt sich in diesem Text in die Farben- und Formensprache des Jahrhundertmalers, der im Laufe des Jahres 1932 immer wieder seine damalige Geliebte Marie-Thérèse Walter porträtiert hat. Die Faszination Picassos für den weiblichen Körper wird in Daouds nächtlichen Reflexionen zu einer Kernfrage des Verständnisses der menschlichen Seele.

"In der Erotik, anders als beim Hunger, lässt sich der Jäger gern von seiner Beute verschlingen, er liebt es, sich in ihr zu verlieren (…). Das klingt wirr, wenn man es sagt, aber wenn man es erlebt, ist es sehr klar, für jeden von uns, im Alltag. Es genügt, den Hunger der Liebe und den Durst des Körpers zu erleben. Dieses Verlangen ist dem Dichter und dem Schalterbeamten gemein. Die Erotik ist eine Kunst zu zweit, die Begegnung zweier Körper, aber immer träumt der eine, sich den anderen einzuverleiben."

Daouds Überlegungen über das Wesen der Liebe und des Begehrens mögen mitunter etwas mystifizierend und rauschhaft wirken. Manche Beobachtungen wirken etwas gesucht, manche Vergleiche überstrapaziert.

"Jede Liebe ist Verschlingen, ein Kapitel des Rohen und des Gekochten. Die Riten der Welt beweisen es. Vielleicht besteht ein unerwartetes Band zwischen Kochen und Verführen. Man spricht in beiden Fällen von Opfergaben und Geschenken (…). Mit Küssen erwärmt man. Alle Metaphern der Leidenschaft sind aus der Verbrennung geschöpft."

Zusammenhang von Macht, Religion und Körperlichkeit

Kamel Daoud scheint wirklich verzückt gewesen zu sein von dieser Nacht im Picasso-Museum. Sieht man von den allzu prallen Thesen zum Wesen der Erotik ab, so bleibt ein kraftvoller Text über den Zusammenhang von Macht, Religion und Körperlichkeit. Der Fundamentalismus will die Begierde töten, während Picasso den Körper der Frau in einem Gewaltakt verschlingen will - so die Interpretation Daouds. Dieser Essay ist eine tastende, hochliterarische Suche nach der Verbindung von Sexualität und Kunst. Die stilistische Üppigkeit seiner Romane findet sich auch in diesem reflektierenden Text.

Kamel Daoud spürt dem Gemeinsamen in den Kulturen des Westens und Ostens nach, nicht nur in diesem literarisch anregenden Aufsatz. "Der Okzident ist nicht perfekt und muss verbessert werden. Aber er darf nicht zerstört werden" – unter dieser Überschrift hat er im Sommer einen Text in der Zeitung Le Monde veröffentlicht und sich darin gegen fundamentalistische Eiferer gewendet, die die jetzt aufgeflammte Post-Kolonialismus-Debatte dazu nutzen, Europa auf die Rolle als einstigen Kolonisator zu reduzieren. Kamel Daoud, das zeigt auch diese sprühende Picasso-Interpretation, ist ein unverzichtbarer und immer wichtiger werdender Streiter für die Freiheit des Gedankens, des Wortes - und des Körpers.

Stand: 16.09.2020, 05:55