Johann Scheerer - Wir sind dann wohl die Angehörigen

Johann Scheerer - Wir sind dann wohl die Angehörigen

Johann Scheerer - Wir sind dann wohl die Angehörigen

Von Oliver Pfohlmann

Im Keller hieß das Buch, mit dem Jan Philipp Reemtsma seine Entführung beeindruckend beschrieben hat. Jetzt hat sich sein Sohn, damals 13 Jahre alt, an die nervenzermürbenden Tage erinnert, die seine Familie traumatisiert haben.

Johann Scheerer
Wir sind dann wohl die Angehörigen
Piper Verlag, München 2018
235 Seiten
20 Euro

Lösegeld

Ein Kind wird wach. Geht die Treppe hinunter Richtung Küche, noch benebelt vom Valium, ohne das es nicht mehr einschlafen kann. Im Wohnzimmer bahnt sich der Junge dann seinen morgendlichen Weg durch das Durcheinander aus Tonbändern, Koffern, Kabelgewirr. Steigt über schlafende Polizisten und Familienfreunde. Schiebt auf der Suche nach seinem Schulranzen eine Dienstwaffe zur Seite. Und entdeckt unter der Bank die Sporttasche voller Geld: das auf 30 Millionen D-Mark angewachsene Lösegeld für seinen Vater.

"Ein Sack, mit dem ich keinerlei Gefühle verband. Nur Ballast, den es loszuwerden galt."

Einer der spektakulärsten Kriminalfälle der Nachkriegszeit

Jan Philipp Reemtsma

Jan Philipp Reemtsma

Der Vater des Jungen ist Jan Philipp Reemtsma. Im März 1996 wurde der Philologe und Sozialwissenschaftler vor seinem Haus in Hamburg-Blankenese niedergeschlagen und verschleppt. Es war einer der spektakulärsten Kriminalfälle der Nachkriegszeit: Mehr als vier Wochen lang befand sich der Millionärserbe in den Händen seiner Entführer, angekettet in einem Keller und in ständiger Todesangst. "Im Keller" heißt auch das Buch, das Reemtsma schon ein Jahr später veröffentlichte: der schonungslose Versuch, sich von den erlittenen Traumata zu befreien, vom Verlust des Ich-Gefühls ebenso wie vom "Stockholm-Syndrom", jener perversen Form von emotionaler Nähe zu seinen Peinigern, wie sie für die Opfer von Entführungen typisch ist.

Über zwei Jahrzehnte später erzählt nun auch Reemtsmas Sohn Johann Scheerer, wie er diese sich immer länger hinziehende Zeit der Ungewissheit und Angst erlebt hat. Das als „Roman“ bezeichnete Buch des heutige 35-jährigen Musikers und Musikproduzenten ist in jeder Hinsicht das Gegenstück zu dem seines Vaters. Schon sprachlich-formal: Jan Philipp Reemtsma berichtete wie ein Forscher in eigener Sache, sachlich-distanziert und über weite Strecken sogar von sich in der 3. Person. Der Sohn dagegen springt gleichsam zurück in die Zeit, schlüpft fast gänzlich in sein damaliges Ich. In einer ebenso direkten wie packend expressiven Prosa erzählt Johann Scheerer so die Entführung seines Vaters aus der Perspektive des damals 13-jährigen Teenagers.

"Die Tage waren in ihrer Zähigkeit, in ihrer unvorstellbaren Langsamkeit unzählbar. Sie schlichen gleichförmig dahin. Durchbrochen wurde meine Langeweile nur von plötzlich eintretenden Momenten der Panik und ungekannter Angst. Immer wieder erinnerte ich mich an meine ersten Gedanken: Wenn jemand entführt wird, zahlt man das Lösegeld, und dann wird der Entführte umgebracht."

Alles andere als gut

Für den Pubertierenden ist es eine surreale Situation, die ihn zwangsläufig überfordert. Ohne Kontakt zu seinen Freunden, die nichts wissen dürfen, lebt der Junge in dem zur Einsatzzentrale umfunktionierten Haus wie in einer Art "Blase". In seinem Zimmer stopft er sich mit Chips voll, fühlt sich mal hilflos, mal wütend und schmettert mit seiner neuen Gitarre Ärzte-Songs.

Johann Scheerer, der Sohn von Jan Philipp Reemtsma

Johann Scheerer

Vieles erfährt Johann von seiner Mutter oder der Polizei nur "kindgerecht" verpackt. Oder gar nicht – wie die Existenz jenes Fotos der Entführer, das Jan Philipp Reemtsma mit zerschlagener Nase zeigt. Zugleich bemerkt der Junge die wachsende Spannung im Haus, spürt, dass die Dinge alles andere als gut laufen. Da sind die netten, aber – Zitat – "irgendwie dämlichen" Polizisten, die eine haarsträubende Panne nach der anderen produzieren. Und da sind die dilettantischen Entführer, deren Anweisungen wegen eines Stimmverzerrers am Telefon kaum zu verstehen sind. Und die dann aus Frust über die Verzögerungen damit drohen, dem Opfer einen Finger abzuschneiden.

Eines Nachts belauscht der Sohn eines dieser bizarren Telefonate; die Szene wie aus einem Horrorthriller verfolgt Johann Scheerer bis heute:

"Eine kreischende Stimme, die klang, als hätte sich Mickey Mouse im Wohnzimmer unter mir plötzlich mit Godzilla vereint, und dieses Monster versuchte nun, mit uns durch ein blechernes Megafon zu kommunizieren."

Trost und Zumutung

Die Extremsituation Entführung verschärft auf grausame Weise auch schwelende Gegensätze zum Vater. Immer war da zum Beispiel das Gefühl, mit den allgegenwärtigen Büchern um Aufmerksamkeit konkurrieren zu müssen. Jetzt bittet Jan Philipp Reemtsma seinen Sohn in einem Brief aus dem Keller, täglich zur selben Uhrzeit wie er selbst in einem bestimmten Buch zu lesen. Was für den Entführten Trost und Überlebenshilfe ist, ein imaginierter Moment der Nähe zur Familie, wird für den Sohn zur quälenden Zumutung, der er kein einziges Mal nachkommen kann; umso größer die Schuldgefühle, die ihn deshalb verfolgen.

Die Entführung habe seine Eltern und ihn auf je eigene Weise traumatisiert, bekennt Johann Scheerer heute. Seine Erinnerungen in Romanform sind nicht nur ein Versuch, die bis heute andauernde Sprachlosigkeit in seiner Familie zu überwinden. Sie sind auch eine berührende Geschichte vom Erwachsenwerden. Und ja, auch von der Geburt eines künftigen Musikers.

Johann Scheerer - Wir sind dann wohl die Angehörigen

WDR 3 Buchrezension | 20.04.2018 | 05:07 Min.

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Stand: 18.04.2018, 13:27