Emma Cline - Daddy

Buchcover: Emma Cline: "Daddy"

Emma Cline - Daddy

Von Pfohlmann, Oliver

Selten gab es um eine junge Debütantin einen solchen Hype wie um die damals 27-jährige Emma Cline, als sie 2016 mit "The Girls" ihren ersten Roman vorlegte. Entsprechend groß sind nun die Erwartungen an Clines zweites Werk, ein Sammlung von Short Storys, von denen die meisten bereits in namhaften Magazinen wie "The New Yorker" oder "The Paris Review" erschienen sind.

Literaturangaben:
Emma Cline: Daddy
Storys, Aus dem Englischen übersetzt von Nikolaus Stingl. Hanser, 256 Seiten, 22 Euro

Emma Cline: "Daddy"

WDR 3 Buchkritik 17.08.2021 05:28 Min. Verfügbar bis 17.08.2022 WDR 3


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Wir sind einen Schritt weiter mit der #Metoo-Debatte

Wir sind einen Schritt weiter, aber stimmt auch die Richtung? Diese Frage stellt sich nach der Lektüre der zehn Short Storys, die Emma Clines neues Buch "Daddy" versammelt. 2017, auf dem Höhepunkt der #Metoo-Debatte, veröffentlichte die US-amerikanische Autorin einen Essay, der auch in der FAZ erschien. Darin erklärte die heute 32-Jährige am Beispiel eigener Erfahrungen, warum so viele Frauen nach Vorfällen sexueller Belästigung lieber schweigen. Viele von Clines Kurzgeschichten schildern nun eine Welt nach Metoo. Sie erzählen von gealterten Männern, oft aus der Unterhaltungsbranche, die einst glaubten, sich alles leisten zu können, und die dann um so tiefer gefallen sind. In der erzählten Gegenwart sind diese Ex-Patriarchen verfemt und verunsichert. Tapfer schlucken sie ihren hilflosen Zorn mit diversen Glückspillen runter, bewegen sich nur noch im Verteidigungsmodus und werden am Ende selbst zum Opfer.

Der geschiedene Mittfünfziger gilt als "nicht vermittelbar"

"Menlo Park" zum Beispiel, eines der Glanzstücke des Bandes, handelt von einem in Ungnade gefallenen TV-Produzenten namens Ben. Seit seine Verfehlungen publik wurden, gilt der geschiedene Mittfünfziger als "nicht vermittelbar". Dass Ben gnadenhalber noch die Memoiren eines Tech-Milliardärs betreuen darf, ist von schöner Ironie, schließlich will dessen "Heldengeschichte" zeigen, dass jeder seine Träume verwirklichen kann. So klammert sich Clines Protagonist an die Hoffnung, dem selbstgegrabenen Loch wieder zu entkommen. Doch als es zwischen ihm und der Assistentin des Milliardärs zu einer Annäherung kommt, erlebt Clines Protagonist ein fatales, sozusagen lähmendes Déja-vu.

Karen stand auf. Mit seinem zusammengekniffenen Auge sah er, dass sie keinen BH trug. Sie war sehr attraktiv, dachte er, aber der Gedanke war einfach nur da, träge, mit nichts verbunden. War es das, was sie gewollt hatten, was alle gewollt hatten? Dass er diese kastrierten, harmlosen Gedanken über Frauen hatte, Gedanken, die sich nicht unmittelbar in Handeln übersetzten? Es war nicht das Schlechteste.

Thora ist süchtig nach Aufmerksamkeit

Dass Ben also erstmals seine Hände bei sich lässt, macht die Assistentin so wütend, dass sie umgehend für Bens Entlassung sorgt. Noch schlimmer ergeht es einem berühmten Fernsehkoch, der sich in der Story "A/S/L" in einem Reha-Center um seine Läuterung bemüht. Äußerlich wenig attraktiv, weckt er allein aufgrund seiner Prominenz den weiblichen Jagdinstinkt von Thora. Thora ist die verheiratete Hauptfigur dieser Geschichte, die süchtig nach der Aufmerksamkeit ist, die sie mit gefakten Internet-Identitäten bei fremden Männern erzeugt.

Es schien offensichtlich, dass die Fotos von ihr keinen Teenager zeigten, aber egal. Der Wunsch dieser Männer, dass die Titten zu einem Teenager gehörten, war so stark, dass er eine alternative Realität schuf. Sie war noch nie so erregt gewesen: sah sich selbst, wie diese Männer sie sahen, als unfertige Idiotin, die gevögelt gehörte. Ihre Laken rochen nach Schweiß, sämtliche Vorhänge zugezogen. Manchmal aß sie ganze Tage nichts.

Schönheit gelte in der Stadt schließlich als "natürliche Ressource

Es sind also durchaus nicht nur die Männer, die in Clines Storys kein gutes Bild abgeben. Allerdings bewegen sich ihre Frauenfiguren oft in eher prekären Verhältnissen und haben den sexualisierten Blick der Männerwelt von klein auf internalisiert. Wie in der Story "Los Angeles", in der eine Schauspielschülerin für ihren Job als Modeverkäuferin bereitwillig anweisungsgemäß nur Klamotten anzieht, die eine Nummer zu klein sind. Schönheit gelte in der Stadt schließlich als "natürliche Ressource", die es nicht zu vergeuden gilt. Auch für ihr zweites Standbein, den Verkauf getragener Unterwäsche, findet sie eine offenbar gängige Rechtfertigung.

Es war gar nicht so schlecht. Es war die Zeit im Leben, in der sie sich jedes Mal, wenn etwas Schlimmes, Seltsames oder Schmutziges passierte, mit der Redensart beruhigen konnte, die die Leute ständig von sich gaben: Es ist eben einfach die Zeit im Leben. Wenn man es so sah, schien der Schlamassel, in dem sie steckte, immer schon sanktioniert zu sein.

Mitgefühl will Emma Cline mit ihren sich im Graubereich bewegenden Figuren sicher nicht erzeugen, auch zeigt sie kein Interesse an den Fehltritten selbst, die ihre Männerfiguren haben abstürzen lassen. Worauf sich ihr erzählerischer Blick ein ums andere Mal schmerzhaft präzise richtet, ist vielmehr die Frage, wie es im Leben eines Menschen weitergeht, nachdem seine Selbstlügen und Illusionen zusammengebrochen sind. Oft sind es banale Details, an denen in diesen Storys die angestrengte Selbstinszenierung scheitert, die den Widerstand der Wirklichkeit markieren, wie eine unauffindbare Kontaktlinse oder das Kratzen eines Essensrestes in der Kehle.

Emma Cline wurde über Nacht zum Shootingstar

2016, mit gerade einmal 27 Jahren, wurde Emma Cline mit ihrem Romanerstling "The Girls" quasi über Nacht zum Shootingstar. Ob so viel Hype berechtigt ist, zeigt sich oft erst mit dem zweiten Buch; Cline hat diese Hürde spielend gemeistert. Die zehn Storys des Bandes sind über einen Zeitraum von zehn Jahren entstanden, als Ganzes ergeben sie ein beklemmendes Sittengemälde unserer Zeit.

Stand: 14.08.2021, 09:59