Buchcover: "Der Torschützenkönig ist unter die Dichter gegangen. Fußball nach Pier Paolo Pasolini" von Valerio Curcio

"Der Torschützenkönig ist unter die Dichter gegangen" von Valerio Curcio

Stand: 28.02.2022, 13:22 Uhr

Morgen wäre der große italienische Dichter und Filmemacher Pier Paolo Pasolini 100 Jahre alt geworden. Den von ihm so geliebten Fußball empfand er als ein Zeichensystem, eine Metasprache über das Leben des Individuums in der Gesellschaft. Eine Rezension von Tobias Eisermann.

Valerio Curcio: Der Torschützenkönig ist unter die Dichter gegangen
Edition Converso, 2022.
192 Seiten, 20 Euro.

"Der Torschützenkönig" von Valerio Curcio

Lesestoff – neue Bücher 04.03.2022 05:50 Min. Verfügbar bis 04.03.2023 WDR Online Von Tobias Eisermann


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Pasolinis Leidenschaft für den Fußball

Seine große Leidenschaft für den Fußball entwickelt Pasolini in den Jahren als Gymnasiast und Studienanfänger vor dem Zweiten Weltkrieg in seiner Geburtsstadt Bologna. Der F.C. Bologna, der damals seine beste Zeit erlebte und viermal die italienische Meisterschaft errang, blieb zeitlebens "seine" Mannschaft, die er stets fanatisch anfeuerte.

Auch als Spieler erlebt Pasolini in Bologna seine legendäre Frühphase. 1942, kurz bevor er sein Studium der Kunstgeschichte abbricht, wird er als Kapitän der Philosophischen Fakultät Universitätsmeister. In den sechziger Jahren nutzte er dann seine Popularität als Kulturjournalist für ein aufsehenerregendes Interview, in dem er die Spieler des F.C. Bologna nach ihrer Einstellung zur Sexualität befragte.Die Leidenschaft für den Massensport wurde Teil seines gesellschaftskritischen Denkens:

"Fußball ist ein System von Zeichen wie eine Metasprache. Es ist der letzte heilige Ritus unserer Zeit. Während andere heilige Riten wie die Messe im Niedergang begriffen sind, steht der Fußball bei den Massen hoch im Kurs. Er ist die Schauspielkunst, die das Theater ersetzt hat. Der Torschützenkönig der Meisterschaft ist immer der beste Dichter des Jahres."

Fünf Aspekte der Bedeutung

Valerio Curcio vollzieht in seinem klugen Buch fünf Linien nach, die das Thema Pasolini und Fußball umreißen: Die Leidenschaft für den F.C. Bologna, Pasolini als Spieler, Spuren im Werk, der Sportjournalist und die Rolle des Fußballs in der Gesellschaft.

Zu all diesen Aspekten werden in dem knapp 200 Seiten umfassenden Band akribisch Episoden und Zeugnisse zusammengetragen, die deutlich machen, welche Bedeutung der Fußball für Pasolini hatte. Moritz Rinke, Autor und Fußballkolumnist, formuliert es in seinem Vorwort wie folgt:

"Pasolini begreift den Fußball als universelle Sprache, als Mittel der Kommunikation , der Interaktion, der Teilhabe: Und dies gilt im gleichen Maße für die Schotterplätze der römischen Peripherie wie für die großen Spektakel der ersten Liga."

Momente der Sorglosigkeit

Während seines ganzen Künstlerlebens bis zu seinem nie gänzlich aufgeklärten gewaltsamen Tod im Alter von 53 Jahren spielte Pasolini Fußball, bei jeder sich bietenden Gelegenheit, mit den römischen Vorstadtjungs, mit seinen Schriftstellerfreunden, mit der Künstlernationalmannschaft oder zahllosen Veteranenteams.

"In den intensivsten Jahren seiner künstlerischen Arbeit war das Fußballspiel für Pasolini quasi zu einer physischen und existenziellen Notwendigkeit geworden. Es bot einen Moment der Freiheit und Sorglosigkeit, der Geselligkeit und körperlichen Betätigung, eine Gelegenheit, die er sich nicht entgehen lassen konnte. Dass Pasolini durch Italien oder Europa reiste, um Fußball zu spielen, schien eine Konstante in seinem Leben zu sein."

Ein legendäres Spiel

Die legendärste unter den Partien aus Pasolinis Künstlerleben ist jene aus seinem Todesjahr 1975, als die Teams von seinem letzten Film "Die hundertzwanzig Tage von Sodom", einer skandalträchtigen Parabel über den Faschismus und das Werk des Marquis de Sade, sowie von "Novecento", dem Meisterwerk seines Freundes und Regiekollegen Bernardo Bertolucci, das in der Nähe gedreht wurde, gegeneinander antraten. Pasolini verließ vor Ende des Spiels wütend den Platz, weil es offenbar auf der Gegenseite nicht nur mit lauteren Mitteln zuging.

Die unschönen Seiten

Der Fußball ist, wie letztlich aus Curcios analytischem Essay hervorgeht, das Bindeglied zwischen Pasolinis scharfzüngiger Kritik der Konsumgesellschaft und seiner legendären Suche nach der vermeintlichen Reinheit und unverdorbenen Schönheit der proletarischen Vorstadtkicker.

Eine seiner Erzählungen aus den sechziger Jahren schildert den schnellen Aufstieg und ebenso raschen Ruin eines jungen Fußballchampions aus Brasilien, der erst als Halbgott gefeiert wird und dann im Sumpf von Konsum und Korruption versinkt. Dass bei diesem Thema auch die unschönen Seiten von Pasolinis Denken hervortreten, verwundert kaum, ist es doch unweigerlich mit seinem ewigen inneren Widerspruch verknüpft.

"Dass Frauen Fußball spielen, hat etwas von unschönem Nachäffen. Was das angeht, sind sie vollkommen unbegabt."

Das sagt der Mann, der sich als Homosexueller mit den schönsten und intellektuellsten Frauen umgab, ihnen jedoch auch hier, wie in weitaus wichtigeren Fragen, etwa beim Recht auf Abtreibung, eine eigene Meinung verwehrte.