Benjamin Constant - Adolphe

Buchcover: Benjamin Constant - Adolphe

Benjamin Constant - Adolphe

Von Manuela Reichart

Ein Roman, der immer noch zu Herzen geht: erstaunlich modern erforscht Benjamin Constants Klassiker "Adolphe" die trüben Gründe unserer Liebesmanöver.

Benjamin Constant: Adolphe
Aus dem Französischen von Erich Wolfgang Skwara.
Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2020.
175 Seiten, 18 Euro.

Benjamin Constant: "Adolphe"

WDR 3 Buchkritik 08.12.2020 05:01 Min. Verfügbar bis 08.12.2021 WDR 3


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Liebe als bloßes Vergnügen - oder nicht?

"Obwohl mein Vater sich immer streng an die äußeren Umgangsformen hielt, gestattete er sich, was Liebesverhältnisse betraf, nur zu oft leichtfertige Äußerungen: Er erachtete sie als bloße Vergnügungen, die, wenn schon nicht erlaubt, doch immerhin entschuldbar sind, und allein in der Ehe sah er eine ernsthafte Bindung."

Diese Maxime wird einem jungen talentierten Mann mitgegeben, der zwar keine wirklich enge Bindung zu seinem Vater hat, gleichwohl aber von ihm geprägt und wohl auch geliebt wird. Dieser junge Mann reist durch Europa, um sich nach seinem abgeschlossenen Studium in Göttingen vorzubereiten auf eine vielversprechende Karriere.

Mit diesem Verhältnis zum Vater beginnt dieser ganz und gar ungewöhnliche, uns in die Tiefe der Liebesseele führende Roman. Die Liebe als bloßes Vergnügen: Diese Vorstellung wird hier eindrucksvoll und grundsätzlich widerlegt.

Ein schlichter Versuch, der zu mehr wird

Der Titelheld ist 22 Jahre alt und er ist über die Maßen selbstbezogen, uninteressiert an anderen Menschen und Schicksalen, langweilt sich in Gesellschaft. Er beschließt – wie andere Leute ein Reiseabenteuer oder eine sportliche Herausforderung planen – er beschließt, dass es jetzt Zeit für die Liebe sein müsse. Und er findet das Objekt seiner Begierde bald in einer zehn Jahre älteren Frau, der durchaus ehrenhaften Geliebten eines befreundeten Mannes. Aber was als kühl geplante Versuchsanordnung beginnt, ändert rasch die Temperatur der Empfindungen.

"Ich hatte mir vorgenommen, als ein kalter und unbefangener Beobachter ihre Persönlichkeit und ihren Geist auszuleuchten; aber jedes Wort, das sie sagte, schien mit von einer unerklärlichen Anmut gezeichnet. Die Absicht, ihr zu gefallen, brachte eine neue Bedeutung in mein Leben und beseelte meine Existenz auf eine nie zuvor erfahrene Weise."

Er wirbt um sie, bis sie schließlich nachgibt

Der junge Mann ist offensichtlich verliebt in die schöne Frau, die ein übles Schicksal zur Geleibten eines reichen Mannes gemacht hat. Oder ist er verliebt in die Idee von der Liebe? Ist sein Egoismus so groß, seine Eigenliebe so gewaltig, dass er gar nicht wirklich und vorbehaltlos lieben kann?

Die Geschichte nimmt ihren Lauf: Er wirbt um sie mit aller Kraft, sie wehrt sich standhaft gegen seine Schwärmerei, verfällt jedoch bald seinen Schwüren. Noch nie ist sie so wortgewaltig geliebt worden. Die Verliebtheit, das Begehren, die Sehnsucht: So großartig die Gefühle auch sind, so riskant ist ihre Verwirklichung.

Die Frau ist mutig und entschlossen. Der junge Mann weiß nicht, wie ihm geschieht, sie wirft ihre sichere Existenz über Bord, verlässt den reichen Mann und die gemeinsamen Kinder, will nur noch mit dem Geliebten sein, folgt ihm, bindet ihn und erinnert ihn unablässig an seine Schwüre. Die Liebe ist kein Vergnügen!

Aus der Liebe werden gegeseitige Vorwürfe

Der Titelheld fühlt sich bald eingeengt und bedrängt, um seine Jugend, seine Freiheit gebracht, er liebt nicht mehr, kann sich aber auch nicht trennen. Aus dem Himmel wird die Hölle. Man kennt das, auch wenn die Geschichte, die hier erzählt wird, sich vor 200 Jahren abgespielt hat...

"Wir brachen in gegenseitige Vorwürfe aus. Elléonore warf mir vor, sie getäuscht und für sie nur ein vorübergehendes Begehren empfunden, sie um die Zuneigung des Grafen gebracht zu haben; sie in den Augen der öffentlichen Meinung in den zweifelhaften Ruf zurückgeworfen zu haben, dem sie während ihres ganzen Lebens hatte entkommen wollen.
Ich war erzürnt, dass sie alles gegen mich wendete, was ich doch nur aus Gehorsam ihr gegenüber, und vor lauter Angst, sie zu betrüben, für sie getan hatte. Ich beklagte meine so gewaltigen Einschränkungen, meine in Untätigkeit verzehrte Jugend, die Willkürherrschaft, die sie über alle meine Vorhaben breitete."

Bindungsunfähige Figuren in einem großartigen Liebespsychogramm

Nicht mir ihr und nicht ohne sie: Das ist bald das Motto des Helden, der die Frau nicht mehr liebt, sich ihr aber verpflichtet fühlt, der sie verrät und doch nicht verlassen kann, - und als er sie für immer verliert, in tiefe Verzweiflung fällt.

Mit großer psychologischer, erstaunlich moderner Selbstreflexion beschreibt der Ich-Erzähler seine Feigheit, seine Unentschlossenheit. Und porträtiert wird da wohl auch der Verfasser dieses ans Herz gehenden kleinen Romans, denn Benjamin Constant, der eine lange Affäre mit Madam de Staehl, mit ihr auch eine Tochter hatte, statt ihrer jedoch eine andere alte Geliebte heiratete, mit der er nicht glücklich wurde, war offensichtlich das was man heute bindungsunfähig nennen würde.

Dass er seinen Helden so kläglich agieren, die beiden Liebenden so klein werden lässt in ihren Zankereien und Unfähigkeiten, dem anderen Raum zu geben, das ist ungemein modern beobachtet und erzählt. "Adolphe" ist ein großartiges Liebespsychogramm, an dessen Ende die fraglose Überzeugung steht, dass man an gebrochenem Herzen sterben kann. 

Stand: 05.12.2020, 17:38