Buchcover: "Lord Jim" von Joseph Conrad

"Lord Jim" von Joseph Conrad

Stand: 06.07.2022, 07:00 Uhr

"Lord Jim" ist Abenteuerroman und psychologische Erzählung in einem. Joseph Conrad führt auf eine entlegene Südseeinsel. Aber er umkreist vor allem virtuos die rätselhafte Hauptfigur, einen englischen Seemann, der einen Fehltritt auf ganz eigene Art sühnt und zu Lord Jim wird. Eine Rezension von Holger Heimann.

Josep Conrad: Lord Jim
Aus dem Englischen von Michael Walter.
Hanser Verlag, 2022.
160 Seiten, 21 Euro.

„Lord Jim“ von Joseph Conrad

Lesestoff – neue Bücher 06.07.2022 05:32 Min. Verfügbar bis 06.07.2023 WDR Online Von Holger Heimann


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Kapitän und Offiziere gehen als letzte von Bord. So lautet das Gesetz der See, auch und gerade, wenn ein Schiff in Not gerät und zu sinken droht. Die Crew der Patna kümmert sich nicht darum. Die Männer bringen sich selbst in Sicherheit und lassen die Passagiere an Bord im Stich. Jim ist Erster Offizier auf dem Pilgerschiff, auch er springt ins Rettungsboot. Der junge Engländer wird damit nicht nur seinen hehren Idealen untreu, sondern vor allem sich selbst zum Rätsel:

"'Ich war gesprungen...' Er hielt inne, wandte den Blick ab. ... 'Offenbar', setzte er hinzu. ... 'Es wurde mir erst klar, als ich hochblickte', beeilte er sich zu erklären. Und das kann durchaus sein. Man musste ihm zuhören, wie einem kleinen Jungen, der in Schwierigkeiten steckte. Er wusste es nicht. Es war irgendwie passiert. Es würde nie mehr passieren."

Der impulsive Fehltritt eines ambitionierten Seemannes und vor allem sein Umgang damit sollten zu einer längeren Erzählung werden. Tatsächlich aber verselbstständigte sich der Stoff und Joseph Conrad formte ihn zu einem prägenden Roman der literarischen Moderne, der erstmal 1927 und zuletzt 2014 ins Deutsche übertragen wurde. Die neue Übersetzung von Michael Walter bildet Conrads mündlichen Erzählstil am genauesten nach; die eingestreuten nautischen Fachtermini behält er bei, sie werden zumeist im Anhang erklärt. Ein Leitmotiv des Romans, der von so unterschiedlichen Autoren wie Thomas Mann und Ernest Hemingway geschätzt wurde, ist der Nebel. Conrad erzählt nicht nur mit großer psychologischer Genauigkeit von den dramatischen Konsequenzen einer moralischen Verfehlung, er betont vor allem immer wieder, dass der Mensch ein undurchschaubares Wesen ist. Die Erzählerstimme gehört dem Kapitän Charles Marlow.

"Erst wenn wir uns mit den innersten Nöten eines anderen Menschen herumschlagen, erkennen wir, wie unbegreiflich, wie hin- und hergerissen und nebelhaft die Geschöpfte sind, die mit uns den Anblick der Sterne und die Wärme der Sonne teilen."

Der kluge, menschenfreundliche Marlow erzählt einer Gruppe von Zuhörern, was er von Jim durch Begegnungen mit diesem, Beobachtungen und Gesprächen mit anderen weiß. So entsteht aus unterschiedlichen Perspektiven, aus Erinnerungen und Spekulationen ein komplexes, aber nie komplettes Bild. Nachdem Jim in einem Prozess alle Patente entzogen werden, bleibt ihm aus Scham und Stolz nur ein Weg: Er zieht sich aus der Welt zurück, in der er immer wieder mit seiner unrühmlichen Rolle auf dem Schiff konfrontiert wird. Mit Hilfe von Marlow und dessen Freund Stein kommt Jim nach Patusan, einem abgelegenen Urwalddorf auf dem Malaiischen Archipel. Dort will er sein Leben noch einmal von Neuem beginnen. Und es gelingt. In Patusan kommt Jim zu seinem Ehrentitel Tuan – Lord. Denn der Ankömmling sorgt mit seinem Mut und seiner Aufrichtigkeit dafür, dass die rivalisierenden Gruppen und Clans auf der Insel sich nicht länger bekriegen. Jim wird als Anführer respektiert und verehrt. Aber zuletzt holt ihn seine Vergangenheit auch hier ein. Weil er dem skrupellosen Freibeuter Brown, der auf die Insel kommt, nicht entschlossen genug entgegentritt, werden sein bester Freund und viele der Männer, die er anführt, niedergemetzelt.

"Menschen hatten ihm ihr Leben anvertraut – und das hatten sie jetzt davon; und doch würde es ihnen nie möglich sein, ihn zu verstehen."

  

Jim ist nicht nur für die Inselbewohner undurchschaubar. Er bleibt auch für Marlow und nicht zuletzt für sich selbst unbestimmt. Und doch gehört ihm nicht nur Marlows Sympathie. Denn obschon er am Ende scheitert, beherzigt er doch den Rat, den der Kaufmann Stein gibt: "Den Traum verfolgen, wieder und immer wieder, den Traum verfolgen – und das – ewig."

 

Ziel der neuen Übersetzung sei es gewesen, "die reiche, oft auch befremdliche Prosa Conrads im Deutschen hörbar" zu machen, schreibt Michael Walter in einer kurzen editorischen Notiz. Zuweilen führt die angestrebte Wörtlichkeit allerdings auch zu ungelenken Formulierungen. Da ist dann etwa von der "Vollbringung" eines Ereignisses die Rede, statt einfach vom "Eintreffen", wie in der revidierten, nach wie vor gut lesbaren Übersetzung von Fritz Lorch. Doch solche Ausrutscher fallen kaum ins Gewicht angesichts der insgesamt stimmigen mit einem instruktiven Nachwort des Literaturwissenschaftlers Daniel Göske versehenen Neuausgabe dieses eigentümlichen Zwitters aus psychologischer Erzählung und packendem Abenteuerroman.