J.M. Coetzee - Der Tod Jesu

J.M. Coetzee - Der Tod Jesu

J.M. Coetzee - Der Tod Jesu

Von Wolfgang Schneider

Eine Reise ans Ende aller Gewissheiten: mit dem Roman "Der Tod Jesu" vollendet
J. M. Coetzee seine Trilogie über einen Jungen mit Erlöserqualitäten.

J.M. Coetzee
Der Tod Jesu

aus dem Englischen von Reinhild Böhnke
S. Fischer, Frankfurt am Main 2020
225 Seiten
24 Euro

Das junge Leben des möglichen Heilsbringers David

Aus dem Nichts scheinen sie gekommen – die Zugewanderten in dem grauen, ein wenig surreal anmutenden spanischsprachigen Land, das Schauplatz der Jesus-Romane J.M. Coetzees ist. Das Kind David, der Fahrradkurier Simón und seine Erwählte Inés bilden die merkwürdigste heilige Familie, von der sich lesen lässt. Simón ist Vater aus reinem Entschluss: Noch während der Überfahrt aus der vergessenen Vor-Welt hat er sich des elternlosen kleinen Jungen angenommen und später die vergnügungslustige Tennisspielerin Inés gleichsam gecastet für die Mutterrolle, die sie seitdem mit immer größerer Ernsthaftigkeit ausfüllt.

Nach "Die Kindheit Jesu" und "Die Schulzeit Jesu" mögen manche Leser nun auf ebenso umfangreiche Bände über Taten und Lehren Jesu, seinen Tod und seine Auferstehung gewartet haben. Der dritte Band ist jedoch deutlich schmaler als seine beiden Vorgänger, und das junge Leben des möglichen Heilsbringers David wird brutal abgewürgt von einer schweren Nervenkankheit. Anfangs profiliert sich inzwischen Zehnjährige noch als Fußballer (was nun nicht sehr an Jesus erinnert). Außerdem unternimmt er erste Schritte zur Abnabelung von seiner Ersatzfamilie. Er begreift sich plötzlich als Waise und besteht darauf, ins Waisenhaus von Estrella umzuziehen. Simón und Inés wollen ihn von dort zurückholen, aber David behauptet einfach, er kenne sie nicht.

"Wir sind seine Eltern, ruft Inés. Mach was ich dir sage, David. Lege diese hässliche Uniform ab und komm mit.
Der Junge rührt sich nicht. Inés packt ihn beim Arm und zerrt ihn hoch.
Mit einer wütenden Bewegung reißt er sich los. Rühr mich nicht an, Frau!, schreit er und funkelt sie an."

Ein Roman, größtenteils am Krankenhausbett

Da horcht man auf, denn auch der biblische Jesus war schroff zu seinen teilweise ebenfalls nicht ganz echten Eltern und empfahl seinen Anhängern die radikale Loslösung von den Familienbanden. Aber bevor man länger darüber nachdenken kann, tritt David schon sein Martyrium im Zeichen der seltenen Krankheit an, vor der die Ärzte kapitulieren müssen.

J.M. Coetzee

J.M. Coetzee

So findet dieser Roman größtenteils am Krankenhausbett statt, wo sich Davids Freunde aus dem Waisenhaus und der Tanzschule Arroyo treffen, deren Geheimlehren über Musik, Bewegung, Astrologie und Zahlenmystik David im zweiten Band genossen hat. Offensichtlich geht von dem kranken Jungen ein Charisma aus. Die Versammelten hängen an seinen Lippen und fühlen sich erhoben, wenn er von den Taten des Don Quijote erzählt. Der Roman vom edlen Ritter ist der einzige, den er je gelesen hat, allerdings so oft, dass er ihn auswendig kennt. Aus Davids Mund erinnern die Geschichten an die Gleichnisreden von Jesus Christus.

Dessen Name fällt im Roman kein einziges Mal. Sieht man aber genauer hin, fallen viele biblische Parallelen und Anspielungen auf, auch wenn sie oft verfremdet wirken. Wenn etwa der große Familienhund Bolivar ein Lämmchen massakriert, erscheint das wie eine Parodie der Prophezeiung aus dem Buch Jesaja, Wolf und Lamm würden dereinst friedlich beieinander liegen.

Mein junger Meister

Der streitfreudige Gegenspieler des bedächtigen, rationalen Simón ist auch im dritten Band der Impuls- und Gefühlsmensch Dmitri, der im zweiten Teil zum Mörder aus Leidenschaft wurde – eine Figur, die an die Pathos-Welt Dostojewskis erinnert. Vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen, reinigt er nun demütig die Toiletten ausgerechnet in der Klinik, in der David leidet. Es wirkt dezent grotesk, wenn Dmitri ihn nun mit "mein junger Meister" anredet und sich als treuester Jünger oder Apostel Davids geriert. Wieder und wieder fordert Simón ihn auf, endlich zu verschwinden. Doch Dmitri bleibt hartnäckig.

"Ich nenne ihn meinen Meister, weil er mein Meister ist, so wie ich sein ergebener Diener bin. So einfach ist das. Und wie steht es mit ihnen? Ist er nicht auch Ihr Meister, und stecken Sie nicht selbst in einem finsteren Loch und flehen um Erlösung?"

Wenn du mich zu verstehen versuchst, verdirbt das alles.

J.M. Coetzees Buch "Der Tod Jesu"

WDR 3 Mosaik 18.02.2020 05:35 Min. Verfügbar bis 17.02.2021 WDR 3

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Zu Coetzees zentralen Themen gehört die Frage, wie Wahrheiten, Mythen und Religionen entstehen. Was muss geschehen, damit sich die noch mit den Schlacken des Irdischen behaftete Erfahrung zur großen Narration verwandelt? Manche Szenen aus Davids Leben wirken durchaus wie das krumme Holz, aus dem einmal eine Legende geschnitzt werden könnte. Nach seinem Tod entwickelt sich ein kleiner Kult; manche seiner Freunde behaupten, dass ihnen der Verstorbene in mystischen Visionen erschienen sei. Es gibt also Spurenelemente eines Heilsgeschehens, auch wenn vom religiösen Pathos eines Evangeliums keine Rede sein kann.
Was will uns Coetzee mit diesen Romanen sagen? An einer Stelle fragt David seinen Adoptivvater Simón:

"Aber wer wird ein Buch über meine Taten schreiben? Wirst du es tun? Ja, ich will es tun, wenn du das wünschst. Ich bin kein geschickter Schriftsteller, aber ich werde mein Bestes geben.
Aber dann musst du versprechen, mich nicht zu verstehen. Wenn du mich zu verstehen versuchst, verdirbt das alles."

Wiederum ein Satz, über dessen Bedeutung man lange nachgrübeln, den man aber auch einfach beherzigen kann. Um sich ohne Verständniszwang auf diese eigenwillige, aber faszinierende Geschichte einzulassen, so wie sie dasteht, erzählt in einer Sprache von fast kinderbuchhafter Klarheit, aber überaus raffiniert in den gebrochenen Bezügen. Sie lockt mit tieferer Bedeutung, um sich dann wieder zu entziehen. Wie es auch die Heiligen Schriften tun.

Stand: 17.02.2020, 14:07