Buchcover:  "Auf der Zunge" von Jennifer Clement

"Auf der Zunge" von Jennifer Clement

Stand: 20.06.2022, 07:00 Uhr

Sprachlos durch Manhattan. In "Auf der Zunge" erzählt Jennifer Clement von einer Frau und ihren Tagträumen, in denen sie mutigen Männer in einem Wald aus Feuertreppen begegnet. Eine Rezension von Simone Hamm.

Jennifer Clement: Auf der Zunge
Aus dem amerikanischen Englisch von Nicolai von Schweder - Schreiner.
Suhrkamp, 2022.
144 Seiten. 20 Euro.

"Auf der Zunge" von Jennifer Clement

Lesestoff – neue Bücher 20.06.2022 06:22 Min. Verfügbar bis 20.06.2023 WDR Online Von Simone Hamm


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Spaziergänge durch New York

Eine Frau streift ziellos durch das East Village von New York. Jeden Tag läuft sie durch einen Wald aus Feuertreppen, die vom Bürgersteig bis zum Dach reichen. Sie schaut in den Himmel zwischen den Häusern. Jeden Abend fragt sie ihr Mann, wo sie denn gewesen sei. Die ehrliche Antwort würde lauten, dass sie vor ihm und der Ehe flieht. Sie ist das "Zehenspitzenleben" Leid, dieses Leben aus Leinenservietten und Bitte und Danke. Aber sie schweigt.

Sie träumt sich in die Arme all der Männer, die ihr begegnen. In ihrer Phantasie werden sie zu besonderen Männern, sind stark und stolz und mutig. Sie werden zu einem Astronauten, einem Löwenbändiger, einem Verbrecher, einem Dichter, einem Kerzenzieher. Die Männer müssen ihr gar nicht sagen, was sie tun, sie erkennt die Arbeit der Männer an ihren Küssen. Etwas von ihnen nimmt sie mit, einen Ton, einen Duft, eine Bewegung.

"An ihrem Körper klebt der Geruch vom Feuer des Feuermanns. Sie ist das Fleisch des Schlachters. Sie ist der Klang der Gebete des Ablasspredigers. Ihre Ehe endete an einem Tag in einer Woche in einem Monat in einem Jahr. Es war ein Moment, und sie wurde eins - ein Mensch statt ein Teil von zwei."

Nur auf  diesen Spaziergängen kann sie zu sich selbst finden.

Wundervoll poetische Sprache

So surreal diese Begegnungen der Frau mit den Männern anmuten, so knapp und klar ist Jennifer Clements Sprache. Und doch ist es eine wundervoll poetische Sprache. Ihr kurzes Buch "Auf der Zunge" kann keinem Genre zugeordnet werden. Jennifer Clements Metaphern und Bilder sind rhythmisch wie Verse. Sie schreibt auch Gedichte, und ihr Roman wirkt bisweilen wie ein langes Gedicht, wie eine Ballade.

Es ist, als hätte sie die rätselhaften erotischen Tagträume ihrer Protagonistin, die sie nur "die Frau" nennt, für die Leser in Poesie übertragen. Die Frau ist ehrenamtlich Bibliothekarin. Beim Lesen wie beim Spazierengehen taucht sie ein in die Leben der anderen, kann selbst mehrere Leben haben. Sie hat unendlich viel Phantasie. Wenn sie etwa einen großen Vogelkäfig sieht, in dem eine dunkelbraune Schlange liegt, denkt sie:

"In New York verwandeln sich Vögel in Schlangen, aus Hunden werden Katzen und Pfirsiche verwandeln sich in Äpfel, aus Händen werden Füße, Blumen verwandeln sich in Finger, Sterne in Wasser, aus Frauen werden Männer und aus Ehefrauen Verräterinnen."

In anderen Zeiten

Und als solche sieht sie sich, hält sich für eine Lügnerin. Sie lebt mit einem Mann, den sie nicht liebt. Die Worte, die sie wechseln, sind hohl geworden. Wie Kröten und Eidechsen, so heißt es, schwappen die Worte aus ihrem Mund über den Tisch. Sie glaubt sogar, der  Schatten, den sie wirft, habe vom Lügen eine andere Form angenommen.

Während sie flaniert, kann sie sich in andere Zeiten versetzten, sieht das Feuer von 1828, das die gesamte Bowery, die Gegend im südlichen Manhattan, zerstörte. Sie sieht den amerikanischen Bomber, der 1945 bei einem Privatflug in dichtem Nebel ins Empire State Building krachte, dem damals höchsten Gebäude der Welt.

Erinnerungen an Dinge, die ihr nie passiert sind

Wenn sie einen Mann liebt, so ist das Louis Pasteur, der 1885 in New York Kinder von der Tollwut heilte. Sie sieht vier dieser Kinder, ausgestellt in einem Ladenfenster in Downtown New York, wie sie ihre Hundebisse zur Schau stellen. Tausende von New Yorkern betrachten sie.

Die Frau ohne Namen kann durch Raum und Zeit gehen, um die Männer herum und sie kann deren Körper betreten. Sie ist voll von Erinnerungen an Dinge, die ihr nie passiert sind. Sie kann in sich hinein blicken.

"An den Wänden in ihrem Körper sieht sie: ihre innere Welt aus Ziegeln und Steinen: ihre innere Welt aus Straßen, Häusern und Kathedralen, In ihrem Arm eine Bibliothek, in der Hand eine Strassenkarte."

Ein Buch voller Sehnsüchte

Das Innere kehrt sich nach außen. Das Vergangene wird zukünftig. Das alles geht nahtlos ineinander über. Jennifer Clement hat ein tiefgründiges, kluges Buch über eine Frau und deren Sehnsucht geschrieben.

"Auf der Zunge" ist ein Buch, dass man sehr aufmerksam lesen sollte. Wenn man sich einläßt auf Jennifer Clements rätselhafte Protagonistin, ihr folgt in die Bars und Restaurants, die Plätze und Grünanlagen des New Yorker East Village, sich ganz dem Strom ihrer Gedanken und Gefühle überläßt, läßt einen die Geschichte der flanierenden Frau so schnell nicht mehr los.