Claus Peymann liest, Meine Preise

Claus Peymann liest, Meine Preise

Claus Peymann liest, Meine Preise

Von Monika Buschey

Eine Komödie? Eine Tragödie? In jedem Fall eine bissige Bilanz: Thoms Bernhard blickt zurück auf die Literaturpreise, die er im Lauf seines Lebens erhalten hat. Ein Werk aus dem Nachlass, Claus Peymann liest es vor.

Claus Peymann liest: Meine Preise
Von Thomas Bernhard
Hörbuch bei Tacheles
Als Buch erschienen bei Suhrkamp
3 CDs
ISBN 978-3-518- 46186-0

Thomas Bernhard ist einer der bedeutendsten österreichischen Schriftsteller, entsprechend viele Auszeichnungen hat er bekommen. Seine Romane, vor allem seine Theaterstücke, lösten Begeisterungsstürme und Skandale aus. Er starb 1989. Die Begegnung mit dem Theaterregisseur Claus Peymann, 1970, war für beide ein Glücksfall für beide. Peymann hat die Bernhard-Stücke inszeniert und war mit dem Autor befreundet. Aus dessen Nachlass stammen die Berichte über literarische Ehrungen, die er im Lauf seines Lebens erhalten hat. Das Buch ist 2009 erschienen, für die die Hörbuchfassung, ungekürzt, konnte Claus Peymann gewonnen werden.

Mut, Mut, immer nur Mut

"Ich fuhr auf schwachen Beinen und mit einer kleinen Umhangtasche meines Großvaters nach Regensburg. Ich dachte auf dieser Regensburg-Reise ununterbrochen an die achttausend Mark, an die riesige Summe, die ich erhalten sollte, während ich Donau aufwärts fuhr. "

Ein Selbstportrait des Schriftstellers als Preisempfänger. Keineswegs fühlte er sich wohl in dieser Rolle. Nicht geehrt sah er sich, sondern so manches Mal geradezu verhöhnt.

"Ich sagte mir Mut, Mut, immer nur Mut. Mach alles, was jetzt mit dir geschieht, mit, und nehme den Scheck über achttausend Mark an dich und verschwinde."

Thomas Bernhard - Meine Preise

WDR 3 Buchrezension 04.04.2019 05:27 Min. WDR 3

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Das Ritual einer Verleihung

Sein Bericht setzt mit der frühesten Ehrung ein, es ist der Grillparzer-Preis 1963, und schließt mit seinem Austritt aus der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Ende 1979. Thomas Bernhard hasste es, Preise anzunehmen, das Ritual einer Verleihung amüsierte ihn nur mäßig, umso mehr irritierte es ihn. Sein Blick auf das routinierte Verhalten der Präsidenten und Minister, die die Reden hielten und die Preis übergaben, entlarvt die ganze Veranstaltung und stellt sie als hohlen Zauber dar.

"Das Zeichen, dass ich das Podium zu betreten habe, war da. Ich stand auf und ging auf Hunger zu. Er schüttelte mir die Hand und gab mir eine sogenannte Verleihungsurkunde, deren Geschmacklosigkeit wie die aller anderen Preisurkunden, die ich jemals bekommen habe, unübertrefflich war."

Je feierlicher der Rahmen...

Thomas Bernhard im Gespraech auf seinem Vierkanthof in Ohlsdorf 1981.

Thomas Bernhard

Thomas Bernhard erregt sich, er lästert, er übertreibt, er schimpft in seinem lakonisch knappen Stil und versteht sich so gar nicht darauf, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Er wird selber böse. Sein geschärfter Blick für jede Entgleisung und jede Peinlichkeit findet immer wieder neue Nahrung.

"Als ich einmal zu ihr hin blickte, sah ich, dass die Frau Minister Firnberg, so ihr Name, eingeschlafen war, was auch dem Präsidenten Hunger nicht entgangen war, denn die Ministerin schnarchte, wenn auch sehr leise, sie schnarchte, sie schnarchte das leise Ministerschnarchen, das weltbekannt ist."

Je feierlicher der Rahmen, desto stärker tritt das Groteske hervor. Und da der Autor mit sich selber keineswegs im Reinen ist, kann es passieren, dass eine Preisverleihung ihn geradewegs ins Verderben treibt.

"Von der Literatur wollte ich nichts mehr wissen, ich hatte alles, was ich gehabt hatte in sie hinein gestopft und sie hatte mich dafür in die Grube geworfen. Mich ekelte vor der Literatur, ich hasste alle Verleger und alle Verlage und alle Bücher."

An die Grenze meiner Existenzmöglichkeit

Claus Peymann war über Jahre Weggefährte des streitbaren Autors. Seinen Stücken hat er zum Erfolg verholfen, Triumphe und Skandale mit ihm zusammen durchgestanden. Mit großer Lust an jeder Formulierung liest er Bernhards wütende Preisträger-Bilanz. Die Texte beschreiben nicht allein das Zeremoniell und das Vergnügen des Autors am Preisgeld - sein einziges -, sie geben auch Einblick in die Lebenssituation, in der er sich jeweils befindet.

Claus Peymann

Claus Peymann

"Ich war wie so oft, wieder einmal an die Grenze meiner Existenzmöglichkeit gestoßen und von den Ärzten im Stich gelassen. Sie hatten mir nicht mehr als nur noch ein paar Monate, bestenfalls ein knappes Jahr gegeben und ich fügte mich in mein Schicksal.
Ich war unter dem Kehlkopf aufgeschnitten worden zu dem Zwecke der Entnahme einer Gewebeprobe, und sechs Wochen in der Gewissheit gelassen, an Krebs zugrunde gehen zu müssen.

Ich existiere bis zum heutigen Tage mit dieser Vermutung, und wie ich glaube, intensiver denn je."

Ich danke der Akademie

Zum Schluss die Stimme von Thomas Bernhard. 1970 hat er den Büchner-Preis bekommen. Seine Ansprache wird die Zuhörer erstaunt und sicherlich ein wenig ratlos zurückgelassen haben.

"Das Problem ist, mit der Arbeit fertig zu werden, das heißt, mit dem inneren Widerwillen, und mit dem äußeren Stumpfsinn, das heißt, über mich selber und über Leichen von Philosophien gehen, über die ganze Literatur, über die ganze Wissenschaft, über die ganze Geschichte, über alles.. .
Das Problem ist, immer mit der Arbeit fertig zu werden in dem Gedanken nie und mit nichts fertig zu werden. Es ist die Frage: weiter, rücksichtslos weiter oder aufhören, Schluss machen. Es ist eine Frage des Zweifels, des Misstrauens und der Ungeduld. Ich danke der Akademie, ich danke für Ihre Aufmerksamkeit."

Stand: 02.04.2019, 18:51