Claudio Magris - Schnappschüsse

Claudio Magris - Schnappschüsse

Claudio Magris - Schnappschüsse

Von Stefan Berkholz

Zum 80. Geburtstag von Claudio Magris sind fünfzig Miniaturen unter dem Titel „Schnappschüsse“ erschienen. Sie klingen spöttisch, sind aber auch politisch.

Claudio Magris
Schnappschüsse

Aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend
Hanser Verlag, München 2019
192 Seiten
20 Euro

Ein Leben mit Blick aufs Meer

"„Ist das Ihr Hund?“, hat mich eine Dame auf Triestinisch gefragt, wobei sie auf Jackson, meinen Brüsseler Griffon, deutete, meinen wichtigen Lebensbegleiter, der ebenfalls das Meer liebt, wenn auch mit zunehmenden Jahren immer gelassener. Auf meine bejahende Antwort hat die Dame erwidert: „Also dann müssen Sie Claudio Magris sein.“ Dank Jackson weiß jetzt auch ich, wer ich bin."

Eine Anekdote vom Oktober 2015. Chronologisch sind diese Miniaturen aus den Jahren 1999 bis 2016 angeordnet. Wir finden "Schnappschüsse" aus Berlin, New York, Stockholm, Budapest, Istanbul, doch immer wieder gilt Magris‘ Augenmerk seiner Geburtsstadt Triest und seinem Leben mit Blick aufs Meer.

"Wenn Sie im kleinen Triest das Meer anschauen… Das Mittelmeer ist natürlich ein Meer der Begegnungen. Natürlich, jede Begegnung ist auch gefährlich, auch Kriege entstehen aus Begegnungen. […] Dieses Meer ist doch wie etwas Mütterliches, empfangend. Ich bin kein Sportler, mich interessiert nicht die physische Leistung, ganz im Gegenteil: die Hingebung. Die Liebe ohne das Meer wäre undenkbar."

"Triest ist nicht nur die Kreuzung zwischen Ost und West, wie es immer genannt wird, sondern auch zwischen Nord und Süd, zwischen der skandinavischen Melancholie gewisser winterlicher Sonnenuntergänge und der südlichen Vitalität des Sommers."

Claudio Magris: "Schnappschüsse"

WDR 3 Buchrezension 10.04.2019 05:25 Min. WDR 3

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Bürgerlich trifft maschinenbesetzte Hotlines

Diese Stimmungsschwankungen zeichnen auch Magris‘ Kolumnen aus, obwohl sie vorrangig melancholisch klingen, sentimental, aber auch leise ironisch und spöttisch daherkommen. Magris bezeichnet sich selbst einmal als "respektabel bürgerlich", er ist konservativ, er liebt die Traditionen, und er hadert mit der Moderne, zum Beispiel mit maschinenbesetzten Hotlines anonymer Firmen oder Ämter.

"Wenn man eine Nummer wählt, veranlasst uns ein archaischer, in unseren Genen eingeprägter Aberglaube dazu, dass wir erwarten, mit jemandem zu sprechen, mit einem Exemplar unserer Spezies, um ihm oder ihr unser Anliegen vorzutragen. Man verlangt nicht die Stimme eines Fräuleins vom Amt zu hören, unsterblich gemacht durch einen vorsintflutlichen, kitschigen Film, aber doch wenigstens eine menschliche Stimme. Stattdessen begegnet man immer häufiger einer digitalen Stimme, einer keimfreien und unpersönlichen Sprache, die seelenlos bleibt und nicht auf unsere Anfrage antwortet, sondern uns eine mühsame Auswahl an verschiedenen Nummern aufnötigt, die wir wählen sollen, um mit unserem Hilferuf jemanden zu erreichen."

Das "Roulette der Nummern“

Claudio Magris

Claudio Magris

So erregt sich Magris über die Tücken der Technik und die Ohnmacht im Wirrwarr von Zuständigkeiten, das Totschlagen von Zeit im Wartestand der Werbeschleifen, das "Roulette der Nummern“, wie er schreibt, dem kaum zu folgen ist. Magris möchte die Technik ja nicht grundsätzlich verteufeln, doch eine Erkenntnis auch nicht verheimlichen:

"In Wirklichkeit wohnt dem technischen Fortschritt unvermeidlich der Drang inne – mit seiner Macht, seiner Notwendigkeit, sie ständig zu multiplizieren, und seiner Unmöglichkeit, stehenzubleiben -, der Kontrolle des Individuums zu entfliehen."

Wer hat sich noch nicht über diese seelenlosen Automatenstimmen geärgert, die einem zunächst noch alle möglichen Werbebotschaften vorflöten, um einen dann ins Nirwana von Warteschleifen zu schicken? In solchen Zeilen entsteht dann das, was Claudio Magris mit dem Brückenschlagen von Literatur meint.

Das Brückenschlagen über Ströme, die vergehen

Schreiben, sich mitteilen, etwas von sich den anderen geben, kann eine großzügige Geste sein, ein Geschenk, das einen Dialog eröffnet. Und gerade im Dialog, im Herausgehen aus sich und in der Begegnung mit dem Anderen, liegt ja der Sinn des Daseins.

"Jedes Buch ist eine Botschaft wie eine Flasche. […] Und es ist automatisch, dass man irgendwie den Wunsch hat, Sachen, die eine Bedeutung haben, einen Sinn, dass das von anderen mitempfunden wird. […] Es gibt einen Vers von Benn, den ich unglaublich liebe: Leben heißt das Brückenschlagen über Ströme, die vergehen. Und ich glaube, ein Buch so wie eine Geschichte, eine Mitteilung von etwas, das für jemand wichtig ist, ist eine Brücke."

Ein Buch zum Suchen und Finden

Viele Notizen aus dem Alltag finden sich: Beobachtungen aus überfüllten Zügen und die Not der Eingeklemmten, Betrachtungen hochmütiger und verdrehter Museumsbesucher, Lebensgeschichten aus der Mimik und den Schatten vorüberhuschender Gesichter entnommen, Notizen von einer Lesung im Gefängnis. Menschliches allzu Menschliches, Paargeschichten, Gedanken über Leben und Tod. Und selten einmal ausdrücklich politische Zeilen wie Magris‘ Erregung über ein Kochbuch von 1939, ein Lehrbuch "der schmackhaften und gesunden Speisen" unter Stalin, das als purer Hohn gegen die Opfer im Gulag zu lesen ist. Im besten Fall schafft Claudio Magris Momentaufnahmen als Metaphern, Beschreibungen, in denen sich der Leser wiederfindet, im schlechteren Fall kommen die "Schnappschüsse" zu eigen daher und bleiben dem Leser fremd. Ein Buch zum Suchen und Finden, Texte der Toleranz, Werbung für ein Mit- statt ein Gegeneinander. Ein Buch zur Verständigung.