Christopher Clark - Gefangene der Zeit

Buchcover: Christopher Clark: Gefangene der Zeit.

Christopher Clark - Gefangene der Zeit

Von Sven Ahnert

Donald Trump und Kaiser Wilhelm II. sind Brüder im Geiste – in seinem neuen Buch kommt der Historiker Christopher Clark zu überraschenden Beobachtungen.

Christopher Clark: Gefangene der Zeit.
Geschichte und Zeitlichkeit von Nebukadnezar bis Donald Trump.
Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2020.
336 Seiten, 26 Euro.

Christopher Clark: "Gefangene der Zeit"

WDR 3 Buchkritik 27.11.2020 04:57 Min. Verfügbar bis 27.11.2021 WDR 3


Download

Das Verhältnis von Macht und Herrschaft

In den ersten Wochen der Corona-Krise war auch Christopher Clark an seinen heimischen Schreibtisch gefesselt und hat aus der pandemischen Not eine Tugend und ein neues Buch gemacht. Er ist noch einmal der Grundfrage nachgegangen, wie Macht und Herrschaft Geschichte und Gegenwart zusammenhängen. In dreizehn Aufsätzen durchstreift Clark die Geschichte und spürt nach Mustern, die das komplexe Verhältnis von mächtigen Politikern und Handlungsspielräumen ausleuchten.

"Macht ist keine Eigenart, die man Gruppen oder Einzelpersonen zuschreiben kann; vielmehr drückt sich darin eine Beziehung untereinander aus. Folglich ist Macht weder eine substantielle Entität, noch eine Institution, geschweige denn etwas, das man besitzt, sondern ein Attribut der Beziehungen, innerhalb derer sie ausgeübt wird."

Ein neuer Typus Politiker

Am Beispiel von Dominic Cummings, dem mächtigen und nun zurückgetretenen Berater von Premierminister Boris Johnson, beschreibt Clark noch einmal das Aufkommen eines neuen Politikertyps. 

Bemerkenswert ist, dass Cummings ein glühender Verehrer von Bismarcks Machtpolitik war, die durch geschicktes Taktieren mit wechselnden Bündnispartnern und gezielte Provokationen gekennzeichnet war. Clark erkennt einen aggressiven, populistischen Politikstil, so wie er die gegenwärtige Politik bestimmt.

"Eine neue Kohorte aggressiver, gebieterischer Persönlichkeiten ist weltweit an der Spitze vieler politischer Strukturen aufgetaucht. Das bewusste Inszenieren von Krisen, der Einsatz von Provokation, um die politische Unterstützerbasis einzuschwören, ein intensives Medien-Management rund um die Uhr sowie die Personalisierung politischer Autorität sind im frühen 21. Jahrhundert zu unerwarteten Markenzeichen der Regierungstätigkeit geworden."

Gemeinsamkeiten von Donald Trump und Kaiser Wilhelm II.

Christopher Clark macht sich Sorgen und schöpft noch einmal aus dem Fundus seiner großen Studien und biographischen Monografien. Vom babylonischen König Nebukadnezar, der schmerzvoll erkennen musste, das Macht nur auf Zeit vergeben wird, und irgendwann enden muss, kommt er auf Donald Trump zu sprechen. Er ist der Typus eines unberechenbaren Machtmenschen, den er charakterlich und mental in die Nähe von Kaiser Wilhelm II. rückt. Beide provozierten, störten und manipulierten auf ihre ganz spezielle Art den politischen Betrieb. Ihnen gemeinsam ist:

"Eine kurze Aufmerksamkeitsspanne, extreme Reizbarkeit, die Tendenz, unter Belastung logisch inkohärentes Zeug zu faseln, Probleme bei der Aggressionsbewältigung, ein gebieterisches Auftreten, Gefühlskälte und fehlende Empathie, eine ungeheure Prahlsucht, regelrechte Schnapsideen, sarkastische Seitenhiebe und anzügliche Witze sind bzw. waren bei beiden gang und gäbe."

Das Problem mit der und idealisierten Vergangenheit

Neben diesen anekdotenreichen Ausflügen in die unmittelbare politische Gegenwart, beobachtet Christopher Clark vor allem eine gefährliche Perspektivlosigkeit der politischen Öffentlichkeit. Aus Mangel an starken Zukunftsvisionen, so vermutet Clark, gewinnt die idealisierte Vergangenheit an Bedeutung und liefert die Blaupause für eine recht kurzsichtige und somit gefährliche Gegenwartspolitik.

"Bei uns lauert natürlich der Klimawandel als ultimative zeitliche Begrenzung hinter allen Endzeitszenarien. Doch das Problem, um das es mir hier geht, ist weniger das tatsächliche Bevorstehen eines Endes als vielmehr das Ende der Geschichten, die uns eine Zukunft geben. Und gerade dieses Erschöpfen der Zukunft erklärt das Gefühl der Hilflosigkeit, das für die politische Öffentlichkeit in Westeuropa so charakteristisch ist."

Muster der Macht in verschiedenen Epochen

Anekdotenreich, besorgt, aber auch mit leiser Ironie, überdenkt Clark noch einmal die politischen Verhältnisse, die uns derzeit verunsichern.

In seinem neuen Buch schlägt der Historiker einen großen Bogen, der aus der Religionsgeschichte schöpft und Psychogramme der NS-Zeit vorstellt. So erfahren wir noch einmal Erhellendes über Himmlers Aufstieg zum skrupellosen Holocaust-Organisator und über die Verquickungen des deutschen Adels mit der SS.

"Gefangene der Zeit" gibt insgesamt anregende Einblicke in Clarks Geschichtsverständnis, das Macht und Herrschaft im Zeichen politischer Krisen thematisiert. Spannend hierbei ist sein die Jahrhunderte überspringender Blick auf machtpolitische Muster und Personen, die einmal mehr belegen, wie die "Mächtigen" aller Zeiten Gefangene ihrer jeweiligen Epoche waren und sind.

Stand: 26.11.2020, 15:04