Christoph Hein - Gegenlauschangriff

Christoph Hein - Gegenlauschangriff

Christoph Hein - Gegenlauschangriff

Von Michael Opitz

Christoph Heins Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege liegen Ereignisse zugrunde, die sich zu einer Chronik der Wende verdichten.

Christoph Hein
Gegenlauschangriff

Suhrkamp, Berlin 2019
122 Seiten
14 Euro

Christoph Hein: "Gegenlauschangriff"

WDR 3 Mosaik 08.04.2019 05:22 Min. Verfügbar bis 07.04.2020 WDR 3

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Die Aufnahme war von guter Qualität

Das Wort Lauschen wird im Titel von Christoph Heins neuem Buch "Gegenlauschangriff" von zwei "Kampfbegriffen" so in die Wortzange genommen, dass ihm jeder ans Romantische erinnernde Bezug abhandenkommt. Lauschangriffe werden veranlasst, um an Informationen zu gelangen, wobei die nackten Tatsachen zählen. Zu einem "Gegenlauschangriff" sah sich nach der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann der Schauspieler Manfred Krug veranlasst, als er mit einem versteckten Tonbandgerät eine Zusammenkunft von Schriftstellern mit hohen SED-Funktionären in seinem Haus mitschnitt, und sich dabei jener Methode bediente, die ansonsten vom DDR-Staatssicherheitsdienst angewendet wurde.

"Die Aufnahme war von guter Qualität, jedes Wort war zu verstehen, Mut und Kühnheit der Künstler waren ebenso dokumentiert wie das um Zustimmung buhlende Verhalten der Funktionäre, ihre Ausflüchte und Winkelzüge. Sie wanden sich wie Aale, um zu verteidigen, was nicht zu verteidigen war. Doch nichts hatte geholfen, der Staat erlaubte die Rückkehr von Wolf Biermann nicht [...]."

Hein und die DDR-Kulturfunktionäre

Der Schriftsteller Christoph Hein

Christoph Hein

In den insgesamt achtundzwanzig Anekdoten, die in Christoph Heins neuem Buch versammelt sind, erzählt er von Ereignissen, die sich vor und in den Jahren nach dem Mauerbau im August 1961 zugetragen haben. In den sechziger Jahren war er mit Thomas Brasch befreundet, der später – ebenso wie Hein – ein anerkannter Schriftsteller wurde. Aus "Eine Entzweiung" ist zu erfahren, dass beide 1968 mit Flugblättern gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die CSSR protestierten, was Braschs Vater, der damals stellvertretender DDR-Kulturminister war, endgültig gegen Hein aufbrachte.

Mit DDR-Kulturfunktionären bekam es Hein später häufiger zu tun, denn er zählte nach dem Erscheinen seiner Novelle "Der fremde Freund" – in der Bundesrepublik veröffentlicht unter dem Titel "Drachenblut" – zu den kritisch-engagierten Autoren der DDR-Literatur. Was trotz vielfältiger Schikanen in der DDR dennoch möglich war, dass sich manches durchsetzen ließ, was aus heutiger Sicht gänzlich unwahrscheinlich anmutet, daran erinnert Hein in zwei Anekdoten. In "Horns Anfang" erfährt man, dass sein Roman "Horns Ende" in der DDR ohne die eigentlich unverzichtbare Druckgenehmigungserlaubnis erscheinen konnte, und in "Absicherung der Linie Schriftsteller" rekonstruiert er, wie er 1987, also noch vor dem Mauerfall, auf dem 10. Schriftstellerkongress einen Diskussionsbeitrag halten konnte, in dem er die gängige Praxis der Zensur in der DDR anprangerte.

Fußnoten zur deutsch-deutschen Geschichte

Nichts spräche also gegen diese Fußnoten zur deutsch-deutschen Geschichte, wenn nicht einige dieser Anekdoten bereits hinlänglich bekannt wären. Hein selbst hat sie häufig in Interviews erzählt und nun – gerade rechtzeitig zum 30. Jahrestag des Mauerfalls – hat er sie verschriftlicht. Sprachlich ist enttäuschend, was Hein vorlegt – vieles klingt arg bemüht und seltsam gespreizt. Zu den gelungenen Ausnahmen zählt "Programmgetreu". Bevor der letzte deutsch-deutsche Krieg mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik endete, fand am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz eine Großdemonstration statt, die den Untergang der DDR forcierte. Vom Alexanderplatz übertrug das DDR-Fernsehen live und den Programmachern der öffentlich rechtlichen Sender der Bundesrepublik wurde angeboten, die Übertragung zu übernehmen.

"Nach einer heftigen, aber kurzen Diskussion entschied man sich, das Angebot des ostdeutschen Senders abzulehnen. Die Zuschauer des westdeutschen Fernsehens sollten nicht durch eine unangekündigte Programmänderung verärgert werden [...]. Der Volksaufstand der Bevölkerung in jenem zweiten deutschen Staat sei zwar bedeutsam und schätzenswert, aber doch nur von regionalem Interesse."

Der Zustand des deutsch-deutschen Verhältnisses

In dieser Anekdote werden die Fakten von Hein überzeugend arrangiert und weitgehend enthält er sich dabei jeglichen Kommentars. Darin unterscheidet sie sich von der Geschichte "Verwachsen". in der literarisch interessierte Damen zu Wort, die von sich behaupten, dass sie Gegenwartsliteratur lesen, aber nie auf die Idee kämen, ein Buch eines ostdeutschen Autor zur Hand zu nehmen. Hein nun meint, dass sich daran der Zustand des deutsch-deutschen Verhältnisses dreißig Jahre nach der Vereinigung ablesen ließe, aber mit dieser Ansicht liegt er falsch. Vorschnell wird hier beiläufig Gehörtes verallgemeinert. Ein lauschender Autor aber hätte ihm zu Ohren kommende Geschichten zunächst aufmerksam sondiert, um schließlich jene sorgsam erzählerisch aufzubereiten, die geeignet wären, den Prozess des Erinnerns und Nachdenkens überzeugend zu irritieren.

Stand: 07.04.2019, 14:41