Christina Hesselholdt - Gefährten

Christina Hesselholdt - Gefährten

Christina Hesselholdt - Gefährten

Von Thomas Fechner-Smarsly

Ein Buch fürs Binge Watching: Christina Hesselholdt schreibt einen mitreißendem Episodenroman über Frauen und Männer, Lebensgier und Liebeswunsch.

Christina Hesselholdt
Gefährten

Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Hanser Berlin, München 2018
447 Seiten
25 Euro

Eine Ferienlektüre

Früher, sehr viel früher, als uns der Sommer und die Ferien endlos erschienen, haben wir diese Zeit auch deshalb überstanden, weil es Bücher gab. Ganze Serien von Büchern, die selber endlos schienen, obwohl sie nur auf einer Felseninsel vor Cornwall spielten – oder womöglich auf einem Ponyhof. Jetzt gibt es so etwas auch für Erwachsene, ausgedacht und aufgereiht von der Dänin Christina Hesselholdt, und die "Fünf Freunde" sind eigentlich sechs, und sie nennen sich "Gefährten".

Die Gefährten

Sie leben in Kopenhagen, meistens jedenfalls. Aber schon ihre Namen versetzen uns an andere Orte: Camilla, Alma und Alwilda heißen die Frauen, und die Männer Charles und Edward – nur der urdänische Kristian tanzt aus der Reihe. Als habe jemand "Sex and the City" mit der Bloomsbury Group gemischt. Und sicher nicht zufällig wird die heilige Virginia Woolf auch hin und wieder angerufen, mal von Alma, mal von Camilla. Eine durchgängige Handlung gibt es nicht, erzählt wird in Episoden.

Christina Hesselholdt

Christina Hesselholdt

Die Gefährten sind jetzt alle um die fünfzig, sie sind Ärzte, Schriftsteller, Künstler. Und vor allem die Frauen sind nach wie vor erfüllt von Lebensgier und Liebeswünschen. Doch immer häufiger haben sie und ihre Männer nicht nur mit ihren Träumen die Verlustzone erreicht. Die Trennungen nehmen zu, und auch der Tod wird zum allmählichen dunklen Begleiter. So hat sich der eher stille Edward nach dem Ende der Beziehung zu Alwilda und nach dem Tod seiner Eltern zeitweise zurückgezogen. Ja, er ist tatsächlich in das Haus eingezogen, in dem die Eltern sich gemeinsam im Schlafzimmer erhängt hatten. Als neuen Gefährten schafft sich der trauernde Muttersohn Edward nun einen Hund an.

"Ich habe Träume gehabt, die trösten, und zerstörerische Träume.
Letztere handelten davon, was im Grab vor sich geht, von der Verwesung;
mir selbst zuliebe bezeichne ich sie als "Träume von Dekomposition", um nicht ins Detail gehen zu müssen, aber die Details setzten sich trotzdem in mir fest. Meine Mutter wurde eingeäschert, insofern gab es keinen Grund für diese Träume… Ich hatte ihre Asche auf zwei Urnen verteilen lassen. Die eine war ins Grab abgesenkt worden, die Asche der anderen hatte ich über dem Meer verstreut, an einem Ort, wo meine Mutter gern Baden gewesen war. Was meinem Leben einen gewaltigen Auftrieb geben würde, wäre die Liebe, doch seit Alwilda habe ich sie nicht mehr erlebt. Ich wollte alles. Doch ich wurde gewogen und für zu leicht befunden. Es ist der kleine Hund, bei dessen Anblick die Stimmen der Frauen hoch und zärtlich werden. Ihn schauen sie an. Ich bin der Unsichtbare am Ende der Leine."

Ein plötzlicher Windstoß

Die ständige Nähe einer von gelegentlichem Ekel durchzogenen Komik und einer beinahe grotesken Tragik verdeutlicht eine andere Szene, in der Edward die Asche seiner (halben) Mutter am Meer ausstreuen will. Ein plötzlicher Windstoß weht ihm einen Teil der Asche ins Gesicht, auf Lippen und Augen, und noch lange danach spürt er den staubigen Geschmack (seiner Mutter) im Mund.

Nicht nur der hyperaktiven Alwilda ist der tagträumerische Edward zu leichtgewichtig, auch Alma verlässt ihren Mann, den etwas drögen Kristian, der ständig alle in Grund und Boden redet, und der nur deshalb Arzt geworden ist, weil er eine panische Angst vor Krankheiten hat. Als schließlich – nun sind wir schon am Ende des dritten Teils – auch die Schriftstellerin Camilla ihrerseits von Charles verlassen wird:

"Charles und meine Ehe geht mit der Ära Osama bin Ladens einher, im September 2001 waren wir so verliebt, dass wir erst am Vormittag des 12. begriffen, was am 11. geschehen war, und die Auflösung unserer Beziehung vollzog sich in den Tagen um bin Ladens Tod. Zwei Bilder rahmen unsere Ehe ein: 1. Körper in freiem Fall 2. Ein zerschossenes Gesicht."

Die großen persönlichen Dinge

Gegen das gelegentlich aufblitzende Zeitgeschehen setzt sich am Ende eine nostalgische und resignative Sehnsucht durch, nicht ohne jedoch von einer Art widerständigem Mutterwitz angerempelt zu werden.
Formal besteht "Gefährten" aus unterschiedlich langen Monologen, in denen die wechselnden Ich-Erzähler versuchen, im eigenen Kopf aufzuräumen ("Die Kraniumkiste" hieß schon mal ein Buch von Hesselholdt). Immer geht es dabei um die großen persönlichen Dinge: um Liebeswunsch und Trennungsschmerz und Totenklage. Und immer geschieht alles auf irgendwie leichte, oft berührende und manchmal sogar komische Weise, dabei mit untergründiger, ja abgründiger Poesie. Das lassen schon die Kapitelüberschriften erkennen: "Wenn die Asche Augen hätte" oder "Allein im Paradies, mit den Gartenarbeitern und dem Herzen des Igels" oder "Die Marmeladenkönigin mit den klebrigen Beinen".
Voller offener literarischer Anspielungen auf Emily Brontë, Slavoj Žižek und Puh der Bär, ist Hesselholdts schönes Gewebe durchwirkt von den feinen, fast unsichtbaren Fäden ihres dänischen Erbes: dem Sinn für das Winzige und Verzauberte eines Hans Christian Andersen und dem raunenden, geheimnisvollen Erzählen im kleinen Kreis wie bei Karen Blixen.

Christina Hesselholdts "Gefährten" ist ein Buch, mit dem man zumindest einen Teil des Sommers übersteht – und schon mittendrin hofft, dass es da irgendwo am Ende heißen möge: Fortsetzung folgt!

Christina Hesselholdt: "Gefährten"

WDR 3 Buchrezension | 07.08.2018 | 05:37 Min.

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Stand: 05.08.2018, 14:40