Christian Schulteis - Wense

Christian Schulteis - Wense

Christian Schulteis - Wense

Von Holger Heimann

Ein reifes Romandebüt: Christian Schulteisz erzählt – angelehnt an die historische Figur Hans Jürgen von der Wense – von den Nöten, Zweifeln und vom subversiven Eigensinn eines Universalgelehrten zur Zeit des Zweiten Weltkriegs.

Christian Schulteisz
Wense

Berenberg Verlag, Berlin 2020
128 Seiten
22 Euro

Er ist einer der großen Unbekannten der deutschen Literatur

Hans Jürgen von der Wense

Hans Jürgen von der Wense

Hans Jürgen von der Wense, 1894 in Ostpreußen geboren, 1966 in Göttingen gestorben, hat ein ausuferndes Werk hinterlassen – 30.000 beidseitig beschriebene Blätter. „Wenn ich sterbe, ist die Weltgeschichte in meinem Zimmer“, schrieb er bereits 1929. Zur ungeheuren Materialsammlung, die sich dort nach seinem Tod fand, gehören Übertragungen und Nachdichtungen aus über 100 Sprachen und Dialekten. Der universell Interessierte hat über Religion, Literatur und Musik geschrieben, über Tiere, Pflanzen und Wolkenformationen und immer wieder über die deutschen Mittelgebirge, die er wandernd durchstreifte. Nichts war zu abseitig, zu unbedeutend, um nicht in das Blickfeld des Autodidakten zu geraten, von ihm studiert und inventarisiert zu werden.

Der schmale Roman, der von Hans Jürgen von der Wense erzählt, beginnt so:

"Karten sind Partituren der Landschaft, hat er mal geschrieben, zigmal hat er das geschrieben, in Briefen an Freunde und Feinde und Unbekannte. Auch auf Zeitungsschnipsel, die dann per Windpost auf Reise gingen. Einer davon flog um die Welt und kam ihm in Kassel, auf der Frankfurter Straße, wieder entgegen. Karten sind Partituren der Landschaft, der Satz macht ihn nicht nur stolz, er verfolgt und nötigt ihn auch: Mach Ernst, verwandle die Landschaft, die Kartographie in Musik! Aber vom Komponieren muss er die Finger lassen, hat schon mehr als genug zu tun. Die Gedichte von Imru’ al-Qais wollen fertig übertragen werden, genauso die Hymnen auf Ptah und die Weisheiten der Ewe und Sotho."

Christian Schulteis - Wense

WDR 3 Buchkritik 08.07.2020 05:36 Min. Verfügbar bis 08.07.2021 WDR 3

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Im Spiegel von vielfältigen Interessen und Gewohnheiten

Gleich die ersten, kurzen Sätze zeigen Wense im Spiegel seiner vielfältigen Interessen und Gewohnheiten: den Briefeschreiber, den Wanderer, den Komponisten, Übersetzer und Schriftsteller. Er beschäftigt sich mit den Versen eines beduinischen Dichters, mit altägyptischen Göttern, mit afrikanischen Weisheiten. Wense will lesen, forschen, schreiben, archivieren. Aber dann kommt der Zweite Weltkrieg dazwischen. Bibliotheken werden weggebombt und Bestände weggeschlossen. Das ist die Spannung, in die der Gelehrte gerät und aus der Christian Schutheisz eine feinnervige, tragikomische Erzählung gemacht hat. Der Autor bindet dabei die Erzählperspektive eng an seine Hauptfigur. Die Wirklichkeit wird ganz aus dem Denken und Fühlen Wenses erfahrbar. So erlebt er das von Bomben zerstörte Kassel:

Christian Schulteisz

Christian Schulteisz

"Es qualmt und flammt aus den Ritzen und Spalten, Staubwolken wälzen sich über Mauerreste wie über ein Riff. Er sucht nach dem Altmarkt – aber die ganze Altstadt fehlt! Statt schmalen Gassen überall weite Plätze, schwelende Balken, Ruß über Ruß. Die Schäden früherer Angriffe sind im Totalschaden verschwunden. Am Rand eine Leiche neben der andern, mit Chrysanthemen geschmückt, die meisten verkohlt, einzelne gebraten, auch Erschossene. Am Friedrichsplatz steht manches noch, die jüdischen Warenhäuser, die Bibliothek, das Landesmuseum. Nein, bloß Fassade, innen hohl. Hinter der Absperrung liegen Blindgänger."

Was ist dieser Wense überhaupt?

Die nüchterne Bilanz wird zum erschütternden Bericht, gerade weil Wense, ganz aufmerksamer Beobachter und Forscher, jegliches Räsonieren ausspart. Aber unbehelligt bleibt auch der Gelehrte nicht. Er wird in Göttingen, wohin er zusammen mit der Mutter gezogen ist, zum Arbeitsdienst in einer Radiosondenfabrik verpflichtet. Die eintönige Beschäftigung, Radiosonden müssen geeicht werden, färbt auf den Text ab. Die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiterinnen, mit denen Wense es im meteorologischen Dienst zu tun bekommt, bleiben Schemen. Was die Männer und Frauen von dem Sonderling halten, lässt der überwiegend aus einer personalen Perspektive erzählte Text offen. Welchen erzählerischen Gewinn der Blick anderer auf Wense einbringt, zeigt eine Szene in einer noch unzerstörten Göttinger Bibliothek. Wense belauscht ein Gespräch von Angestellten der Bücherei:

"»Was ist dieser Wense überhaupt?«
»Wenn man das wüsste.« »Haben Sie ihn nie gefragt?«
»Doch. Antwort war, er übersetze. Und eine Stunde später wollte er den gynäkologischen Nachlass von Osiander sehen.« (...)
»Mich hat er kürzlich nach Leichenpredigten aus Schlüters Sammlung gefragt. Na gut, hab ich ihm raufgeholt. Aber dann wollte er auch noch einen ganzen Haufen Rara und Inkunabeln. Ich hab erklärt, dass die schon ausgelagert sind nach Volpriehausen. Meint der doch glatt: Davon wüsste ich aber, und wollte selbst nachsehen. .... Ob man nicht irgendeine Sondererlaubnis bekommen könne. Ich sage: Tut mir leid, da müssen Sie schon bis zum Sieg warten. Und wissen Sie, was er darauf gesagt hat? Dann muss ich mir selbst Zugang verschaffen!«"

Gegenwelt und Rückzugsort

Der nicht zu erstickende Eigensinn Wenses sorgt inmitten eines von Mangel und Verstörung geprägten Lebens immer wieder für Szenen von großer Komik, in denen zugleich das Subversive und Widerständige der sonderbaren Existenz Wenses kenntlich wird. Doch den Helden dieses durchdachten und reifen Debüts plagen zunehmend Depressionen und Zweifel. Ist seine Forschung wirklich zu etwas nütze? Die Bibliothek ist ihm Gegenwelt, aber sein eigentlicher Rückzugsort bleibt die Natur. Dass Wense zuletzt im Gelände verschwindet, ist nur konsequent.

Stand: 07.07.2020, 13:08