Buchcover: "Von Zeit zu Zeit" von Rafael Chirbes

"Von Zeit zu Zeit" von Rafael Chirbes

Stand: 29.11.2022, 12:00 Uhr

In den Tagebüchern von Rafael Chirbes begleitet der Leser den spanischen Schriftsteller auf der Suche nach dem Thema für sein literarisches Schaffen. In diesen Jahren von 1984 bis 2005 ringt er mit seinem Werk, ehe er mit zwei Romanen weltweit anerkannt wurde. Eine Rezension von Stefan Berkholz.

Rafael Chirbes: Von Zeit zu Zeit
Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz und Carsten Regling.
Verlag Antje Kunstmann, München 2022.
472 Seiten, 34 Euro.

"Von Zeit zu Zeit" von Rafael Chirbes

Lesestoff – neue Bücher 29.11.2022 05:05 Min. Verfügbar bis 29.11.2023 WDR Online Von Stefan Berkholz


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Erinnerungen an eine Lesereise

Für seine Lesereise durch Deutschland, im Herbst 2004, öffnete Rafael Chirbes ein eigenes Notizbuch. Er wollte seine Erfahrungen in der Fremde als herumgereichter und noch wenig bekannter Schriftsteller als gesondertes Kapitel festhalten. Chirbes litt unter diesen Werbeveranstaltungen. Auf der Fahrt nach Köln erinnert er sich schaudernd an den desaströsen Abend zuvor.

"Die gestrige Lesung in Karlsruhe war katastrophal. Kaum Leute, und die wenigen Anwesenden waren kühl und schweigsam. Sie hörten zu, als trauten sie den Texten nicht, oder wie jemand, der dem Regen lauscht (es regnete tatsächlich). (...) Sie wirkten lustlos. Allmählich freue ich mich auf das Ende der Lesereise. Sie ist zu lang. Mir ist die Lust vergangen, jemals wieder auf Tournee zu gehen."

Analysen über die Kunst und das Wesen des Menschen

Der erste Teil dieser Tagebuch-Edition, der die Zeit vom April 1984 bis zum August 1992 umfasst, ist so etwas wie ein schwules Bekenntnisbuch. Danach dann, in der zweiten Hälfte, erfahren wir mehr über die Welt des Schriftstellers, folgen seinen tiefen Analysen über die Kunst und das Wesen des Menschen.

Chirbes war (und blieb) ein Außenseiter in der vorherrschenden Literaturwelt, er gehörte nicht dazu, bezeichnete sich als "Intellektuellen plebejischer Herkunft". Seinen Klassenstandpunkt verleugnete er nie. Im Oktober 2004 notiert er:

"Es gibt kein Heilmittel gegen die Klassenherkunft, nicht einmal Geld oder soziales Prestige. Das erstaunt mich nicht. Als Materialist weiß ich, dass die Seele ein Abbild der Umstände ist, ein komplexes Geflecht aus Formen, Tabus, Hoffnungen, Misstrauen und Groll, das sich in der frühen Kindheit herausbildet."

Vom eigenen Anspruch verfolgt

Chirbes wühlt sich durch die Literatur, "liest wahllos durcheinander, drei, vier Bücher gleichzeitig", bekennt er, und hält seine Eindrücke in Essays, Kurzrezensionen, Schriftstellerporträts fest. Balzac, Hermann Broch, Dostojewski, Musil, Proust sind wichtige Orientierungen für ihn.

Er schreibt Filmrezensionen, er betreibt Stadtarchäologie, er vertieft sich in die Kunst Caravaggios. Und dann immer wieder depressive Schübe, Pessimismus, Nihilismus. Sein himmelstürmender Anspruch, revolutionäre Literatur schaffen zu wollen, setzt ihm zu. Im Dezember 2004 bekennt er.

"Ja, aufgrund meiner Herkunft, meiner Lebensumstände, hatte ich fast nichts. Für welche Sünde, welche Ungerechtigkeit bezahle ich? (…) Und die Bücher? Hast du nichts geschrieben? Hast du nicht ein paar Romane verfasst? Ja, aber das hilft nur während des Schreibens. Solange man schreibt, schreibt man. Danach ist es schlimmer als vorher, düsterer. Man ist noch leerer."

In düsterer Stimmung

Die letzte Eintragung in dieser Tagebuch-Edition stammt vom 1. März 2005. Chirbes ist in düsterer Stimmung, er sieht seine Zeit davonrinnen, er träumt von dem Roman, den er endlich schaffen sollte, aber er weiß nicht, wie.

"Bei meiner schwachen Gesundheit und der apokalyptischen Schar von Exzessen, die sie bedroht haben und noch immer bedrohen, denke ich oft, dass ich, wenn ich den Roman nicht jetzt schreibe, es später nicht mehr schaffen werde."

Ein verzweifeltes Schriftstellerleben

Im März 2005 ist Rafael Chirbes 55 Jahre alt, ihm bleiben noch gut zehn Jahre. Mit zwei Romanen setzt der ersehnte weltweite Erfolg schließlich ein.

In "Krematorium" von 2007 schafft er ein Sittengemälde über den Immobilien- und Tourismusboom an der spanischen Mittelmeerküste, und in "Am Ufer" von 2013 geißelt er das "Wohlstandsmärchen" in Spanien.

Es ist schade und es wird leider auch nicht in dem im Übrigen sehr informativen Vorwort von Heinrich von Berenberg, dem ehemaligen Lektor von Chirbes, erklärt, warum die Tagebücher bereits 2005 enden. Man wüsste zum Beispiel gern, ob die depressiven Schübe später, als der Erfolg einsetzte, zurückgingen. So bleibt dem Leser zunächst diese Etappe eines verzweifelten Schriftstellerlebens auf der Suche.