Buchcover: "Verräterkind" von Sorj Chalandon

"Verräterkind" von Sorj Chalandon

Stand: 02.12.2022, 12:00 Uhr

Vergangenheitsbewältigung auf Französisch: Sorj Chalandon sucht in "Verräterkind" nach der Wahrheit über seinen Vater. Eine Rezension von Andreas Wirthensohn.

Sorj Chalandon: Verräterkind
Aus dem Französischen von Birgit Große.
dtv, München 2022.
303 Seiten, 24 Euro.

"Verräterkind" von Sorj Chalandon

Lesestoff – neue Bücher 02.12.2022 05:42 Min. Verfügbar bis 02.12.2023 WDR Online Von Andres Wirthensohn


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1987 war vermutlich das wichtigste Jahr französischer Vergangenheitsaufarbeitung. In diesem Jahr wurde dem ehemaligen Gestapo-Chef der deutschen Besatzer in Lyon, Klaus Barbie, der Prozess gemacht. Er hatte sich nach Kriegsende nach Bolivien abgesetzt, war aber 1983 festgenommen und an Frankreich ausgeliefert worden. Nun musste er sich in Lyon für die Gräueltaten, die er dort begangen hatte, vor Gericht verantworten. Es ging um die Deportation jüdischer Kinder, Massenerschießungen und brutalste Folter. Sorj Chalandon ist zu dieser Zeit Auslandskorrespondent der französischen Tageszeitung Libération, doch er soll über diesen weltweit beachteten Kriegsverbrecherprozess berichten:

»Er tritt ein, ein gespenstischer Greis im schwarzen Anzug.« Das waren meine ersten Worte für die Zeitung, notiert auf der rechten Seite eines neuen Notizbuchs. Mit dramatischer Geste hielt Barbie seine gefesselten Hände empor. Ein Polizist nahm ihm die Handschellen ab und forderte ihn auf, sich zu setzen. Im Saal herrschte vollkommene Stille. Man hörte nichts. Kein Getuschel, als der Angeklagte in seiner Bank Platz nahm, nicht einmal das übliche Summen der Menge. Kein Hüsteln, kein Scharren mit den Stühlen.

In seinem jüngsten Roman erzählt Chalandon noch einmal von diesem Prozess gegen den sogenannten „Schlächter von Lyon“.

Gleichzeitig geht es aber auch um ein anderes Gerichtsverfahren, ein ganz und gar privates – nämlich um die Frage, was der eigene Vater eigentlich in dieser Zeit Anfang der vierziger Jahr gemacht hat. Seit er zehn ist, weiß Chalandon vom Großvater, dass der Vater damals auf der falschen Seite stand, dass er selbst ein „Verräterkind“ ist. Wenn er den Vater danach fragte, bekam er alles Mögliche zu hören, immer garniert mit Sätzen wie:

Niemand weiß das besser als ich!

Oder, noch rätselhafter:

Ich hatte mehrere Leben und mehrere Kriege. Irgendwann werde ich dir das alles erklären.

Als dieses „Irgendwann“ nicht so recht kommen mag, ergreift der Sohn die Initiative und besorgt sich die Akte des Prozesses, der dem Vater kurz nach dem Krieg gemacht wurde. Mit Hilfe von Verhörprotokollen und Zeugenaussagen sollte geklärt werden, ob der Betreffende sich, wie es hieß, des Verrats oder der Waffengewalt gegen Frankreich schuldig gemacht hatte. Im Falle von Chalandons Vater hatte die Anklage die Todesstrafe beantragt; am Ende wurde er zu einem Jahr Gefängnis und einem fünfjährigen Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt.

Was der Sohn da in der Akte zu lesen bekommt, ist eine reichlich abenteuerliche Geschichte. Ja, der Vater stand auf Seiten der Deutschen, aber angeblich nur, um dort Sabotageakte zu verüben. Ja, der Vater kämpfte auch im französischen Widerstand und hat höchstpersönlich Franzosen vor dem Erschießen durch Deutsche bewahrt. Wahr ist von all den Geschichten, die der Vater den Ermittlern da so erzählt, vermutlich das Wenigste, er vermischt geschickt Wahrscheinliches mit Erfundenem und schafft es am Ende, sich aus dem Schlimmsten – dem Tod durch Erschießen – herauszulügen.

Je länger ich in deinen Aussagen las, desto mehr war ich davon überzeugt, dass du dich am puren Abenteuer berauscht hast. Ohne gute oder schlechte Gründe, ohne dich als Verräter zu erkennen oder als Patriot zu bekennen.

Du hast die Uniformen gewechselt wie Theaterkostüme und jedes Mal eine neue Figur erfunden, jeden Morgen ein neues Drehbuch verfasst. (…) Du bist nicht desertiert, nein, du hast nur den Krieg geschwänzt. (…) Nein, du warst kein gewöhnlicher Verräter. Deine Aussage war eine Heldensaga.

Als Leser tauchen wir tief ein in das französische Dickicht aus Résistance und Kollaboration, aus Heldenmut und Mittäterschaft. Beide Prozesse, der öffentliche gegen den Gestapo-Mann und der private gegen den Vater, laufen im Buch parallel und sind zusätzlich dadurch eng miteinander verzahnt, dass auch der Vater das Barbie-Verfahren von der Besuchertribüne aus verfolgt. Doch während im einen die Monstrosität der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen sichtbar wird, zeigt sich im anderen nur die Erbärmlichkeit des Opportunisten. Chalandon verschont uns mit moralischen Bewertungen, er lässt die Opfer und die Akten sprechen, und so ergreifend seine Schilderung des Barbie-Prozesses ist, so eindringlich gerät die fast schon verzweifelte Suche nach der Wahrheit über den eigenen Vater. Was am Ende stimmt – wir wissen es ebenso wenig wie der Erzähler. Fest steht nur: Dieser Roman ist ein bemerkenswertes Stück Väter-Literatur.