Paul Celan/Jens Harzer - Eine Annäherung.

Hörbuchcover: Paul Celan/Jens Harzer - Eine Annäherung.

Paul Celan/Jens Harzer - Eine Annäherung.

Von Oliver Cech

Das Hörbuch mit dem Schauspieler Jens Harzer zeigt, wie sensibel Paul Celan in seinen Gedichten auf das politische Umfeld der Nachkriegszeit reagiert, wie er Heimat erlebt, es stellt sinnliche Liebeslyrik vor – und erstaunlich unbeschwerte Nonsens-Verse!

Paul Celan/Jens Harzer. Eine Annäherung.
Verlag Speak Low, Berlin. 2 CDs
110 Minuten Laufzeit, 22 Euro

Paul Celan/Jens Harzer "Eine Annäherung" (Hörbuch)

WDR 3 Buchkritik 22.04.2021 05:43 Min. Verfügbar bis 22.04.2022 WDR 3


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Die Flaschenpost öffnen

"Lege dem Toten die Worte ins Grab,
die er sprach, um zu leben.
Bette sein Haupt zwischen sie,
lass ihn fühlen
die Zungen der Sehnsucht"

Jedes Gedicht Paul Celans ist "eine Flaschenpost, gerichtet an einen fernen, unbekannten Adressaten". So hat es Celans Dichterfreund Ossip Mandelstam beschrieben. Könnten wir diese Adressaten sein, heute? Könnten wir die Flaschenpost öffnen und die Worte hören, "die er sprach, um zu leben"?

"Leg ihm dies Wort auf die Lider:
vielleicht
tritt in sein Aug, das noch blau ist,
eine zweite, fremdere Bläue,
und jener, der du zu ihm sagte,
träumt mit ihm: Wir." 


(Papierrascheln)

Unergründlich und nachdenklich

Der hier spricht (und ausgiebig mit dem Papier raschelt!) ist Jens Harzer. "Eine Annäherung" kündigt das Cover des neuen Hörbuchs an, gleich groß darauf die Gesichter von Paul Celan – mit skeptischem Blick, unergründlich, vielleicht eine Spur amüsiert; und Jens Harzer: gen Himmel blickend, nachdenklich, mit kämpferisch vorgerecktem Kinn. Einer der großen Bühnenschauspieler seiner Generation; seit Harzers Auftritt in der Kultserie "Babylon Berlin" haben Millionen seine sehr eigene Stimmgebung im Ohr.

Mit den Versen von Paul Celan erlebt Harzer ein dauerndes Ringen. Mal beglückend, mal ratlos. Wie in dem Gedicht "Menschenscherben".

"Die Menschenscherben klirren herein
Es wird hell hinterm Licht
Die Benzingötter nabeln
Im nackten Gedankengestänge

Das regierende Hungerzelt
Erlässt
Die feurig essbare
Amnestie.
Harzer: Noch mal eine, und dann lassen wir´s.

Die Menschenscherben klirren herein…"

Die Annäherung hörbar machen

Manchen Gedichten nähert sich Jens Harzer in der Aufnahme zweimal, dreimal, wieder und wieder. Das Hörbuch bietet keine geglättete Idealversion, sondern macht diesen Vorgang der Annäherung hörbar, das Suchen, das Tasten nach Bedeutungsebenen. Das ist mutig; und es ist klug zugleich. Denn viele der Gedichte Paul Celans geben uns Rätsel auf, sie fordern uns heraus, den Worten nachzuforschen, im besten Fall: ihnen nachzulauschen!

"Hör dich ein mit dem Mund."

Wieder eine Flaschenpost: "Hör dich ein mit dem Mund." Paul Celans Gedichte sind geschrieben nicht für die akademische Analyse, sondern zum Sprechen und zum Hören. Sie leben aus ihrem geistigen Anspruch, ja; aber ebenso leben sie aus ihrer Klangsinnlichkeit! Und darin wirken sie manchmal wunderbar unbefangen, voll kindlicher Freude an Klangspielen.

"Ich bin groß, du bist das Küken,
Hihihimmel, sollst dich bücken,
Muß mir meine Schputnicks pflücken.
Erst der gelbe,
Dann derselbe,
Dann der schwarze
Mit der Warze.

Wozu – Weil – Jaweilwozu
Hättenhätten wirdennruh."

 Mit offenen Augen in der politischen Gegenwart

Paul Celan als munterer Sprachspieler! Das ist nur eine der Entdeckungen, die das Hörbuch möglich macht. Ausgewählt hat die Gedichte für diese Doppel-CD die Celan-Spezialistin Barbara Wiedemann, im engen Austausch mit Jens Harzer. Sie haben das Werk geordnet in sieben thematische Kapitel.

Die Gedichte unter dem Titel "Maifarben" zeigen einen Dichter, der mit weit offenen Augen in seiner politischen Gegenwart steht. Celans Sprechen von Heimat, sein Ringen mit der psychischen Erkrankung, mit seinem Leben nach der Shoah als jüdischer Dichter deutscher Zunge – all das lässt sich hier erleben. Ebenso wie die Liebe zur Dichterin Ingeborg Bachmann.    

"Zähle die Mandeln.
Harzer: Das hat er dann auch an die Bachmann geschickt, wohl.
Zähle die Mandeln.
zähle, was bitter war und dich wachhielt,
zähl mich dazu:"

Celans Schmerz in die Gegenwart holen

Eine Leerstelle bildet Celans berühmtestes Gedicht: "Todesfuge" ist nicht aufgenommen! "Lesebuchreif abgedroschen" sei dieses Gedicht, hat Celan selbst gemeint, und er hat es seit den 60er Jahren aus dem Repertoire seiner Lesungen gestrichen.

Folgerichtig fehlt es auch hier. In einem Hörbuch, das Paul Celans Schmerz und seine einzigartig Sprachmusik aus der historischen Ferne holt, mitten in unsere Gegenwart: hautnah und radikal, gebrochen und hochlebendig. 

"Es komme die Schuld über uns.
Es komme die Schuld über unser aller warnenden Zeichen,
es komme das gurgelnde Meer,
der geharnischte Windstoß der Umkehr,
der mitternächtige Tag,
es komme, was niemals noch war!
Es komme ein Mensch aus dem Grabe."

Stand: 22.04.2021, 08:07