Cees Nooteboom - Venedig. Der Löwe, die Stadt und das Wasser.

Cees Nooteboom - Venedig. Der Löwe, die Stadt und das Wasser.

Cees Nooteboom - Venedig. Der Löwe, die Stadt und das Wasser.

Von Martin Krumbholz

Cees Nooteboom ist ein Venedig-Kenner wie wenige andere. Das Buch versammelt Texte aus den letzten zwanzig Jahren, die die Stadt in der Lagune eindringlich erkunden.

Cees Nooteboom
Venedig. Der Löwe, die Stadt und das Wasser.

Mit farbigen Fotografien von Simone Sassen
Suhrkamp, Berlin 2019
240 Seiten
24 Euro

Cees Nooteboom: "Venedig. Der Löwe, die Stadt und das Wasser."

WDR 3 Buchrezension 15.05.2019 05:35 Min. WDR 3

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Buona sera, quasi tutti!

Die Aporien dieser wundersamen Stadt sind bekannt. Das Wasser ist nicht zu stoppen. 50.000 Einwohnern stehen 30 Millionen Touristen gegenüber. Und doch, man kann auch als Reisender in Venedig allein sein. Einmal sehen wir Cees Nooteboom vor einem Glas Wein und einer Schale Oliven in einer Bar sitzen, eindeutig der einzige Ausländer…

"… als ein fröhlicher Mann hereinkommt und mit strahlendem Lachen an niemanden im Besonderen gewandt ruft: Buona sera, quasi tutti! Mit mir sitzen sieben Menschen in dem kleinen, dunklen Raum zwischen den großen Weinfässern. „Quasi tutti“ heißt „fast jeder“. Wen will er also nicht grüßen? Ich habe keinen Komplex, aber bin ich sofort als Tourist erkannt worden?"

Er kniet sich förmlich in die Stadt hinein

Mimikry funktioniert nicht immer, Nooteboom ist und bleibt Teil der touristischen Masse, und doch ist der Schriftsteller, der die Stadt seit 50 Jahren besucht, das Gegenteil eines Massentouristen. Er kniet sich förmlich in die Stadt hinein, mit geradezu protestantischem Ehrgeiz, sucht die zahllosen katholischen Kirchen auf, erforscht eindringlich die Gemälde von Tizian, Tintoretto und Veronese, in denen er mehr entdeckt als jeder andere.

Cees Nooteboom

Cees Nooteboom

Nooteboom, darf man sagen, ist ein Venedig-Kenner par excellence. Übrigens ist er meistens im Winterhalbjahr dort, im März oder November. Er liest wie ein Einheimischer die lokale Presse, den "Gazzettino" mit den Wasserstandsmeldungen. Er liest überhaupt, stets hat er eine Reihe von Büchern im Gepäck, Reiseführer und anderes. Es ist ja bekannt, wie viele große Schriftsteller eine enge Beziehung zu Venedig hatten, Byron, Henry James, Proust, Kafka, Thomas Mann, Hemingway. Diese Tradition setzt Nooteboom mehr oder weniger ungebrochen fort: Die Schattenseiten, die Klimakatastrophe, die Touristenflut, werden eher marginal behandelt. Nooteboom sucht sich Nischen, um seine Liebe nicht zu beschädigen.

"Geräusche in Venedig sind anders als in allen anderen Städten, denn auch das Fehlen von Autos ist ein Geräusch, ein Geräusch in Form einer Stille, in der man andere Geräusche hört, wie auch jetzt: Schritte, eine Stimme, die vorbeigeht und beinahe im Rhythmus der Schritte spricht, jemand, der telefoniert, ein einzelner Satz schwirrt herein und ist schon wieder weg. Der Satz, der eigentlich in einen Roman gehört hätte, flimmert noch kurz nach…"

Venedig ist die Stadt des Außergewöhnlichen

Das notiert Nooteboom auf einem Bett in einem Appartement liegend, das er zum ersten Mal bewohnt. Venedig ist die Stadt des Außergewöhnlichen, aber auch das Alltägliche erscheint hier anders und außergewöhnlich. Die Intensität des Erlebens scheint auf wundersame Weise zu wachsen. Auf die Frage, warum er immer wieder zurückkehre und worin die Anziehungskraft der Stadt bestehe, findet der Schriftsteller auch nach X Besuchen nur zögernd eine Antwort.

"Woher rührt dieses seltsame Entzücken, das ich hier empfinde, schon seit jenem allerersten Mal im Jahr 1964? Alles ist von Menschen erbaut, und dennoch ist es, als sei die Stadt entstanden, habe sich selbst errichtet, habe vielleicht sogar die Menschen erdacht, die sie gebaut haben. Eine Wasserfläche, in die ein paar Flüsse münden, fast ein Sumpf, darin hie und da eine Insel, Menschen, die sich hierher geflüchtet und eine Stadt erbaut haben, die ihrerseits diesen Menschenschlag hervorgebracht hat, eine gegenseitige Erschaffung, durch die etwas entstanden ist, das es auf der Welt kein zweites Mal gibt."

Und, ach ja, die Gondel!

Gewiss, die Bilder großer Maler könnte man auch anderswo bewundern, aber selbst dies hat in der Serenissima einen eigenen Charme. Jedenfalls, wenn man sie so sieht und beschreibt, wie Nooteboom es tut, etwa angesichts der "Verkündigung Mariä" von Tintoretto:

"Das Besondere hier ist wie immer die Hauptperson, Maria. Was denkt man, wenn man ruhig dasitzt und liest […] und ein junger geflügelter Mann fliegt in rasantem Tempo horizontal durch dein stilles Zimmer? Wie soll er bremsen? […] Sie ist erschrocken, das sieht man deutlich. […] Was tut man, wenn ein fliegender Mann einem verkündet, dass man die Mutter Gottes wird?"

Und, ach ja, die Gondel! Mit der Gondel zu fahren, hat Nooteboom sich erst nach langem Zögern getraut.

"Wenn man nicht in einer Gondel gesessen hat, war man nicht in Venedig. Man kauft in Japan diese Reise inklusive Gondelfahrt. Aber war das der Grund für mich, es nicht zu tun? Durchnässte Chinesen im Regen, Amerikaner mit einer Flasche Prosecco?"

Angst vor dem Klischee ist manchmal hinderlich.

Unser Reisender überwindet sich und steigt eines Tages ein – es ist bereits der zehnte Besuch. Aber er bereut dieses Abenteuer nicht. Wenn eine Gondelfahrt kein touristisches Highlight, sondern nur ein aus dem Alltäglichen herausgehobenes festliches Ereignis ist, dann ist man angekommen. Wie der Engel der Verkündigung scheint auch Cees Nooteboom beflügelt vom Geist dieser majestätischen Stadt. Dass sie untergehen wird, ist zwar eine fast unabweisbare Tatsache, doch in Nootebooms Betrachtungen spielt sie eine untergeordnete Rolle. Das „seltsame Entzücken“ lässt Nachdenklichkeit zu, aber ernsthaft dämpfen lassen mag es sich nicht.

Stand: 12.05.2019, 14:50