"Silverview" von John Le Carré

Buchcover:  "Silverview" von John Le Carré

"Silverview" von John Le Carré

Von Ferdinand Quante

Der Meister des Agentenromans meldet sich noch einmal kraftvoll zu Wort. Die Geheimdienstgeschichte aus dem Nachlass ist John Le Carrés letzter Streifzug durch die brüchige Welt der Spione und zugleich ein Lobgesang auf die Liebe.

John Le Carré: Silverview
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Ullstein Verlag, Berlin 2021.
252 Seiten, 24 Euro.

"Silverview" von John Le Carré

Lesestoff – neue Bücher 19.10.2021 05:08 Min. Verfügbar bis 19.10.2022 WDR Online Von Ferdinand Quante


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Der Brief einer Sterbenden

Der Weckruf kommt von einer Sterbenden. Eine Geheimdienstmitarbeiterin hat ihre Tochter zu einem konspirativen Treffen geschickt. In einer Londoner Wohnung übergibt die junge Frau einen Brief ihrer todkranken Mutter an einen freundlichen, behutsam auftretenden Mann. Dass er dem britischen Geheimdienst angehört, ist zu vermuten; erst später erfährt man seinen Rang: Chef der Inlandssicherheit, Beiname: oberster Hexenjäger. Der Brief wird ihn zwingen, auf Hexenjagd zu gehen.

"An demselben Vormittag trat ein dreiunddreißigjähriger Buchhändler namens Julian Lawndsley in einem kleinen Küstenstädtchen an den äußeren Gestaden von East Anglia aus der Seitentür seines nagelneuen Geschäfts."

Ein undurchsichtiges Beziehungsgeflecht

Julian hat den Börsenmakler-Job in der Londoner City aufgegeben, um sich fortan der Kultur zu widmen. Kaum in dem entlegenen Dorf angekommen, taucht ein distinguierter älterer Herr in seinem Buchladen auf, macht kluge Vorschläge, welche Art von Literatur Julian führen sollte, und gibt sich glaubhaft als ein alter Freund seines verstorbenen Vaters aus.

Dieser Herr, Edward Avon heißt er, hat mit seinem Schöpfer John Le Carré eins gemein: Er beherrscht die Kunst, andere für sich einzunehmen. So wie der geheimnisvolle Avon auf elegante Weise das Vertrauen des jungen Buchhändlers gewinnt, füttert Le Carré gekonnt wie eh und je die Neugier des Lesers und zieht ihn in ein undurchsichtiges Beziehungsgeflecht, gesponnen aus melodisch fließenden Sätzen und dem altbekannten zynisch-witzigen Jargon der Geheimdienstleute, der auch Le Carrés letztem Roman die spezielle Würze gibt.

Was treibt Verräter eigentlich an?

Vordergründig handelt "Silverview" von Landesverrat, im Untergewebe der Geschichte pulsieren freilich zwei Fragen, die wichtiger sind als Großbritanniens Sicherheit und die ihr Kraftfeld in der zweiten Romanhälfte mächtig entfalten: Was zum Teufel treibt einen Verräter eigentlich an, und wie blicken die alten Hasen des Geheimdienstes auf ihr Agentenleben zurück.

Für die Sinnfrage hat Proctor aber erst mal keine Zeit. Er muss sich um den Verräter kümmern, einen ehemals erstklassigen Agenten mit vielfach gebrochenem Lebenslauf. Einer, der den Hexenjäger ins Grübeln bringt.

"Wer bist du? Du warst so viele verschiedene Personen, hast immer so getan, als wärst du noch ein ganz anderer. Wen finden wir da, wenn wir alle Schleier gelüftet haben? Oder warst du immer nur die Summe deiner Legenden? Und wenn das so war, wie hast du dann Jahr um Jahr eine lieblose Ehe ertragen, alles für eine größere Liebe, eine, die keine Chance hatte, gelebt zu werden?"

Angefressen von Selbstzweifeln

In John Le Carrés Romanen war geheimdienstliche Aufklärung immer auch Aufklärung in eigener Sache, ging es immer auch um Agenten, die in den Spiegel blicken mussten, angefressen von Selbstzweifeln und der Fragwürdigkeit der Politik, der sie dienten. In "Silverview" kratzt Le Carré ein letztes Mal und wunderbar eindringlich am Selbstbewusstsein einiger seiner Geheimdienstfiguren, die alles versuchen, sich vom Schmutz des Verrats aus den eigenen Reihen reinzuwaschen.

Der Buchhändler Julian Lawndsley fungiert dabei als stabile Achse der Normalität, um die sich dann unversehens die außer Kontrolle geratene Agentenwelt drehen wird. Edward Avon braucht den jungen Julian ebenso wie Stewart Proctor.

Das letzte starke Stück des Meisters

Angesichts des von Leidenschaft erfüllten Verräters, dessen Liebe keine Chance hatte, gelebt zu werden, erscheint Proctor das eigene Leben bald als blutleere Fassade, und was das Zusammenleben mit seiner Frau angeht:

"Manchmal war eine ganze Ehe nichts als eine Legende."

"Silverview" ist John Le Carrés finaler Streifzug durch eine zweifelhafte Agentenwelt und zugleich ein Lobgesang auf die Liebe, ein kraftvoller, geschmeidiger und oft witziger Roman. Am Ende legt man ihn freilich ein wenig traurig zur Seite, weil man weiß, dass er das endgültig letzte starke Stück des Meisters war.

Stand: 18.10.2021, 17:11