Buchcover: "Leben und Werk der Hetty Beauchamp" von J.L. Carr

"Leben und Werk der Hetty Beauchamp" von J.L. Carr

Stand: 24.05.2022, 07:00 Uhr

Ein vergnügliches Loblied auf die Kraft der Literatur: J.L. Carrs Coming-of Age-Roman "Leben und Werk der Hetty Beauchamp" bietet herrlich verschrobene Figuren und reichlich unterhaltsame Dialoge. Eine Rezension von Andrea Gerk.

J.L. Carr: Leben und Werk der Hetty Beauchamp
Aus dem Englischen übersetzt von Monika Köpfer.
Dumont Verlag, 2022.
240 Seiten, 22 Euro.

"Leben und Werk der Hetty Beauchamp" von J.L. Carr

Lesestoff – neue Bücher 24.05.2022 05:29 Min. Verfügbar bis 24.05.2023 WDR Online Von Andrea Gerk


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Die "Fens" sind eine Moor- und Marschlandschaft in Ostengland. Hier lebt Ende der 1980er Jahre die 18-jährige Hetty, die kurz vor dem Schulabschluss steht. Wie ihre Lehrerin Miss Braceburn liebt Hetty die Literatur und die beiden diskutieren ebenso engagiert über den englischen Dichter Robert Browning wie über die korrekte Verwendung von Adjektiven oder "das am meisten missbrauchte Satzzeichen, den Doppelpunkt:

"Browning ist nur etwas für starke, eigenwillige Menschen, für solche, die entschlossen sind, sich mit dem Leben auseinanderzusetzen. Und mit ihm!"

Also genau die richtige Lektüre für Hetty, denn eigenwillig ist die junge Frau zweifellos. Zumindest in den Augen ihrer kleinbürgerlichen Familie, insbesondere des cholerischen Vaters, der sie immer wieder in heftige Auseinandersetzungen verstrickt. Mr Birtwisle, der "zu Hause der Eine und Einzige" ist, sieht Hettys Zukunft in der Telefonzentrale der Bezirksverwaltung und selbstverständlich als treusorgende Ehefrau an irgendeinem heimischen Herd:

"Während ich mich auf den Nachhauseweg machte, hatte ich das unbestimmte Gefühl, dass das Leben doch mehr in petto haben musste, als fünfzig treue Ehejahre lang Nacht für Nacht in Männerarmen eingeschnürt zu werden, dreimal am Tag eine Mahlzeit aufzutischen und am nächsten Tag denselben Trott von vorn zu beginnen. Oder, falls ich eine Heirat einging, wie eine bebänderte Puppe mit großen Brüsten herumgereicht zu werden. Was für eine entsetzliche Lebensperspektive!"

Als Hetty, nach einem bühnenreifen heimischen Drama, auch noch erfährt, dass sie adoptiert worden ist, reißt sie von zu Hause aus und fährt nach Birmingham. Dank einer Zufallsbekanntschaft, die sie während der Bahnfahrt macht, kommt sie in der Pension der exzentrischen Rose Gilpin-Jones unter. Hier leben einige Dauergäste, die J.L.Carrs‘ Leser aus seinen anderen Romanen kennen werden. So taucht Miss Foxborrow wieder auf, die in Carrs Schulsatire „Die Lehren des Schuldirektors George Harpole“ eine junge, attraktive Reformpädagogin war. Inzwischen ist sie alt und schwerhörig und Hetty belauscht durch die Zimmertür, wie sie fiktive Dialoge mit ihrem offenbar zu Gewaltexzessen neigenden verstorbenen Gatten führt:

"Wie grausam Liebe doch ist!, sinnierte ich. Da würgt der eigene Mann einen fast jeden zweiten Tag, und trotzdem ist man gezwungen, ihn weiter zu lieben. Es war verrückt. Aber auch aufregend."

Zu dem bunt zusammengewürfelten Haufen in der Pension von Miss Gilpin-Jones, gehört auch Hettys betagter Zimmernachbar Mr Edward Peplow, der ihr hin und wieder Kümmelkuchen zum Tee serviert und ein Freund heimischer Dichter ist. Nachts hört Hetty durch die dünnen Wände, wie er deren Werke rezitiert, um sich von den Schmerzen in seinen Beinen abzulenken:

"Obwohl er beim Gehen leicht schwankte und nicht mehr viele Haare auf dem Kopf hatte, schien er innerlich stets im Gleichgewicht zu sein, und das faszinierte mich. Es war, als hätte er Rudyard Kiplings If … verinnerlicht und fände sich in der Tat mit Erfolgen und Niederlagen gleichermaßen ab. Sowohl mit seiner Haltung als auch im Gespräch drückte er die unerschütterlichste Überzeugung aus, dass höchstwahrscheinlich nichts Schlimmeres mehr passieren konnte, als ohnehin bereits passiert war."

Von all den skurrilen Figuren, die durch J.L.Carrs amüsanten Coming of Age Roman geistern, ist dieser alte Mann mit dem schütteren Haar, der so sanftmütig das Ende seines Lebens herbeisehnt, die berührendste Erscheinung. Wobei in all den unterhaltsamen, screwball-comedy-artigen Dialogen und Szenen dieses Autors immer auch eine existentielle Tiefe durchdringt. Schließlicht geht es für Hetty – und ihre Leser – im Grunde um die Frage, worum es im Leben wirklich gehen sollte. Kein Wunder, dass der Autor seiner Heldin einen Weg in Richtung Cambridge ebnet. Denn vermutlich kann für einen homme de lettre wie J.L. Carr, der seine acht Romane in seinem eigenen Verlag herausbrachte, ein Leben nur dann als gelungen betrachtet werden, wenn es von den richtigen Büchern begleitet wird. „Leben und Werk der Hetty Beauchamp“ ist ein unterhaltsames, sehr literarisches und typisch britisches Schelmenstück– voller herrlich verschrobener Figuren und brillant komponierter Dialoge.