Roberto Camurri - Der Name seiner Mutter

Buchcover: "Der Name seiner Mutter" von Roberto Camurri

Roberto Camurri - Der Name seiner Mutter

Von Katja Lückert

Auch Roberto Camurris zweiter Roman spielt in Fabbrico, einem Städtchen in der weiten Ebene der Emilia-Romagna. Hier verliert ein Mann seine Frau, ein Sohn seine Mutter. Ein faszinierendes Soziogramm, dass uns auf unsere Ängste zurückwirft.

Roberto Camurri: Der Name seiner Mutter
Aus dem Italienischen von Maja Pflug.
Kunstmann Verlag, München 2021.
206 Seiten, 20 Euro.

Roberto Camurri: "Der Name seiner Mutter"

WDR 3 Buchkritik 17.03.2021 05:09 Min. Verfügbar bis 17.03.2022 WDR 3


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Pietro und sein Vater werden von der Mutter verlassen

Pietro lebt mit seinem Vater Ettore in Fabbrico, einem kleinen 5000-Seelen-Städtchen in der Emilia-Romagna, das eigentlich nur für seine Traktorenfabrik bekannt ist. Pietros Mutter hat die Familie kurz nach seiner Geburt verlassen und er wird nie genau erfahren, warum.

Sein Vater kümmert sich um ihn mit Hilfe seiner Schwiegereltern, die ihr Enkelkind vergöttern. Doch das Leben von Vater und Sohn ist jeden Tag bedroht. Pietro ist noch ein Kleinkind, als er sich im Garten der Großeltern an einem Kirschkern verschluckt. Die zupackende Großmutter rettet ihn vor dem Ersticken.

"In der reglosen Luft des Nachmittags hält Ester das Kind am Fußgelenk und schüttelt es mit aller Kraft, Ettore, der es nicht schafft aufzustehen, greift sich an den Kopf, krallt die Hände in die Haare und schaut, nur schauen kann er und hat keine Zeit zu hoffen, denn vor seinen Augen spuckt sein Sohn etwas aus, das im Bogen zu Boden fällt, und dann lacht Ester, dreht das Kind um, drückt es ans Herz und streichelt es, und Ettore, vielleicht aufgerüttelt von dem Ton, den das Etwas beim Aufkommen gemacht hat, erhebt sich, nimmt der Schwiegermutter sein Kind ab und presst es an sich."

Welche Leerstelle hinterlässt die Mutter?

Möglicherweise haben Ettores Starre, sein Schweigen, seine gefühlsmäßige Reglosigkeit, etwas mit dem Verschwinden seiner Frau zu tun. Oder war es eine postnatale Depression, die sie dazu gebracht hat, noch im ersten Lebensjahr ihres Kindes den Mann zu verlassen? Die Sache wird zum Tabu in der Familie. Anna, diesen Namen erfährt der Leser erst auf der letzten Seite, fehlt allen schmerzlich, aber niemand spricht über sie.

Vater, Mutter, Kind, die heilige Familie, das primäre Dreieck, das kleinste Soziogramm. Was passiert, wenn die Frau zwischen den beiden Männern fehlt? Die Person, die oft für das soziale Fluidum sorgt, die übersetzt zwischen dem Vater und dem Kind, welche beide ja letztlich nur eine Beziehung zueinander haben, weil es sie gibt. Was also passiert, wenn diese Frau eines Tages einfach verschwindet, welche Leerstelle hinterlässt sie? Um dieses Thema herum hat Roberto Camurri seinen zweiten Roman konstruiert.

Zwölf dicht erzälte Kapitel, die mehr andeuten als sie entfalten

Er kehrt zurück nach Fabbrico, dem Ort seiner Kindheit in der norditalienischen Poebene. Hier scheint die Zeit still zu stehen. Immer noch arbeitet Bice in der Bar und empfängt ihre Kunden, wie schon im ersten Roman von Camurri. Hier kennt man sich, hier weiß man, wie es ist, ein Kind ohne "La Mamma" aufzuziehen, allzumal in einer traditionell maskulinen Gesellschaft wie der Italienischen, in der die Söhne auch heute noch von ihren Müttern verwöhnt werden.

Die zwölf Kapitel des mit zweihundert Seiten recht kurzen und doch sehr dicht erzählten Romans, zeigen Pietro als Kind und jungen Erwachsenen, bis zu dem Zeitpunkt, als er mit seiner Freundin Miriam selbst ein Kind hat. Die einzelnen Kapitel enden jeweils in einer Art Mini-Klimax wie Geschichten, die etwas andeuten, aber niemals ausfalten. So zeigt Pietros Großvater ihm eines Tages ein Foto von seiner Mutter.

"Pietro hebt den Blick, als suche er nach etwas, nach jemandem, es ist, als suche er in der Vitrine der Bar, zwischen den ausgestellten Hefeteilchen, den Brötchen, den Stücken von Mangoldkuchen, den Tramezzini, als suche er zwischen den Tischbeinen, auf dem falschen Marmorfußboden, zwischen den Stühlen und Kleiderständern neben der Türe, als suche er draußen vor dem Fenster neben ihnen, es ist, als suche er und fände nichts, als er wieder seinen Großvater anschaut und nach einem letzten Blick auf das Foto, auf seine Mutter, die ihn im Arm hält, fragt, was bedeutet Hure?"

Ein Hund bringt Vater und Sohn näher zusammen

Hat das Wort Hure etwas mit Anna zu tun? Es wird fortan nicht mehr erwähnt und es gibt keine Antwort auf diese Frage, weder für Pietro noch für die Leserinnen und Leser. Eines Tages schafft Ettore einen Hund an, "Briciola", "Krümel" genannt, und jetzt können Vater und Sohn zum ersten Mal miteinander sprechen. Sie haben ein Thema, über das sie reden können. Über die Hündin unterhalten sich noch in späteren Jahren, als Pietro längst ein junger Mann ist. Es ist ihre Möglichkeit über den eigenen Verlust zu sprechen.

"Keiner von beiden bewegt die Hände oder die Füße, keiner verändert seine Haltung. Erschlagen von so viel Nähe sitzen sie einfach da, Vater und Sohn, in einer Ruhe, die Pietro nicht seltsam vorkommt, die Stille gibt ihm sogar die Kraft, sie mit einer Frage zu unterbrechen. Meinst du, fragt er, Briciola hat die Trennung von ihrer Mutter jemals verwunden?"

Ein soghafter Roman über das Konzept von Familie

Pietro hat offensichtlich Schwierigkeiten sich zu binden. Er ist mit Miriam zusammen, doch in der Nacht als er selbst Vater wird, schläft er noch einmal mit seiner Jugendliebe Gaia. Vater und Sohn kommen sich am Ende näher. Miriam und Pietro ziehen zu Ettore ins Haus, sie bilden wieder eine Familie.

Für das Kind, das jetzt in diese Gemeinschaft geboren wird, könnte wieder alles gut werden. Vielleicht auch deshalb, weil sich Pietro entschlossen hat, nicht weiter Symptomträger zu bleiben, den Verlust seiner Mutter nicht für alle Zeit lebensbestimmend werden zu lassen. Ein Roman mit großer Sogwirkung, der das Konzept Familie zugleich zerlegt und heilt. 

Stand: 14.03.2021, 13:08