Robert Byron - Der Berg Athos. Reise nach Griechenland

Cover des Buches "Der Berg Athos" von Robert Byron.

Robert Byron - Der Berg Athos. Reise nach Griechenland

Von Herrmann Wallmann

Sich selig vor der Welt verschließen: Robert Byrons Reisebericht über den Heiligen Berg Athos bewahrt die Epiphanien der Landschaft und der oströmischen Kirche.

Robert Byron: "Der Berg Athos. Reise nach Griechenland." WDR 3 Buchkritik 07.08.2020 05:33 Min. Verfügbar bis 07.08.2021 WDR 3

Sich selig vor der Welt verschließen: Robert Byrons Reisebericht über den Heiligen Berg Athos bewahrt die Epiphanien der Landschaft und der oströmischen Kirche. Eine Rezension von Hermann Wallmann.

Robert Byron: Der Berg Athos. Reise nach Griechenland
Übersetzt von Niklas Hoffmann-Walbeck
Die Andere Bibliothek, Berlin 2020
408 Seiten, 44 Euro

Wieland Freund stellt Byron in eine Reihe von Autoren, die auch hierzulande populär geworden sind und sich in Zeiten wie diesen zur Lektüre und Wiederlektüre empfehlen. Sollte es Reiseschriftsteller geben, die Reiseschriftsteller machen, sagt Wieland Freund, dann sei Byron der „mächtigste von ihnen“ gewesen: 

"Am Ende seines Lebens träumte Bruce Chatwin davon, als mittelloser Mönch auf den Berg Athos zu ziehen; als Patrick Leigh Fermor dort ankam, hatte er nur einen Mantel und ein Buch dabei. Robert Byron, der beide verzaubert hat, reiste 1927 mit einem Saffianlederkoffer an. Bruce Chatwin wollte ein Nomade sein, Patrick Leigh Fermor ist ein Abenteurer gewesen. Robert Byron stellt man sich am besten als Ästheten auf Abwegen vor, als Architektur-kritiker, der auf dem Weg zum Gebäude seiner Wahl notfalls auch im Graben schläft, doch mit dem gestrengen Blick eines Kunstrichters aufwacht und, kaum dass der helle Tag begonnen hat, über die sich öffnende Landschaft richtet."

 Robert Byron ist nicht nur ein Beobachter und „Beschreiber“, sondern immer auch jemand, der sich beim Schauen und Schreiben über die Schulter guckt, zugleich ablenkbar und konzentriert. Ein interdisziplinierter Lebenskünstler, der in der Hingabe an Auge und Augenblick die Arbeitsteilung zwischen Historiographie und Archäologie, Mythologie und Kunsthistorie rückgängig macht.

"Es scheint, dass es nur noch wenige gibt, die den Geist der Landschaft und die unbewussten Details, die ihn hervorbringen, verstehen: die Bäume und Hecken, die am blauen Horizont in den endlosen Wald übergehen, das Pfeifen einer Eisenbahn im Wind, Wolkenschatten, die schräg über die Felder eilen, Reiter auf einer Hügelkuppe mit nur einem Buchenhain und ein paar prähistorischen Steinklumpen zwischen ihnen und dem weiten Himmel.
Die Fähigkeit, diese Dinge und das Glück, das sie spenden, wahrzunehmen, schwindet zusehends."

Diese impressionistische Ästhetik prägt nicht nur die empfindsame Reise Byrons von England nach Griechenland, sondern auch seine Wahrnehmungen und Sondierungen am Ziel dieser Reise: die Klosterrepublik auf dem Berg Athos. Byron hat nicht nur einen Sinn für die byzantinischen Oberflächen, für all die ikonischen und architektonischen „Kunstschätze“, die auf Athos überall sichtbar und auch noch in „Gebrauch“ sind. Der „vielgewanderte“ Autor hat auch einen aufmerksamen, wissbegierigen  Verstand für die byzantinische Mystik.  So entsteht eine funkelnde, immer auch mal (selbst-)ironische  Spannung zwischen dem Rationalismus des Zeitalters, dessen Kind ja Byron auch ist, und der Tiefe der Jahrhunderte, in die er erschütterbar blickt. Religionshistorisch führt Robert Byron den Unterschied zwischen der byzantinischen Kirche und ihrem Gegenpart im lateinischen Westen auf eine Entwicklung zurück, die bereits im Mittelalter begonnen habe.   

"Im Westen gingen die Wege der Menschen auseinander. Entweder gingen sie ins Kloster, um sich dort mit jeder Faser ihres Seins der Religion zu widmen. Oder sie überließen in jenen schweren Zeiten, in der die Menschen selten älter als vierzig wurden, die Sorge um ihr Seelenheil dem übergroßen und effizienten Stellvertreter, der römischen Kirche. Im Osten hingegen gab es keine solche Maschinerie. Welt und Kirche waren eins, untrennbar miteinander verwoben drängten sie in die gleiche Richtung. Männer und Frauen widmeten sich Gott so, wie man heute Anmeldeformulare im Hotel ausfüllt. Die ganze byzantinische Welt war ein Kloster, und ihre Abteien waren daher nicht ausgelagert, sondern ein Teil dieser Welt."

Ohne dass es aufdringlich wirkte, will Robert Byron alles – und noch viel mehr. Wieland Freund berichtet in seinem Nachwort von Auseinandersetzungen, die Byron mit seinen Verlegern gehabt habe. Diese erwarteten witzige Reiseprosa, aber nicht noch Kulturtheorie, und Kunstkritik, und Byzantinistik. Bei Byron aber ist es so, dass sein Sensualismus seine Reflexivität autorisiert – und umgekehrt. Landschaft und Architektur, Malerei und Manuskript, Begegnung und Reliquie, Mensa und Mosaik – alles dies macht für ihn den Heiligen Berg zu einem vitalen Denkmal. Rainer Maria Rilke hat mal gesagt: „Alle Dinge, an die ich mich gebe / werden reich und geben mich aus.“ Ähnlich muss es auch Robert Byron auf dem Berg der Berge empfunden haben:        

"Wir schwebten eineinviertel Meilen über der Erde und hätten, wenn wir wollten, den Arm ausstrecken, am Himmel zupfen und ein Stück Blau in der Hand verschwinden lassen können. Der weite, unermessliche Raum lag nun vor uns, und er war von einer interessanten, unerwarteten Beschaffenheit. Sein Umfang war geschrumpft. Um uns herum war der Horizont aus Land und Meer auf drei Viertel des Sichtfeldes gestiegen und hatte dadurch einen ganz neuen Charakter angenommen, wie wenn ein Gesicht, das man nur aus dem Profil kennt, sich einem plötzlich zuwendet."

Stand: 08.08.2020, 10:39