Rumena Buzarovska - Mein Mann

Buchcover: "Mein Mann" von Rumena Buzarovska

Rumena Buzarovska - Mein Mann

Von Terrance Albrecht

In elf Stories erzählt die nordmazedonische Schriftstellerin Rumena Buzarovska grotesk absurd wirkende Ehe- und Ehebruchgeschichten. Ehepartner, die sich gegenseitig ins Abseits treiben und doch nicht ohne einander sein können.

Rumena Buzarovska: Mein Mann
Aus dem Mazedonischen von Benjamin Langer.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2021.
175 Seiten, 22 Euro.

Rumena Buzarovska - Mein Mann

WDR 3 Buchkritik 21.04.2021 04:50 Min. Verfügbar bis 21.04.2022 WDR 3


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Elf Frauen - Elf Geschichten

"Frauen – Die Polinnen seien berechnend, die Amerikanerinnen stolz, die Mazedonierinnen die besten und die Montenegrinerinnen die schlechtesten Ehefrauen."

Weiß ein mazedonischer Ehemann in Rumena Buzarovskas Erzählungsband "Mein Mann" zu berichten. Eine Ausnahme, denn Männer kommen hier eher selten zu Wort. Vielmehr erzählen in den elf Stories Frauen, deren Leben, so scheint es, auf das Mutter und Ehefrauendasein reduziert ist. Der Blick der Erzählerinnen ist  gnadenlos urteilend - auch gegen sich selbst. Die Ehefrau ist meist der Typ unzufriedene Gattin. Der Mann schwach, aber Macho, wie in der Eingangserzählung "Mein Mann, der Dichter".

"Ich habe Goran auf einem Poesiefestival kennengelernt. Sein Haar wurde schon damals langsam grau. Jetzt ist es fast weiß. Er hofft, glaube ich, dass das zu seinem 'neuen Sex-Appeal' beiträgt, wie er mal gesagt hat. Eigentlich wollte ich ihn fragen, ob auch sein schütteres Haar und sein wächserner Skalp zu seinem 'neuen Sex-Appeal' beitragen."

 Ehebrecher und Oberflächlichkeiten

Zu Beginn ihrer Beziehung haben Gorans Gedichte bei seiner Frau große Wirkung gehabt, vor allem wenn sie miteinander schliefen.

"Danach flüsterte er mir Verse ins Ohr, während wir außer Atem und verschwitzt dalagen. Die Verse handelten immer von Blumen – von Orchideen, weil sie ihn 'an Mösen' erinnerten –, von südlichen Winden und von Meeren. Er erwähnte auch exotische Gewürze wie Zimt und Stoffe wie Samt."

Die Männer sind zumeist Ehebrecher, manche behandeln ihre Frauen wie eine Dienstmagd. Die Frauen wiederum proben nicht den Aufstand, sie sind in der Regel nur auf ihr Äußeres bedacht: High Heels, Schminke, Maniküre und Pediküre gehören zu ihrem alltäglichen Erscheinungsbild. Frauen mit Ende 30 beurteilen sie hart: der Lack ist ab.

Buzarovska führt überholte Rollenbilder vor

In Nordmazedonien sind Rumena Buzarovskas Geschichten sehr erfolgreich. Sie führt nicht nur die zum Scheitern verurteilten archaischen Rollenmuster ihrer Generation in der Ehe vor, sie porträtiert auch Frauen, die seit der Geburt ihres Kindes in einem Dauerzustand der Erschöpfung leben. Die Männer wiederum schauen ab und zu zuhause vorbei und schwelgen im Glückszustand beim Anblick ihrer Kinder, wie in der Erzählung "Vater". Das Urteil der Mutter fällt da wesentlich nüchterner aus.

"'Schau nur, wie süß er ist', wiederholte mein Mann hartnäckig. Er brachte ihn mir immer, wenn ich auf der Couch lag, und legte ihn mir in den Schoß. 'Super süß ist er', sagte er dann. Luka war ein fettes Baby, kompakt wie eine Kanonenkugel, wahrscheinlich von all der Milch, die er aus mir heraussaugte. Ich hielt ihn nur selten, aber selbst von diesen wenigen Momenten wurden meine Arme dick und muskelbepackt wie die eines Bodybuilders."

Aus dem eigenen Leben ausbrechen wollen

Der Blick der Frauen auf ihr Leben in "Mein Mann" ist reduziert. Die Lebensdiktion lautet: Familie-Kind-Vater/Mann. Rumena Buzarovska deckt ihre Vereinzelung, die Einsamkeit in der Kleinfamilie schonungslos auf. Das wirkt umso drastischer in der nordmazedonischen Gesellschaft, wo noch vor einer Generation die Großfamilie das bestimmende Muster war.

Ein verbindendes Grundbedürfnis der Erzählerinnen dieser elf Stories ist das Ausbrechen wollen aus den beengenden Zuständen, das Fremdgehen und die eigene Attraktivität unter Beweis stellen. Dieser Ausbruch aus den alten Rollenmustern gelingt aber nur selten.

Starke und schwache Geschichten

Nicht jede Erzählung ist gelungen. Manchmal wirkt das Erzählmuster retardierend und schablonenhaft. Erzählungen wie "Lile", wo der Verlust eines kleinen Kindes im Vordergrund steht, hingegen sind herzzerreißend, dicht und durchaus auch lakonisch. Und eine Story wie "Gene", wo der Vater irrtümlich das angebliche Fehlverhalten seines Sohnes auf dessen genetische Veranlagung zurückzuführt, wirft ein Schlaglicht auf die gemischte Ethnizität eines so jungen Staates wie Mazedonien und dessen nationalen Behauptungswillen.

 Ein emanzipatorischer Lichtstrahl

So sehr die erzählenden Frauen zur Anpassung an tradierte Rollenmuster neigen, fällt doch schon mal ein emanzipatorischer Lichtstrahl auf ein Leben in dieser Tristesse. In "8. März" kommt es zu einem Aufstand in einem Restaurant. Vollzogen nicht von der Ehefrau, sondern ihrer Freundin Irena, die zeigt, was auch für die Ehefrau möglich wäre. 

"Die Rechnung übernahmen unsere Kollegen vom starken Geschlecht. Woraus Irena dann einen Skandal machte. Chauvinistisch sei das, regte sie sich auf und warf Geld auf den Tisch, um den Schnaps zu bezahlen, den sie getrunken hatte, mehr als eine ganze Karaffe. Auf diese Weise sorgten wir nämlich angeblich dafür, dass die Frauen noch mehr unterdrückt würden. Einen Tag lang werde ihnen Aufmerksamkeit geschenkt, würden ihnen Getränke bezahlt und Blumen überreicht, und für den Rest der Zeit seien sie Sklavinnen."

Stand: 19.04.2021, 15:16