Günter de Bruyn - Der neunzigste Geburtstag. Ein ländliches Idyll.

Günter de Bruyn, Der neunzigste Geburtstag. Ein ländliches Idyll.

Günter de Bruyn - Der neunzigste Geburtstag. Ein ländliches Idyll.

Günter de Bruyn hat ein mildes und versöhnliches Alterswerk vorgelegt, der Titel: "Der neunzigste Geburtstag. Ein ländliches Idyll". Diese Stimme aus dem Osten passt in unsere Zeit, sie ist besorgt und auch wütend.

Günter de Bruyn
Der neunzigste Geburtstag. Ein ländliches Idyll.

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018
270 Seiten
22 Euro

Ein literarisches Testament

Günter de Bruyn ist der große Schweigsame der deutschen Literatur. Der 92-Jährige Schriftsteller lebt wohl immer noch auf dem Lande im Brandenburgischen, südlich von Berlin, weitgehend im Verborgenen in der Stille, abgeschirmt vom Lärm des Literaturbetriebs. Nun hat er so etwas wie sein literarisches Testament vorgelegt, und es ist - nach über dreißig Jahren - wieder ein fiktiver Stoff. „Der neunzigste Geburtstag“, lautet der Roman, „Ein ländliches Idyll“, so der Untertitel.

"Damals im kleineren Teil Deutschlands sitzend, dachte Leo wehmütig, ist uns der größere als das Bessere oder auch nur als das geringere Übel erschienen, weil das dortige Leben im Gegensatz zu dem uns aufgezwungenen zu stehen schien. Dass wir das heute anders empfinden, ist sicher auch damaligen Illusionen geschuldet, mehr aber wohl einer Entwicklung, die aus den zusammengewachsenen Teilen ein Ganzes formte, das mit Erbteilen beider Seiten belastet ist."

Deutsch-deutsche Geschichte und Gegenwart

Wir befinden uns im Sommer 2015, dem Jahr, in dem die Bundeskanzlerin die Parole ausgab: „Wir schaffen das!“ Das Unbehagen im Land nimmt zu. Wir blicken in ein Mehrgenerationenhaus auf dem Lande, im Südosten Brandenburgs, mit der bald 90-Jährigen Hedwig, ihrem wenig jüngeren Bruder Leonhardt, seiner Tochter Wilhelmine und dem Enkel Walter sowie der Adoptivtochter Fatima. Die Alten, die Einheimischen, fühlen sich immer noch unwohl vor den Westlern, die gewohnt sind und dazu verdonnert, selbstsicher aufzutreten und mit ihrer Besserwisserei und Borniertheit alles madig machen, was sie im (fremden) Osten vorfinden.

"Alles war sauberer, moderner, vielleicht auch schöner geworden. Hedwig aber war es fremd geworden, als habe sie zu lange gelebt."

Worauf der Bruder Leo ihr entgegnet:

"Was du beklagst, ist dein vielgepriesener Fortschritt, der für die menschliche Lebensspanne viel zu schnell geworden ist. Sich dem anzupassen ist nur ausgeprägten Mitläufertypen möglich. Anständig alt zu werden heißt, sich treu zu bleiben, also nicht mit der Hammelherde mitzugehen."

"Willkommenskultur"

Günter de Bruyn

Günter de Bruyn (2007)

Dafür aber immer mehr auf einsamem Posten zu stehen. Als die "Willkommenskultur" für die Flüchtlinge verkündet wird, sind viele zunächst Feuer und Flamme. Doch als aus dem Projekt einer Flüchtlingsunterkunft in der umgebauten Reithalle nichts wird, stattdessen aber ein Luxusresort für begüterte Touristen entsteht, ist der Elan längst erloschen.

Volkes Stimme wehrt sich gegen die Geschäftemacher, Besserwessis und Moralapostel.

"Ich habe nichts gegen Ausländer, aber in Ruhe lassen sollen sie uns. Mein Verflossener, ich meine den zweiten, den Versoffenen, der hat immer gesagt: Wenn ich meinen Nachbarn krankenhausreif schlage, kräht kein Hahn danach, wenn ich aber einen Kanaken nur so nenne, lochen sie mir gleich ein."

Ein kulturgeschichtliches Werk

Günter de Bruyn wird gerühmt für seine kulturgeschichtlichen Bücher über Brandenburg und Preußen, seine Heimat also. Vor Jahren umriss der Schriftsteller sein literarisches Programm in einem seiner raren Interviews:

"Für mich ist es immer notwendig, um irgendwo heimisch zu sein, dass ich nicht nur weiß, wie das ringsum aussieht, sondern auch, wie es geworden ist. Das hab ich schon immer in meinem Leben das Bedürfnis gehabt, das Geschichtliche zu erkunden von dem, worin ich mich bewege."

Naturlandschaften und Wehmut

Wer de Bruyns "Abseits" von 2005 kennt, seine "Liebeserklärung an eine Landschaft", so der Untertitel, wird hier rasch heimisch werden in den Landschafts- und Ortsbeschreibungen. De Bruyn hat tatsächlich wieder seine nahe Umgebung im südöstlichen Brandenburg beschrieben. Das Thema aber, das die Nation seit ein paar Jahren spaltet, zeichnet de Bruyn eher in Pastelltönen. Gewalt taucht in seinen Bildern einer Landschaft nicht auf. Der Schriftsteller drückt seine Wehmut über kulturelle Verluste und die verfliegende Zeit im Alter aus; er lässt über das Verschwinden der Lesekultur sprechen; er beklagt die Verluderung und Gleichschaltung in der Sprache (und im Denken). Ein Happy-End kommt für de Bruyn nicht in Frage – sieht man einmal von den Beschreibungen einer unberührten Naturlandschaft ab.

"Das Gelb des Johanniskrauts, das Anfang des Monats hier vorgeherrscht hatte, war von dem Hellblau der Wegwarte und dem Dunkelblau des borstigen Natternkopfes abgelöst worden, die weißen Blütendolden der Schafgarbe schwankten an ihren hohen Stielen, und vereinzelt leuchtete auch noch eine verspätete Blüte des Klatschmohns zwischen den verholzten Stängeln des Beifußes auf."

Eine gegenwärtige Zustandsbeschreibung

Günter de Bruyn hat ein mildes und versöhnliches, ein melancholisches Alterswerk vorgelegt. Es ist seelenruhig formuliert und sorgfältig konstruiert. Letztlich streift der Schriftsteller die Probleme der Gegenwart nur, er lässt sie am Ende auslaufen. De Bruyn wirbt um Verständigung und Verständnis zwischen den Generationen und unterschiedlichsten Biographien, er wirbt um Versöhnung einer zerstrittenen Nation, und er hat damit eine ganz gegenwärtige Zustandsbeschreibung der Republik vorgelegt. Diese Stimme aus dem Osten passt in unsere Zeit, sie ist besorgt und auch wütend, doch wer genau liest, wird die Zwischentöne wahrnehmen.

Stand: 27.10.2018, 19:00