Hörbuchcover: "Zusammenkunft" von Natasha Brown

"Zusammenkunft" von Natasha Brown

Stand: 06.03.2022, 14:23 Uhr

Natasha Brown lässt eine erfolgreiche Schwarze Frau in der Britischen Hochfinanz auf nur 113 Seiten über ein jahrhundertealtes Erbe philosophieren. Konzentriert, krass und klug. Eine Rezension von Corinne Orlowski.

Natasha Brown: Zusammenkunft
Aus dem Englischen von Jackie Thomae.
Der Audioverlag, 2022.
2 CDs, 20 Euro.

"Zusammenkunft" von Natasha Brown

Lesestoff – neue Bücher 10.03.2022 05:17 Min. Verfügbar bis 10.03.2023 WDR Online Von Corinne Orlowski


Download

Sie hat es geschafft: bis ganz nach oben. Mit harter Arbeit und Durchhaltevermögen. Mittlerweile hat sie ihr eigenes Apartment im georgianischen Townhouse und einen Job in der Londoner Hochfinanz. In ihrer Bank ist sie das Aushängeschild für Diversität und hält Vorträge vor Schul-klassen. Deren Motto: Ja, auch du kannst es schaffen. Doch spätestens seit ihrer Krebsdiagnose und der Einladung zur Gartenparty der wohlsituierten Eltern ihres Freundes kommt sie ins Grübeln.

„Generationen der Aufopferung; harte Arbeit, noch härteres Leben. So viel aufgegeben – für diese Chance. Für mein Leben. Und ich habe es versucht, habe versucht dem gerecht zu werden. Aber nach Jahren des Abmühens, des Ankämpfens gegen die Strömung, bin ich so weit, meine Arme sinken zu lassen. Ich bin erschöpft. Vielleicht ist es Zeit, diese Geschichte zu beenden.“

Die namenlose Protagonistin aus Natasha Browns Debütroman „Zusammenkunft“ schaut sich ihre Welt an und führt sich vor Augen, welchen Aggressionen und Demütigungen sie da tagtäglich ausgesetzt ist. Sie will sich nicht länger dem reduzierenden Blick der Weißen aussetzen.

Auch wenn sie von der Familie ihres Freundes auf der Gartenparty herzlich aufgenommen wird, die Unterschiede scheinen zu offensichtlich, strukturell unüberwindbar.

„Es ist eine Fiktionalisierung dessen, was ich bin, aber indem ich die Rolle annehme, wird diese Fiktion zur Wahrheit. Meine Gedanken, meine Ideen – ja, meine Identität – können nur als Reaktion auf die Worte und Taten der Partygäste existieren. Sie artikulieren sich entlang ihrer Außenlinien. Verstärken damit beides – ihre Individualität als auch deren zentrale Stellung innerhalb meiner. Wie können sie sich sonst sicher sein, wer sie sind und was nicht? Abgrenzung erfordert einen scharfen, schwarzen Umriss.“

Natasha Brown hat für ihren Roman eine kunstvolle Form gefunden. Fragmentarisch, verdichtet und klar, fast filmisch flimmern kurze Szenen an den Hörenden vorbei. Dabei wechselt der Roman zwischen der Handlungsebene – auf der nicht viel passiert, außer einer Beförderung und der Weg hin zur titelgebenden Zusammenkunft – sowie ihren Reflexionen und Einordnungen des jahrhundertealten Erbes von Sexismus, Machtmissbrauch, Klassismus und Kolonialismus. Manche Passagen kommen wie essayistische Exkurse daher, so prägnant argumentiert die Erzählerin.

„Man hat ihnen beigebracht, unsere Körper (uns) als Objekte zu betrachten. Sie lernen die Unterscheidung Industriestaaten / Entwicklungsländer als Geografie, unwiderlegbar wie Berge, Ozeane und andere Naturphänomene. Ohne Warums und Weshalbs, oder die skrupellosen, über die Weltkarte schießenden Pfeile des europäischen Imperialismus. Seine wichtigste Grundlage: die namenlosen, gesichtslosen, nichtidentifizierbaren (schwarzen) Körper, ausgestellt, zusammengepfercht und angekettet, Seite an Seite, Kopf an Fuß, im Bauch eines illustrierten Schiffs.“

Das Hörbuch liest die versierte Sprecherin Benita Sarah Bailey. Bailey, die schon Olivia Wenzels „1000 Serpentinen Angst“ aufgenommen hat, schafft es hier leider nicht ganz, den virtuos lakonisch von Jackie Thomae ins Deutsche übertragenen Text zu ihrem eigenen zu machen. Die oft geschnittenen Aufnahmen vermitteln gar den Eindruck, die Sprecherin halte die Strecke nicht. Es wirkt zuweilen als lese sie diesen so eindrücklichen, rasanten Text mit angezogener Handbremse, – dabei lädt dieser in seiner fragmentarischen, direkten Form ja gerade dazu ein, inszeniert zu werden.

Doch auch wenn die Lesung mehr Tempo vertragen könnte, in nur 2,5 Stunden verschlingt man dieses so kluge und konzentrierte Werk.