"Barbara stirbt nicht" von Alina Bronsky

Buchcover: "Barbara stirbt nicht" von Alina Bronsky

"Barbara stirbt nicht" von Alina Bronsky

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Für Herrn Schmidt ist die Welt in Ordnung. Bis seine Frau einen Schlaganfall erleidet. "Barbara stirbt nicht", sagt er bockig, ändert für sie sein Leben - und es ist überaus vergnüglich, ihn dabei zu begleiten.

Alina Bronsky: Barbara stirbt nicht.
Kiepenheuer & Witsch, 2021.
256 Seiten, 20 Euro.

Alina Bronsky: Barbara stirbt nicht

WDR 3 Buchkritik 13.10.2021 05:22 Min. Verfügbar bis 13.10.2022 WDR 3


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Ein Morgen ohne Kaffeeduft

Was ist bloß in Barbara gefahren! Kein Kaffeeduft, keine frischen Brötchen auf dem Tisch, alles nicht wie sonst! Sie liegt auch nicht neben ihm im Bett. Herr Schmidt ist empört. Und geht auf die Suche.

"Eine ungewohnte Stolperfalle ragte aus der halb offenen Badezimmertür. Herr Schmidt näherte sich, erkannte Barbaras Fuß, dann auch den Rest. Sie lag auf den Fliesen und schaute ihm aus einem Auge entgegen, während sich das andere mit Verzögerung und auch dann nicht komplett öffnete. 'Walter', sagte sie. 'Gib mir mal die Hand.'"

In ungewohntem Revier

Also wenigstens nicht tot. Herr Schmidt hievt seine Frau mühsam ins Bett zurück und weiß genau, was ihr fehlt. Nein, kein Arzt – etwas zu essen. Erst mal Frühstück. Nur – wie macht man das? Die Küche ist immer Barbaras Revier gewesen, er kennt sich da nicht aus. Also zum Bäcker, Brötchen holen und einen unverschämt teuren Kaffee im Pappbecher. Als er ihn hochbringt, sieht er die blutverkrustete Wunde an der Schläfe seiner Frau.

"Er fand einen blassblauen Waschlappen im Bad und feuchtete ihn an. Barbara wischte sich den Mund und die falsche Hälfte des Gesichts ab. 'Bin etwas schwach', sagte sie. 'Das sehe ich.' Er wollte nicht gereizt klingen. Er hatte noch nicht gefrühstückt und schon so viele Schritte gemacht wie sonst an manchen ganzen Tagen nicht."

Tipps und Kritik aus dem Umfeld

Herr Schmidt wird noch viele Schritte mehr machen müssen. Etwas tief in ihm drinnen weiß, dass es seiner Frau viel schlechter geht, als er wahrhaben will. Sie wird immer dünner, das Gesicht spitzer, sie isst kaum etwas, obwohl er ihr eine Kartoffel kocht. Und Grießbrei, der aber klumpt.

Das dicke Mädchen hinter dem Tresen der Bäckerei hilft mit Kochtipps aus. Wenigstens ist sie nicht so neugierig wie die Nachbarin oder die joggende Frau im Park, die sich alle nach Barbara erkundigen. Oder wie sein Sohn, der unerwartet auftaucht und ihn dann auch noch kritisiert.

"In der Küche kann man sich nicht aufhalten, Vater. Alles dreckig, die Milch verschüttet, selbst der Kühlschrank stand offen. Ihr braucht jemanden. - Wen? – Eine Haushaltshilfe. – Deine Mutter duldet keine andere Frau im Haus. – Sebastian lehnte sich zurück und atmete scharf aus."

Sebastian holt sogar den Arzt, doch selbst der lässt Barbara, wenn auch ungern, wo sie ist: zuhause, bei ihrem Mann.

Eine leere Stelle im Gefüge

Erzählt wird die ganze Geschichte aus dem Blickwinkel von Herrn Schmidt, Rentner und seit 52 Jahren verheiratet. Ein selbstgerechter Kerl, immer und ewig an allem und jedem herumnörgelnd, um die Welt nach seinen Vorstellungen und Regeln zu ordnen. Er hat sich so zufrieden in seiner selbstsüchtigen Ordnung eingerichtet, dass er gar nicht auf die Idee kommt, dass seine Frau, seine Kinder, die Bekannten ringsum ihn ziemlich ignorieren.

Genervt von seiner Besserwisserei und seiner Sturheit führen sie ein Leben um ihn herum: Herr Schmidt ist nicht das Zentrum, sondern eine leere Stelle im Gefüge seiner Welt.

"Sie hob die Augen. Es schauderte ihn. Wenn sie ihn so anschaute, dann wusste er nie, worauf sie hinauswollte. Wenn er mit ihr geschimpft hatte, gerade am Anfang, als sie noch gar nicht wusste, wo es langging, hatte sie nie widersprochen, sondern ihn genauso angeschaut. Er hatte sich schon damals wie ein Stück Dreck gefühlt und sie dafür gehasst."

Boshaft und doch verständnisvoll

Romane über bockige alte Männer, die sich im Alter ihrer selbstverschuldeten Einsamkeit stellen müssen, gibt es einige, meistens von Schriftstellern geschrieben, die selbst in die Jahre gekommen sind.

Doch diesmal beschreibt eine Frau so einen Miniaturtyrannen, ziemlich unerwartet, weil Alina Bronsky sonst eher Frauen ins Zentrum ihrer Bücher stellt. Natürlich ist da Barbara, aber vor allem sieht sie diesem Herrn Schmidt mitten in sein verknöchertes Herz, kritisch doch mit warmer Ironie, boshaft und doch verständnisvoll. Ein leichthändig geschriebenes Buch, heiter, klug und voller Mitgefühl auch für die Tragik dieser verkrusteten Ehe.

"Manchmal war er mit Barbara irgendwo hingegangen, Grillpartys, Sommerfeste, sogar Gottesdienste. Sie hatte sich bei solchen Gelegenheiten immer den Mund fusselig geredet, während er daneben stand und ihre Handtasche hielt."

Ein neues Leben entdecken

Barbara wird sterben, das ist sicher, nur anders als anfangs vermutet. Denn ihr Mann ändert sich, gerade weil sein Leben sich nicht ändern soll. Er springt für seine Frau ein und entdeckt ihr reiches Leben, das sie parallel zu seinem selbstzentrierten Universum gelebt hat.

Er öffnet sich, erst widerwillig, dann erstaunlich erfolgreich, stellt sich der Gegenwart und mit ihr auch der Vergangenheit. Und kann Barbara endlich zeigen, wie sehr er sie doch liebt.

"Er legte gedankenlos eine Hand auf ihren Kopf, das weiche Haar, die warme Kopfhaut. Im nächsten Moment erschrak er über sich selbst und zog die Hand wieder zurück. Barbara aber griff nach hinten, nach seinen Fingern, und legte sie an ihre Wange."

Stand: 11.10.2021, 12:29